NIC. DICKEN

Nur den wenigsten unserer Leser dürfte der Klageruf von Opa Hoppenstedt, alias Loriot, alias Vicco von Bülow, kein Begriff sein: „Früher war mehr Lametta!“, wie er in einem alljährlich zur Weihnachtszeit vielfach ausgestrahlten Slapstick über das Christfest in einem echten deutschen Biedermann-Haushalt bedauert.

Kaum noch jemand vermisst heute das Lametta am Christbaum, das ohnehin wegen starken Bleigehalts in Verruf geraten ist. Dafür sind zuletzt andere Begleitumstände des Weihnachtsfestes vielleicht noch stärker in Vergessenheit und Bedeutungslosigkeit versunken. Traditionell war das Weihnachtsfest in unserer Zivilisation der Zeitpunkt, an dem alles, die tägliche Hektik, der Arbeits- und Lebensrhythmus einen Gang runtergeschaltet wurden und, zum Teil dadurch bedingt, Freiräume für Nachdenklichkeit und Besinnlichkeit entstanden. Dass diese durch übertriebene Gefühlsduselei, durch wochenlange musikalische Berieselung und zunehmende Kommerzialisierung stark in den Hintergrund gedrängt wurden, ist ein Erscheinungsbild unserer zunehmend materialisierten Welt, in der jede sich bietende Gelegenheit genutzt wird für neues Geschäft. Geld regiert die Welt!

Es liegt uns fern, Weihnachten zum Sinnbild der Friedfertigkeit, der so genannten christlichen Nächstenliebe, der bedingungslosen Fürsorglichkeit und der familiären Eintracht hoch zu stilisieren. Studien haben gezeigt, dass die meisten Familienstreitigkeiten ausgerechnet an Weihnachten und in den umliegenden Tagen ausgetragen werden. Selbst jene Kreise, die uns all die tollen Dinge im Zusammenhang mit Weihnachten in der Vergangenheit regelrecht aufgedrängt hatten, schickten vor zwei Jahren, nur einige Tage vor Weihnachten, dem Oberhirten der luxemburgischen Kirche den Gerichtsvollzieher ins Haus, weil er sich der Komplizität im Zusammenhang mit der Enteignung von Kirchenvermögen schuldig gemacht habe. Auch in klerikalen Kreisen verhallt die christliche Frohbotschaft, wenn materielle Interessen ins Spiel kommen.

Auch Kriege haben vor Weihnachten nie haltgemacht, nicht im kalten Russland, nicht in den verschneiten Ardennen und schon gar nicht in anderen Teilen der Welt. Was soll’s, alles andere wäre ohnehin nichts als Vorspiegelung falscher Tatsachen, zumal es ja auch die selbst ernannten Friedfertigen nicht schaffen, das ganze Jahr über ohne Zwistigkeiten auszukommen.

Das viel gepriesene Miteinander scheint eine zu schwierige Aufgabe zu sein, als dass sie dauerhaft und flächendeckend erfüllt werden könnte. Es sind ja nicht unbedingt die klügsten und fähigsten Menschen, die in unserer Gesellschaft den meisten Erfolg vorweisen können, sondern es sind die rücksichtslosesten, die egoistischsten, die gewissenlosesten, die den Ton, die Richtung und die Ziele vorgeben.

Dass bei dieser Vorgehensweise viele auf der Strecke bleiben, obwohl eigentlich für alle genug da wäre, wird weniger als Missstand, sondern viel eher als Unfähigkeit gedeutet. Nicht nur zur Weihnachtszeit ist es keinem verboten, sich darüber eigene Gedanken zu machen.