LUXEMBURG
LJ
Ein Prozess mit vielen Schritten

Wie wird ein Fonds eigentlich aufgelegt?

Der in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger gewordene Sektor der Investmentfonds besteht nicht nur aus den Fondsgesellschaften selbst; dazu gehört ein ganzes Umfeld aus Initiatoren, Rechtsberatern, Managementgesellschaften und anderen Dienstleistern, die zusammen in Luxemburg rund 20.000 Beschäftigte zählen.
„Am Ursprung jedes Investmentfonds steht der Fondsanbieter oder Fondspromoter“, erklärt Jean-Jacques Picard vom luxemburgischen Fondsverband Alfi. In der Regel ist das eine Bank oder ein Vermögensverwalter. Er ergreift die Initiative zur Gründung des Fonds.
Der Fondsanbieter muss zuallererst die Frage beantworten, auf welchem Markt er mit welcher Anlagepolitik investieren will (amerikanische Aktien? europäische Anleihen? welche Branchen? Gewerbeimmobilien?), damit er Anlegern, die sich über seinen Investmentfonds an diesen Investitionen beteiligen möchten, einen echten Mehrwert bieten kann.
„Weitere Fragen, die sich dabei stellen, sind zum Beispiel, wie verwendet der Fonds die erwirtschafteten Gewinne?“, sagt Picard. „Werden sie reinvestiert oder an die Anleger ausgeschüttet? Wie werden diese Gewinne besteuert? Und vor allem: An welche Anleger richtet sich der Fonds? Kleinanleger oder institutionelle Investoren? In welchen Ländern? Und wie soll das Vertriebsnetz des Fonds aussehen?“

Viele Beteiligte

Eine Menge Fragen, die es zu klären gilt und auf deren Grundlage bestimme Juristen und Steuerexperten die am besten geeignete rechtliche Form des Fonds wählen. „Ein Fonds kann entweder selbstverwaltet sein oder benötigt eine Verwaltungsgesellschaft beziehungsweise einen Alternativen Investment Fonds Manager (AIFM)“, sagt Picard.
Die Fachleute erstellen sodann die Gründungsdokumente des Fonds, unterstützen den Fondsanbieter bei der Abfassung des gesetzlich vorgeschriebenen Verkaufsprospekts des Fonds und aller weiteren Dokumente zur Information der (potenziellen) Anleger und kümmern sich um alle notwendigen Schritte, damit der neue Fonds eine Zulassung durch die Aufsichtsbehörde erhält.
Gleichzeitig müssen Verträge mit den Dienstleistern, mit denen der Fonds zusammenarbeiten wird, geschlossen werden, dazu gehören: Die Depotstelle - eine Bank, die das Fondsvermögen verwahrt, seien es noch nicht investierte liquide Mittel, Aktien, Anleihen, Derivate oder andere Finanzinstrumente, in die der Fonds investiert hat. Der Wirtschaftsprüfer, der die jährlichen Rechenschafts- und Finanzberichte des Fonds überprüft und die Prozesse zur Berechnung des Nettoinventarwerts des Fonds analysiert. Der Fondsbuchhalter oder Administrator, der alle Transaktionen verbucht und regelmäßig den Wert der vom Fonds gemachten Investitionen erfasst, den sogenannten „Nettoinventarwert“. Die Register- und Transferstelle, welche die Aufträge der Anleger entgegennimmt und verwaltet. Vertriebspartner, die den Fondsanbieter dabei unterstützen, Anleger für seinen Fonds zu finden. Sollte die gesetzlich vorgeschriebene Position des Compliance Officer nicht intern wahrgenommen werden, ist ein externer zu beauftragen, dessen Aufgabe es ist, den Fonds vor jedwedem Schaden zu bewahren, der ihm durch Nichtbeachtung von Bestimmungen entstehen könnte. Hinzu kommt ein eventuell externer Risikomanager, dem es obliegt, sämtliche Risiken, denen der Fonds ausgesetzt sein könnte, zu ermitteln und Maßnahmen auszuarbeiten, um diese Risiken zu handhaben und zu kontrollieren.
„Sobald der Fonds dann von der zuständigen Aufsichtsbehörde - in Luxemburg die Commission de Surveillance du Secteur Financier CSSF - die Zulassung erhalten hat“, erläutert Picard, „kann er seine Arbeit aufnehmen.“ 

Diese Woche war der Fondsverband "Association of the Luxembourg Funds Industry“ (Alfi) auf Road Show in Hongkong, Tokio und Singapur. Alfi-Präsidentin Denise Voss warb dort für den Fondsstandort Luxemburg, wobei sie auch von Finanzminister Pierre Gramegna unterstützt wird. Es geht um Fachfragen wie digitale Entwicklungen und Regulierungen, vor allem aber um den Fondsstandort Luxemburg. Voss erklärt, mit welchen Botschaften im Gepäck sie nach Asien gereist ist.

Frau Voss, Sie waren gerade in Asien. Was ist Ihre Botschaft an die Märkte dort?

Wie bei jeder Roadshow im Ausland informieren wir über die rezente Entwicklung der Investmentfonds-Industrie in Europa im Allgemeinen und in Luxemburg im Besonderen. Im Moment befinden wir uns in der glücklichen Lage, darauf hinweisen zu können, dass die Summe der in Luxemburg verwalteten Investmentfonds die Schwelle von 4.000 Milliarden Euro im September vergangenen Jahres überschritten hat. Dadurch wird Luxemburgs führende Stellung als europäisches Zentrum für Investmentfonds bestätigt. Darüber hinaus geben wir einen Überblick über Neuerungen in Bereichen wie Regulierung, Aufsicht, Besteuerung, dem Vertrieb und der Produktentwicklung, die sowohl für asiatische Investoren mit Investitionsinteresse an Luxemburger Fonds als auch für asiatische Assetmanager und Fondsaufleger, die Investmentfonds in Luxemburg auflegen wollen, um Zugang zum europäischen und sogar globalen Markt zu erhalten, interessant sind.

Welche Beispiele für FinTech wollen Sie in den Blickpunkt rücken?

Wir fokussieren uns derzeit nicht auf bestimmte FinTech-Unternehmen. Selbst wenn diese im Moment für eine Reihe von Schlagzeilen sorgen, haben viele noch Kinderkrankheiten und müssen erst beweisen, dass sie zusätzlichen Wert bringen und vermarktbar sind. Da die meisten FinTech-Unternehmen bestehende Finanzdienstleistungen schneller, einfacher und preiswerter machen wollen, haben sie das Potential, jeden einzelnen in der Wertschöpfungskette der Investmentfonds zu betreffen. Viele Beobachter sehen das als Bedrohung der Branche, aber wir sind überzeugt davon, dass Finanztechnologie die Verbesserung von Prozessen und der Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht und dass durch sie Nutzer bessere Erfahrungen machen können, die wiederum zu neuen Kunden führen.

Welchen Einfluss hat die Seidenstraßen-Initiative Chinas auf die Fondsindustrie?

Diese chinesische Initiative zielt auf Infrastrukturprojekte ab, die die Verbindung mit anderen asiatischen Ländern und Europa verbessern sollen. Wir sehen keinen direkten Einfluss dieser Initiative auf die Fondsindustrie. Sollten jedoch die EU oder EU-Länder entscheiden, bei Infrastrukturprojekten in diesem Kontext mitzumachen, könnten Infrastruktur-Fonds eine Möglichkeit sein, um finanzielle Mittel zu sammeln, um diese Projekte zu finanzieren.

Wie wird sich die Fondsindustrie durch den Einfluss asiatischer Marktteilnehmer verändern?

Bislang haben asiatische Fondsaufleger noch nicht jene Größe erreicht, die es ihnen erlauben würde, die europäische Fondsindustrie fundamental zu verändern. Asiatische Länder sind jedoch wichtige Märkte für Europa und besonders für die Luxemburger Investmentfondsindustrie. Europäische Fonds profitieren davon, dass der „Europäische Pass“ für Investmentfonds, die den EU-Regeln und Auflagen entsprechen, als hoher Qualitätslabel in vielen asiatischen Ländern anerkannt ist.

Wie sehen Sie die Luxemburger Fondsindustrie im internationalen Kontext?

Luxemburg ist Europas Investmentfonds-Center Nummer eins im Hinblick auf das Fondsvolumen. Global gesehen steht Luxemburg an zweiter Stelle hinter den USA. Darüber hinaus ist Luxemburg zweifelsohne weltweit führend beim grenzüberschreitenden Fondsvertrieb, denn in Luxemburg registrierte Fonds werden in über 70 Länder auf der ganzen Welt exportiert.

Was bedeutet die 2018 gültige „Markets in Financial Instruments Directive“ (MiFID) II für die Fondsindustrie?

MiFID II umfasst die überarbeiteten und ergänzten Regeln der Richtlinie von 2007, mit denen ein regulatorischer Rahmen für Finanzdienstleistungen vorgelegt wurde. Die Maßnahmen zielen vor allem auf Anlegerschutz und mehr Transparenz im Markt ab. Gemäß MiFID II müssen Zielmärkte für jede Anlagesparte der Fonds sowie für Zielkunden, für die das Produkt geeignet ist, im Hinblick auf deren Finanzkenntnisse, persönliche Situation, Risikoprofile und Anlageziele klar sein. MiFID II verpflichtet Fondsmanager dazu, zusätzliche Informationen zusammen zu stellen und zur Verfügung zu stellen, damit Anleger Risikoklasse, Markterwartungen und Kosten der Anlageempfehlungen besser vergleichen können. Die Auflage, angemessene Informationen zur Verfügung zu stellen, ist nicht auf den Auflegenden begrenzt, sondern bezieht sich auf jeden, der Finanzprodukte und Finanzberatung in Europa anbietet. Da MiFID II auch die Offenlegung der Bezahlung von gewährten Vorteilen wie Provisionen oder Kommissionen oder unentgeltlichen Vorteilen an Fondsvertreiber regelt, sind Serviceanbieter für Investmentfonds und besonders Wertpapierfirmen noch stärker von der neuen Regel betroffen als Assetmanager.