LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Nach einer Auszeit kehrt Serge Tonnar mit neuen Projekten zurück

Ungewohnt ruhig war es um ihn geworden, doch nun startet er wieder richtig durch: Nach seinem Sabbatjahr ist Serge Tonnar mit frischen Ideen zurück, die in den letzten Monaten Form angenommen haben. Über diese neuen Projekte haben wir uns mit dem Künstler unterhalten, ihm aber auch anderwärtig auf den Zahn gefühlt. Die einjährige Auszeit, die er sich mit seiner Frau genommen hatte, sei nötig gewesen, erzählt er uns, „um einfach mal runterzukommen, eine Pause einzulegen, auf das zurückzublicken, was ich gemacht habe, und zu überlegen, wie ich weitermachen will, beziehungsweise um zu reisen und sonst nichts zu tun“.

„Wenn man ein Projekt präsentiert, ist man eigentlich schon wieder dabei, das nächste zu planen. Aus diesem Hamsterrad kommt man nie wirklich raus, das geht ja auch nicht, weil man sonst keine Engagements hat. Genau das habe ich dann auch festgestellt, als ich nach meiner Auszeit zurückgekommen bin. Ein Jahr Pause sind an sich zwei Jahre Pause, weil man doch wieder eine gewisse Zeit braucht, um neue Sachen auf den Weg zu bringen“, gibt Tonnar zu bedenken. Auf zwei dieser Projekte darf sich das Publikum nun freuen, angefangen mit dem Album „Aner Lidder“ mit Songs von Bob Dylan, Nick Cave, Jacques Brel oder auch noch John Lennon, die der Musiker ins Luxemburgische übersetzt hat und die er an diesem Samstag in der Philharmonie vorstellt.

Persönlicher Geschmack

„Über die Jahre habe ich immer schon das ein oder andere Lied auf Luxemburgisch übersetzt und live gespielt. Jetzt ein ganzes Album zu machen, hat sich irgendwie ergeben. Natürlich hatte ich noch nicht alle Lieder parat und musste überlegen, welche sich noch anbieten würde, beziehungsweise, was sich überhaupt ins Luxemburgische übersetzen lässt, das funktioniert nämlich längst nicht immer“, weiß Tonnar. Sind es also nicht ausschließlich seine persönlichen Favoriten? „Der Großteil hat tatsächlich seit langem eine Bedeutung in meinem Leben, andere Lieder habe ich dagegen eher zufällig entdeckt, etwa Violeta Parras ,Gracias a la vida‘, das jetzt ,Merci un d’Liewen‘ heißt, oder ,Eng aner Welt‘, ursprünglich von ,Antony and the Johnsons‘, das ich beim Geburtstagsfest des ,Mouvement écologique‘ gesungen habe“, lautet die Antwort.

Wer glaubt, der Künstler hätte mit diesem Album leichtes Spiel gehabt, liegt falsch. „Es war viel schwerer, als eigene Lieder zu schreiben“, stellt Tonnar fest. „Wenn ich eigene Sachen schreibe, arbeite ich gleichzeitig an der Melodie und am Text. Beides kann ich anpassen, sodass die Sprache genau den Rhythmus bekommt, den sie braucht. Hier galt es, möglichst nah am Original zu bleiben. An der Musik konnte ich nicht rumbasteln, musste also Wörter in dem vorgegebenen Rhythmus und in der passenden Silbenzahl finden. Wenn das alles gelingt, kann man aber noch daran scheitern, dass die luxemburgischen Wörter an der falschen Stelle betont werden, sodass dann doch nicht die richtige Melodie entsteht. Ich habe bei diesem Projekt wirklich viel geschwitzt“, gibt er lachend zu. Als kreativ empfindet er diese Arbeit aber trotzdem, nur sei es eben eine andere Form von Kreativität. Das Album selbst findet er noch dazu „extrem persönlich“. „Wahrscheinlich weil mich die meisten Lieder seit Jahren persönlich berühren. Das sagt dann auch etwas über mich aus“, meint er.

Das Album-Cover zeigt den Musiker übrigens gleichzeitig als Marionette und Puppenspieler, der die Fäden in der Hand hält. Ist Serge Tonnar seine eigene Marionette? „Genau“, lacht er, „weil ich mich ja an sich selbst dazu bringe, ein Interpret anderer Lieder zu sein. Wenn ich meine eigenen Lieder schreibe, die ich dann nachher auf der Bühne interpretiere, ist es eigentlich nicht viel anders. Es ist jeweils eine komplett andere Arbeit. Manchmal verfluche ich den Autor Tonnar, weil ich als Sänger seine Texte lernen muss. In dem Sinn ist man also schon seine eigene Marionette, wenn man etwas erarbeitet und es nachher selbst präsentiert“.

Kirchen-Tournee mit Legotrip

Nach dem einmaligen Konzert mit Gastmusikern in der Philharmonie steht dann im Oktober eine größere Tournee mit Legotrip auf dem Programm. Diesmal geht es unter dem Motto „Kierch am Duerf“ durch fünf Kirchen dieses Landes. Hat Serge Tonnar seine religiöse Seite entdeckt? „So würde ich es nun nicht formulieren“, schmunzelt er, „aber ich mag Kirchen, wegen der Ruhe und auch wegen der Schönheit der Architektur. Es sind noch dazu Orte, an denen auch Musik gemacht wird. Es war schon lange mein Wunsch, in Kirchen zu spielen. Das setzen wir jetzt in die Tat um. Unsere Lieder werden neu arrangiert, und wir treten mit einem zehnköpfigen Damenchor auf, der extra über ein Casting zusammengesetzt wurde“. „Diese Konzerte geben mir außerdem die Möglichkeit, einen Aspekt meiner Musik zu zeigen, den die Leute vielleicht nicht so kennen. Den meisten sind Lieder wie ,Belsch Plaasch‘ und ,Crémant an der Chamber‘ bekannt, die anderen Sachen, die aber in der großen Überzahl sind und die sich mit Fragen über Leben, Tod und Philosophie beschäftigen, dagegen weniger“, fügt er hinzu.

Wird der Liedermacher in seinen Texten eigentlich zunehmend kritisch, und wenn wir schon beim Thema Kirchen sind, mutiert er vielleicht sogar zum Prediger? Serge Tonnar grinst. „Ich bin ja Sänger, Autor, Komponist, Interpret, der seine eigenen Texte auf die Bühne trägt, vor die Leute, das ist schon ein bisschen wie predigen. Sicherlich habe ich in verschiedenen Liedern schon mal die Rolle eines Predigers übernommen, der den Leuten die Moral vorhält, sei es auf witzige oder kritische Art“, meint er.

Enfant terrible

Dass er gelegentlich mit Liederzeilen oder auch Kommentaren in den sozialen Medien aneckt, ist ihm bewusst. Auch wenn er sich zuletzt etwas mehr in Zurückhaltung geübt hat, findet er es wichtig, seine Meinung zu sagen. „Wenn ich das Gefühl habe, etwas sagen zu müssen, dann tue ich es. Das gehört zu meinem Charakter. Inzwischen mache ich das aber weniger als noch vor ein paar Jahren. In Luxemburg hat man schnell eine Art Stempel als Rebell. Es reicht schon, wenn man nur kritisch denkt oder sich kritisch äußert, schon ist man ein Revoluzzer. Wir haben hier eine andere Diskussionskultur, alles geht ganz gemütlich zu, über vieles wird nicht in der Öffentlichkeit geredet, vielmehr wird es unter den Teppich gekehrt. Man muss eigentlich nicht viel tun, um als Enfant terrible zu gelten“, findet der Künstler. Nichtsdestotrotz sehe er es in gewisser Weise als seine Verantwortung, sich zu bestimmten Themen zu äußern. „Nicht unbedingt, um die Leute zu bekehren, aber damit sie sich zumindest ein paar Gedanken machen“, fügt er hinzu.

Weitere Projekte in petto

Die „Kierch am Duerf“-Tour soll im nächsten Jahr fortgesetzt werden. „Wir haben bereits ein paar Anfragen“, freut sich Tonnar, der noch weitere Ideen für künftige Projekte hat. „Es kommt jetzt einiges zusammen, weil ich nach meiner Auszeit ein Jahr lang an vielem gearbeitet habe, um wieder einen Fuß in die Tür zu bekommen. ,De Pier an de Wollef‘ mit dem OPL kommt auch noch vor Dezember auf CD heraus. Dann übersetze ich gerade ein Buch, das Ende des Jahres veröffentlicht wird, über das ich aber jetzt noch nicht reden will. Anfang nächsten Jahres werde ich ein Programm mit Luxemburger Liedern aus dem 19. Jahrhundert machen, nur Klavier und Gesang, dies mit Georges Urwald. Ja, ich habe noch einiges in der Pipeline“, verspricht der Künstler.

Alle Informationen zum Konzert in der Philharmonie sowie der „Kierch am Duerf“-Tour unter www.maskenada.lu