Derweil die „Présidence“-bedingten Abschottungsarbeiten im Regierungsviertel rund um das Hôtel de Bourgogne gestern munter weitergingen, so dass der volksnahe Premierminister Bettel sich angesichts der massiven Gitter, die nun schon seit einigen Tagen vor dem Staatsministerium aus der Erde wachsen, jetzt schon wie in einem Käfig vorkommen dürfte, stellte Außenminister Asselborn - zusammen mit seiner Amtsvorgängerin und erneuten Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer - zur gleichen Zeit im „Cercle Cité“ die Prioritäten der luxemburgischen EU-Ratspräsidentschaft vor, die am 1. Juli anfängt, offiziell aber erst am 3. Juli gestartet wird.

Und wie das in Luxemburg so üblich ist - „Fir Iessen a Gedrénks ass beschtens gesuergt“ - wird das Ganze nicht nur mit reichlich Bier und Crémant begossen, den es zum Auftakt der „Présidence“ im Rahmen einer „Happy hour“ geben wird, sondern findet auch noch allerlei Folklore statt, in diesem Fall ein Picknick für Europa, das sich vom zur Maison de l’Europe umgebauten Schuhladen Gilly bis zur Place d‘Armes und dem Theaterplatz hinziehen wird, und bei dem sich die Europafreunde durch die lukullischen Spezialitäten der 28 EU-Mitgliedstaaten probieren können. Ein Europaquiz darf da natürlich nicht fehlen, und bis 20.00 darf an diesem speziellen Tag ebenfalls in der Hauptstadt geshoppt werden. Phantastisch. Die politischen Prioritäten des nunmehr bereits zwölften luxemburgischen EU-Ratsvorsitzes, der übrigens mit insgesamt 93 Millionen Euro zu Buche schlagen soll, wurden gestern Nachmittag dann aber auch noch einmal in der Abgeordnetenkammer vorgestellt; im Mittelpunkt unserer „Présidence“ soll die Sozialpolitik stehen, unter anderem aber auch die Wiederankurbelung des Wirtschaftswachstums, die Flüchtlingspolitik und die Diskussionen über das umstrittene Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP).

Jean Asselborn dürfte sich dabei an seine erste „Présidence“ aus dem Jahre 2005 erinnert haben, bei der er, zumindest außenpolitisch gesehen, ein blutiger Anfänger war, nachdem er gerade erst einige Monate im Amt war, jedoch direkt ins kalte Wasser geworfen wurde. Dem Neuling, der zuvor monatelang sein Englisch aufpolieren musste, wurde seinerzeit jedoch - sicher ist sicher - mit Nicolas Schmit als beigeordnetem Außenminister ein erfahrener Diplomat zur Seite gestellt. Inzwischen hat sich Asselborn aber mehr als freigeschwommen und hat es sogar zum dienstältesten, und somit erfahrensten Außenminister der EU gebracht.

So wichtig und so arbeitsaufwendig so ein Ratsvorsitz auch ist, so wenig dürfte er allerdings die Öffentlichkeit interessieren, oder weiß einer, wer im Moment gerade die EU-Präsidentschaft inne hat, oder wie lange so eine EU-Präsidentschaft, während der die betroffenen Diplomaten und Beamten -sechs Monate lang - Blut und Wasser schwitzen, überhaupt dauert? Jede „Présidence“ hat übrigens - nation branding oblige - ihre eigenen Präsente für die teilnehmenden Minister, Sherpas und Delegierten parat, die, je nach Wichtigkeit und Rang, entweder ein Halstuch oder eine Krawatte (Tsipras freut sich schon) bekommen, oder aber - für Journalisten - einen Kugelschreiber mit tollem eu2015lu.eu-Logo. Früher war jedenfalls mehr Lametta, und dass das Regierungsviertel abgeriegelt war, das gab’s auch nicht...