LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über den Entscheidungsträger Konsument

Ich sitze gerade vor meiner Müslischüssel, betrachte abwechselnd die Nichtschwimmer-Dinkel-Flocken in den Mandelmilchwellen und den euphorischen Werbetext auf der knallgelben Verpackung, als mir plötzlich „e Späicherliicht opgeet“. Ein wahrer Proust´scher „souvenir involontaire“. Beinahe so, als würde ich statt des faden Vogelfutters eine köstliche Madeleine essen. Denn was ist ein 

„Späicherliicht“ anderes als eine Erinnerung, ein Wissen, das man schon hat und lediglich neu interpretiert? 

Eine Kette von Entscheidungen

Auf jeden Fall denke ich mal wieder, in ganz philosophiestudentischer Manier, darüber nach, was das Leben ist und ich glaube, meine Frühstücksgewohnheiten könnten Aufschluss darüber geben. Fragen nach dem folgenden Schema leiten mich dabei: Wie kommt es, dass ich gerade dieses Müsli esse und nicht etwa eine Madeleine? Warum trinke ich diesen Kaffee und nicht den einer anderen Marke? Der Grund liegt zwar auf der Hand, ist aber dennoch nicht uninteressant (mein Müsli bringt mich jetzt sogar schon dazu, zu reimen): Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ein Urteil gefällt. Und irgendwie werde ich das beschämende Gefühl nicht los, dass ich das ständig tue. Urteilen und bewerten. Das ist jetzt mein Leben. Wozu sonst die Werbung auf der Müslipackung, wenn nicht, um mich in meiner Entscheidung, in meiner Bewertung zu beeinflussen? 

Ich weiß, dass das nicht richtig ist, dass ich unmoralisch handle, wenn ich ständig in Dichotomien, also in Gegensätzen, denke, alles in „gut“ und „schlecht“ einteile, jeder Sache - und vor allem auch jeder Person - Adjektive zuschreibe und mir heimlich im Kopf eine Liste erstelle, was mir nun am jeweiligen „Bewertungsgegenstand“ gefällt und was nicht. Ich würde diesen Drang gerne ausschalten, würde mich gerne vom wertenden Denken befreien, aber ich merke, dass ich das nicht kann. Nicht nur, dass ich mich ständig dabei ertappe. Mir ist zudem stets bewusst, dass andere mich bewerten. Außerdem würde ich mich selbst handlungsunfähig machen, wenn ich dem ein Ende setzen wollte. Denn Handlungen fordern Entscheidungen und jede Entscheidung verlangt ein Urteil. Ich könnte nicht einmal hier sitzen, wenn ich nicht entschieden hätte, dass das in diesem Augenblick die beste Tätigkeit und der beste Ort für mich sind. 

Konsument Allmächtig

Was sich banal und belanglos anhören mag, wird in ein anderes Licht getaucht, wenn man sich gewahr wird, dass die Lebensbedingungen im 21. Jahrhundert diesen Entscheidungs- und Wertungsdrang in uns zusätzlich verstärken. Facebooklikes, Kundenrezensionen, Casting- und Rankingshows, Leserumfragen - ständig werden wir um unsere Meinung gefragt und wir teilen sie auch selbstverständlich mit. In den eben genannten Fällen ist die Bewertung immerhin offensichtlich, doch das ist nicht immer so. 

Als Konsument, beispielsweise im Supermarkt, bewerten wir ebenso, wie wenn wir uns in den sozialen Netzwerken bewegen und „Likes“ verteilen, nur, dass wir uns dessen in dem einen Fall bewusst sind, und in dem anderen nicht. Trotzdem tragen wir auch dort Verantwortung und unser Urteil hat Tragweite. Niemand Geringeres als wir selbst befördern Kochbücher auf die Bestsellerlisten, ein Lied über einen Regenschirm in die Charts und „quadratischpraktischgut“-Schokolade in die Regale jeder Tankstelle. 

Das wäre nicht weiter problematisch, würden wir lediglich Gegenstände bewerten. Doch das tun wir nicht, denn es geht immer auch um Menschen - Schriftsteller, Hotelführer, Produktentwickler, Angestellte, die in den Produktionsprozess von Waren eingebunden sind und viele mehr. Und wir nehmen uns einfach das Recht heraus, ganz egal, ob wir handfeste Kriterien und die nötigen Kompetenzen dafür haben, uns über all diese Menschen zu stellen und über ihr Produkt, ihre Firmen, ihre Arbeit, ja sie selbst, zu richten. Das ist sogar unsere Pflicht als Konsumenten! Ihr Schicksal liegt in unseren Händen, jeder Einzelne entscheidet über Erfolg und Misserfolg. Das ist Demokratie, wenn sie auf die Spitze getrieben wird! 

Daumen hoch, Daumen runter

Wenn ich versuche, mir das zu veranschaulichen, komme ich mir vor, als hätte ich jedes Mal ein paar Kreuzchen auf einen imaginären Wahlzettel gesetzt, wenn ich den Supermarkt verlasse. Ein Kreuz für Dinkelfrühstücksflocken. Ein Kreuz für Mandelmilch. 

Noch intensiver ist dieses Gefühl, wenn ich eine Rezension schreiben soll, auf meinem Youtubekanal „Tatta Text“ ein Buch bespreche oder für den Verlag meine Einschätzung über ein Manuskript abgebe. So sehr ich diese Tätigkeit auch liebe, so gern ich mir, trotz Einwänden, Castingshows ansehe, so sehr ich auch den Wettkampf suche und es mag, Produkte, Filme, Bücher et cetera zu entdecken und mit Bekannten über sie zu fachsimpeln, so sehr bin ich dem doch manchmal verdrießlich geworden, dass das ganze Dasein zu einer „Tinder“-ähnlichen Hot-oder-Flopp-Wischaktion geworden ist. Manchmal würde ich mir wünschen, diese allumfassende Demokratie wäre etwas eingeschränkter und jemand Kompetentes würde mir meine Entscheidungen in manchen Bereichen abnehmen und an meiner Stelle urteilen.

Aber das darf ich wohl nicht zu laut sagen, denn manchmal mögen wir es ja doch, „wichtig“, ein Entscheidungsträger zu sein und es ist ja immerhin auch die Möglichkeit zur Selbstbestimmung, ein Stück Freiheit, das uns gegeben wird. Doch es ist ein Stück Freiheit, das Verantwortung mit sich bringt und gegenseitigen Respekt verlangt.