ÖSTERREICH
MAREIKE FALLWICKL

Eine kleine Literaturschau mit drei aktuellen Titeln

Man sagt ihnen einen Hang zum Melancholischen und eine gewisse Vorliebe für bissigen Humor nach – auch und vor allem in der Literatur. Erfüllen die Österreicher im Frühjahr 2019 erneut diese stereotypen Erwartungen oder zeigen sie sich von einer herzlicheren Seite?

Lëtzebuerger Journal

Können wir einen Moment innehalten und dieses Wort genießen? Es ist ein wirklich schönes Wort. „Kaschmirgefühl“. Taktil irgendwie. Geschmeidig. Es ist so weich wie dieses Buch. So weich wie die andere Seite von Bernhard Aichner, der sich mit Thrillern den Weg in die Bestsellerlisten ermetzelt hat. Wer hätte gedacht, dass er auch zart sein kann? Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er sich traut, sich von dieser anderen Seite zu zeigen – und dass er als Schriftsteller eine solche Herausforderung angenommen hat. Schließlich besteht das Risiko, zu scheitern, wenn man Neues wagt, weshalb so viele von uns ja beim Altbewährten bleiben. Diesmal also ein kaschmirkuschliger Roman, und darin stirbt ausnahmsweise niemand. Stattdessen lernen sich zwei kennen: ein Mann und eine Frau. Ob das der Beginn einer großen Liebe ist, steht in den Sternen – oder besser gesagt in den Seiten, denn man erfährt es natürlich, wenn man dem Dialog der beiden folgt, der hochgradig merkwürdig und gleichzeitig voller Lügen ist. Die Wahrheit schimmert nur an manchen Stellen durch, niemand nimmt es damit so genau. In der Realität wäre das ein Gespräch, dem man nur kopfschüttelnd folgen würde, in der Fiktion darf der Bernhard Aichner freilich alles. Sein Buch ist frei von Mord und Totschlag, aber nicht blutleer. Er hat eine originelle, amüsante Geschichte geschrieben, die den Leser lächeln lässt für einen Moment – und das ist doch viel.

Herzerwärmend

Noch mehr ans Herz geht „Fünf Tage im Mai“ von Elisabeth R. Hager, die sich der Beziehung zwischen einem Mädchen und seinem Urgroßvater angenommen hat. Tat’ka ist ein baumlanger, sturer, alter Mann, der einzige Vertraute von Illy, die in einem Tiroler Dorf aufwächst, wo der Frühling spät kommt und die Menschen engstirnig sind. Auch in diesem Buch gibt es eine aufkeimende Liebe – in der die jugendliche Illy sich verliert. Als unserer jungen Heldin etwas zustößt, das sie aus der Bahn wirft, das sie klein macht und einsam und traurig, ist Tat’ka der Einzige, der ihr beistehen kann und darf, weil sie nur ihn in ihrer Nähe erduldet, und der ihr mit seiner Lebenserfahrung weiterhelfen kann. Manchmal gelingt das, dass eine Generation an eine andere weitergibt, was sie gelernt hat, manchmal entsteht eine Verbindung, die stärker ist als alle anderen. Elisabeth R. Hager, die interessanterweise Klangkünstlerin ist, hat etwas geschafft, das verblüffend schwierig ist: ein herzerwärmendes Buch zu schreiben, das frei von Kitsch bleibt – und trotzdem zu Tränen rührt. Ach, und das Österreichische! Es blitzt durch die Zeilen, es liegt in der Sprache, es schwingt vor allem im melancholischen Ton (ja, da ist er wieder), es macht diesen Roman besonders. Dabei sind die österreichischen Autoren ja eigentlich nicht für Kuschelliteratur bekannt, sondern mehr für Boshaftigkeit und schwarzen Humor. Ein Beispiel?

Reichlich schwarzer Humor

Bitte sehr: „Als gäbe es nicht genügend Arschlöcher auf der Welt, die einen fertigmachen, ohne dass sie einen auch nur anfassen.“ Mit solchen Arschlöchern kennt sich nämlich Eva aus – die Protagonistin in Angela Lehners schrill anmutendem, pink-rotem Roman „Vater Unser“ –, es ist sogar gut möglich, dass sie selbst eins ist. Die Autorin, die aus Klagenfurt stammt, ist Literaturwissenschaftlerin und präsentiert eine Protagonistin, der man nicht trauen kann, vor der man auf der Hut sein muss. Eva wird in eine Klinik eingeliefert, weil sie eine Kindergartengruppe erschossen haben soll. Aber ist das wahr? Und hat ihr Vater tatsächlich sie und ihren Bruder Bernhard missbraucht? Oder hat Eva sich das alles nur ausgedacht, um Bernhard – der in ebendieser Klinik wegen Magersucht behandelt wird – näherzukommen? Sie hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie ihn retten muss, doch der Leser wird schnell feststellen: Eigentlich ist es Eva selbst, die dringend Rettung benötigt. Das ist tragisch und traurig, witzig und verrückt – genau wie das Leben. Ein doppelbödiges Spiel veranstaltet Angela Lehner, und damit sind wir wieder bei Bernhard Aichner: mit diesen zwei Büchern voller Unwahrheiten, die in die Irre leiten, den Leser herausfordern, der Sache auf den Grund zu gehen, und dabei Spaß machen. Und das auf völlig unterschiedliche Weise.

Es sind also ganz verschiedene Gefühle, die in der österreichischen Literatur im Frühjahr 2019 durcheinanderwirbeln: Pflichtgefühl und Verantwortung, Familienbande und jene Art der Zusammengehörigkeit, von der man sich nicht lösen kann, auch wenn man es sein Leben lang versucht, Verliebtheit und etwas Weiches, Zartes, man könnte fast sagen ein Kaschmirgefühl.

Bernhard Aichner: Kaschmirgefühl
Haymon Verlag, 188 Seiten, 17,90 Euro

Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai
Klett-Cotta Verlag, 221 Seiten, 15,99 Euro

Angela Lehner: Vater Unser
Hanser Literaturverlage, 284 Seiten, 22 Euro

LeseZeichen

Verlegt, verworfen, verloren (Teil 1)

Mir fallen auf Anhieb ein paar Bücher ein, denen ich keine Träne nachgeweint hätte, wenn der Verlag sie versehentlich in den Orkus statt an die Buchhandlungen geschickt hätte. 
Den Schmachtfetzen „Wie die Luft zum Atmen“ von Brittany C. Cherry zum Beispiel – ein Buch wie ein Haufen Cocktailkirschen: künstlich, klebrig, überzuckert. Man kann von Glück reden, wenn einem davon nicht schlecht wird.  Oder so was wie Romy Braun-Bausterts „Im Sog der Diamanten“, ein Historienschinken aus einheimischer Produktion, mit unfreiwillig komischen Passagen wie dieser hier: „Und während Peggy sich vor dem kleinen Toilettenspiegel Wasser ins Gesicht spritzte, betrachtete sie sich selbst und musste zugeben, dass sie allen Vorurteilen perfekt entsprach: Eine dicke Hornbrille - leider blieb ihr bei ihrer Sehschwäche nur dieses Model übrig -, dazu graue Haut […]“. Es ist schon beeindruckend, zu welcher Selbsterkenntnis die bebrillte Protagonistin fähig ist, während (!) sie sich Wasser ins Gesicht spritzt. Allein in Deutschland werden jedes Jahr an die 90.000 Bücher verlegt. Darunter ist zwangsläufig viel Gutgemeintes. In Luxemburg liegt die Zahl der Neuerscheinungen vielleicht bei 150, der Markt ist halt ein paar Nummern kleiner. Das Verhältnis von schlechten und guten Büchern dürfte aber in etwa gleich sein.  Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Mehrzahl der Buchprojekte hüben wie drüben gar nicht erst verwirklicht wird. Diese Texte landen entweder im Schredder des eigenen Anspruchs oder in der Papiertonne der Verlagshäuser. Ein, relativ gesehen, großer luxemburgischer Publikumsverlag erhält etwa 50 Manuskripte im Jahr, die unaufgeforderten Zusendenungen mitgerechnet. Zwei Drittel davon werden nicht gemacht. Wer weiß, was uns da erspart geblieben ist! Wer weiß, was uns da entgangen ist! Mehr noch als die abgelehnten Bücher interessieren mich allerdings die verschlampten, verquarzten oder sonst wie verlorengegangenen Werke bedeutender Schriftsteller. Um die soll es beim nächsten Mal gehen. Wir lesen uns. Jérome Jaminet