LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Parteiübergreifende Initiative bringt Frauen in die Politik

Es gibt viele Ansätze, um die Zahl der kommunalen Mandate in weiblicher Hand zu steigern. Bislang sind nur 252 der 1.124 kommenden Entscheidungsträger Frauen. Jetzt kann eine parteiübergreifende Initiative erstmals Erfolge verzeichnen. Von den 40 Teilnehmern treten 22 am 8. Oktober bei den Wahlen an - davon sind 20 Frauen. Viele weitere können sich das für die Zukunft gut vorstellen. Gleichstellungsministerin Lydia Mutsch gratulierte den Absolventinnen - und betonte, dass Frauen in den Gemeinden wichtig sind, weil sie einen anderen Blickwinkel haben.

Auf Fragen wie „Eigne ich mich zum Lokal-Politiker? Was muss man dort eigentlich können? Wer kann sich melden, wie trete ich auf?“ suchen viele Menschen Antwort, die sich vielleicht gern in der Politik engagieren würden. Vierzig von ihnen wurden jetzt erstmals im „Programme d’Accompagnement des Candidates aux Elections 2017“ (PACE) geschult. Wir haben mit der Organisatorin Rita Knott gesprochen, die diese Woche mit der „Internationalen Mentoring Konferenz“ das Cross-Mentoring und das PACE Programm abgeschlossen hat.

Frau Knott, warum gibt es erstmals ein Schulungs-Programm für Nachwuchs-Lokalpolitiker?

Rita Knott Im Frühjahr 2016 hatte das Gleichstellungsministerium auf deren Webseite „Votez égalité“ einen Aufruf nach Begleitprogrammen ausgeschrieben. Ich fand das interessant. Da ich schon seit vielen Jahren Führungskräfte und Aufsichtsratsmitglieder schule. Gefragt war hier ein Begleitprogramm für das neue Gesetz. Da Frauen in der Politik unterrepräsentiert sind, wollte das Ministerium Kandidatinnen ermutigen.

Was haben Sie vorgeschlagen?

Knott Ich habe drei Teile vorgeschlagen: Einen Motivationsfragebogen, bei dem es für die Teilnehmer darum ging, ob die Rolle zu mir passt und welche Werte ich habe. Zweitens gab es interaktive Ateliers mit Mentoring. Dort wurden Themen wie öffentliche Reden schreiben und halten, Konfliktmanagement, interkulturelle Kommunikation und Auftreten angesprochen. Drittens haben wir zwei Seminare von zweieinhalb respektive zwei Tagen Dauer im Schloss Ansemburg in Ansemburg veranstaltet. Da ging es darum, seinen Stil zu finden, Themen wie Führungsstärke und Meinungsführung standen ebenfalls auf dem Programm. Bei allen drei Angeboten haben wir professionelle Coaches eingesetzt. Nicht alle Teilnehmer haben an allen drei Elementen teilgenommen. Mitte Februar stand das Programm und zwischen März und Juli liefen die Schulungen.

Wer hat sich gemeldet?

Knott Wir hatten zwischen 25 und 40 Plätze geplant und wussten zunächst selbst nicht, wie groß das Interesse sein würde. Ich habe über die rund 600 Kontakte meiner Datenbank 15 Anmeldungen erhalten. Dann habe ich die Parteien kontaktiert, damit diese ihre Mitglieder informieren können. Ich muss dazu sagen, dass wir die Parteien, die in der Chamber vertreten sind, angeschrieben haben, das heißt, die Kommunisten waren nicht dabei. Bis Ende Januar hatten sich 36 Frauen und vier Männer gemeldet. Momentan beträgt der Frauenanteil in der Politik 22 Prozent. Daher wollten wir nicht mehr als 22 Prozent männliche Teilnehmer. Wir haben nach den Anmeldungen mit allen Teilnehmern ein bis zwei Stunden ein persönliches Gespräch geführt. Dabei ging es auch um die Rahmenbedingungen wie den notwendigen Zeitaufwand, rechtliche Regelungen wie den „congé politique“ oder Sprachkenntnisse. Bei knapp 20 Prozent war klar, dass die Sprachkenntnisse nicht für ein politisches Mandat ausreichen oder sie nicht genug Zeit haben. Es blieben aber 34 Teilnehmer.

Sie haben auch Mentoren gesucht. Was steckt dahinter?

Knott Wir haben im Führungsbereich gute Erfahrungen mit Mentoren gemacht. Hier wollten viele Kandidaten einen Mentor. Wir haben dann einen entsprechenden Mentor gesucht, der immer aus der gleichen Partei kommen, aber nicht aus der gleichen Gemeinde kommen musste, aus der auch der Kandidat oder die Kandidatin kam. Leider gab es wegen der anstehenden Wahlen und der damit einhergehenden zeitlichen Belastungen nicht genug Mentoren für alle. Den 13 Mentoren, die mitgemacht haben, haben wir auch noch eine zweistündige Schulung angeboten.

Was ist Ihnen aufgefallen?

Knott Es gab parteiübergreifend eine Gruppendynamik und ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das war besonders stark ausgeprägt bei den Teilnehmern an den mehrtägigen Seminaren. Darüber hinaus hat es den meisten Spaß gemacht. Auffällig war auch, dass längst nicht alle Interessenten von Anfang an sicher waren, für welche Partei sie kandidieren wollten. Und selbst wenn sie entschieden waren: Die Partei musste ja auch wollen.

Gab es Teilnehmer, die nicht kandidieren wollen?

Knott Ja, wobei die Gründe sehr unterschiedlich waren und von einem Pflegefall in der Familie über einen anstehenden Umzug bis hin zu Zeitmangel reichen. Einige, die sich jetzt nicht engagieren, wollen das später tun.

Wie viele kandidieren jetzt?

Knott Von 40 Teilnehmern kandidieren 22 jetzt, davon sind 20 Frauen und zwei Männer.

Motivation: Warum sie jetzt auf der Liste stehen

Carolina Dupong-Thiede | 34
Kommunikationsmanagerin, CSV, Luxemburg-Stadt
Ich habe mich immer für Politik interessiert und war früher, als ich noch in Lissabon gelebt habe, mal Vizepräsidentin der Demokratischen Jungen Gemeinschaft Europas (Democrat Youth Community of Europe) und Mitglied sowie internationale Sekretärin der „Juventude Popular“. Bevor ich nach Luxemburg kam, habe ich unter anderem in Frankreich, Spanien und Dänemark gelebt. Aber dort konnte ich mich nicht engagieren. In Luxemburg hatte ich erstmals eine Stimme in der Politik. Ich lebe seit sechs Jahren hier, bin aber nicht Luxemburgerin. Ich will mich hier integrieren. Für die CSV habe ich mich entschieden, weil sie meiner politischen Linie am meisten entspricht. Die hat eine lange Geschichte. Ich habe mich schon früh für Politik interessiert, schon mit 16 Jahren. Ein paar Jahre zuvor waren wir aus São Paulo nach Lissabon gezogen. Meine Eltern sagten: Besuche alle Parteien, fragen nach dem Programm. Das habe ich gemacht. Ich habe das alles gelesen. Als ich das Programm vom portugiesischen Äquivalent der CSV öffnete, ging es um Familie als Grundstein der Gesellschaft. So fing das an. Als ich nach Luxemburg kam, wollte ich mich engagieren. Ich wusste viel über Politik und half in der Kampagne. Die CSV war sehr offen. So kam es zur Nominierung, die mich sehr überrascht hat. Ich wollte nicht nominiert werden, nur, weil ich eine Frau bin - aber sie haben mich überzeugt, dass es an meinen Ideen liegt. Ich bin sehr zukunftorientiert, jedoch habe ich eine eigene Art, Werte zu kommunizieren. Vielfalt ist mir wichtig und Familie. Ich bin auch Mutter. Und ich weiß, wie es ist, zu reisen, umzuziehen und Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ich habe hier meinen Mann hier gefunden. Ich denke, ich habe Luxemburg gewählt und Luxemburg hat mich gewählt. Das PACE-Programm beinhaltete sehr viel Information über Luxemburg und das System, da konnte ich einiges lernen. Die Teilnehmer waren sehr unterschiedlich, aber alle hatten Werte. Die gemeinsamen Seminare haben auch zum Respekt vor den Werten der anderen geführt. Durch das Programm habe ich einige wirklich tolle Leute kennen gelernt. Mein Mentor war auch wichtig, er hat mir viele Einblicke in die lokale Politik und Luxemburg vermittelt und sich mehr als sechs Mal mit mir getroffen. Ich kann zwar nicht Bürgermeisterin werden, aber in vielen Bereichen mitarbeiten. Darauf freue ich mich.


Sven Bindels | 38
Postbeamter, DP, Mamer
Ich bin in die Politik gegangen, weil ich mich lange aufgeregt habe und da ist es nur folgerichtig, dass man selbst etwas ändert. Jetzt war der richtige Zeitpunkt, da ich Ende des Jahres als FIFA-Schiedsrichter aufhöre, um mich noch mehr auf die Politik zu konzentrieren. Ich bin 2013 in die DP eingetreten, im Rahmen der Landeswahlen, wo ich 6. im Südbezirk wurde. Seither interessiert mich Politik noch mehr, aber man braucht Geduld und Ausdauer. Seit ich wählen gehe, habe ich immer DP gewählt. Daher war die Wahl der Partei für mich ganz klar. Darüber hinaus hat mich deren Wahlprogramm immer angesprochen. Als Schiedsrichter setzte ich mich für Gerechtigkeit und Fair Play ein - und diese Werte vertritt die DP. Auch Ehrlichkeit ist mir wichtig. Seine Werte muss man vertreten können und man darf sich von diesen nicht abbringen lassen. Ich will eine bürgernahe und transparente Politik, nur so kann man wieder das Vertrauen der Wähler gewinnen. Nach dem Eintritt in die Partei gab es ein herzliches Willkommen. Für die neuen Mitglieder gibt es bei der DP immer eine Begrüßung mit den Spitzenpolitikern, die man sonst nicht so oft sieht. Das ist schön, denn man sieht, dass das auch normale Leute sind. Gleichzeitig geht es auch um politische Themen. Anfangs wurde ich von Max Hahn, einem sehr guten Kollegen von mir, begleitet. Er war mein Partei-Mentor. Im Rahmen des PACE-Programms hatte ich Gusty Graas als Mentor, weil dort mein Mentor älter sein musste. An dieser Stelle will ich mich auch bei meinen beiden Mentoren bedanken, die immer ein offenes Ohr hatten respektive noch immer haben. Das Programm fand ich sehr interessant und hilfreich. Jeder weiß beispielsweise, wie schwer es ist anfangs ist, vor Publikum zu reden. Das haben wir mit einer professionellen Trainerin geübt. Ich fand auch die Anwesenheit von Kandidaten aus verschiedenen Parteien positiv. Jeder Politiker sollte nicht nur andere schlecht finden, sondern auch mal zuhören und selbstkritisch sein. Später kann das auch für eine Koalition hilfreich sein. Ich fand es gut, dass so viele Frauen mitgemacht haben, denn die fehlen uns noch in der Politik. Für meine Spitzenkandidatur war das Programm eine gute Unterstützung.

 
Marion Muller | 75
Pensionierte Sekretärin, LSAP, Echternach
Ich bin 2005 in die LSAP eingetreten und war erstmals als Kandidatin dabei. Die Parteimitglieder haben mich ganz herzlich empfangen und in diesem Jahr wurde ich gefragt, ob ich zum dritten Mal auf die Liste möchte. Zeit hatte ich, denn die Kinder waren aus dem Haus und ich bin in Rente. Jetzt bin ich mit Begeisterung dabei. Ich war immer Sozialistin, das war immer meine Partei. Ich bin politisch interessiert und will etwas zur Verbesserung der Situation beitragen, zumal jener der Frauen. Ich bin schon länger bei den „Femmes Socialistes“ und arbeite da auch auf Landesebene bei der LSAP mit. Bei uns ist Gemeindepolitik auch Landespolitik. Ich habe sehr konkrete Vorschläge. Ich denke, wer verheiratet ist, das muss auch im Pensionsgesetz berücksichtigt werden und nicht nur fakultativ. Wir haben viele Probleme mit der Altersversorgung, die übrigens nicht nur Frauen treffen können, sondern auch Männer. Diese Situation will ich verbessern. Mir hat das politische Engagement vor allem auf Gemeindeebene Zufriedenheit gebracht, weil wir verschiedene Dinge erreicht haben. Ich bin auch sehr optimistisch. Gleichheit und Gerechtigkeit sind mir sehr wichtig. Ich will etwas bewegen und die Situation verbessern. Das PACE-Programm fand ich ganz interessant, um verschiedene Leute kennenzulernen. Es hat mir geholfen bei Fragen zum Konfliktmanagement und zwischenmenschlichen Beziehungen. Man lernt andere Meinungen und Leute kennen. Die Beziehung zu Menschen ist mir sehr wichtig und auch die Transparenz bei Informationen.


Chantal Hengen | 52
Hausfrau, parteilos, Aspelt, Gemeinde Frisingen
Ich bin dieses Jahr das erste Mal dabei. Wir sind ein unabhängiges, kleines Team. Ich habe mich engagiert, weil das Ministerium die Kampagne „Votez Egalité“ gestartet hat. Da liefen verschiedene Veranstaltungen. Ich habe nicht an allen teilgenommen, aber dennoch ist die Gemeinde auf mich aufmerksam geworden. Ich bin eigentlich grün, aber die Partei haben wir in der Gemeinde nicht. Daher treten wir als parteilos an. Ich wohne seit 48 Jahren im Ort und wollte aktiv sein, um eine Brücke zwischen Bürgern und der Gemeinde zu bauen. Denn viele Leute kommen zu mir und wollen, dass ich ihnen bei den unterschiedlichsten Fragen helfe. Im Ort bin ich bekannt, denn ich bin Gründungsmitglied im Schlossverein, war lange im Geschichtsverein, helfe bei der Feuerwehr und kümmere mich um die französische Partnergemeinde, die im Zweiten Weltkrieg viele Menschen von hier aufgenommen hat. Jetzt kommen mehr Leute zu mir, weil ich unsere Vorstellung zur Wahl verteilt habe. Bei uns ist das Aspelter Schloss eine große Frage, das ewig restauriert wurde, aber immer ist noch unklar, ob es ein Kulturzentrum wird, wie wir das wollen, oder etwas anderes. Wir haben seit Jahren Schlossfest organisiert. Das ist ein lokales Thema. Mich interessiert Nachhaltigkeit, deshalb habe ich schon früh eine Holzheizung und Solarzellen einbauen lassen, denn wir wollen den Kindern eine bessere Welt hinterlassen. Meine beiden Kinder sind mittlerweile groß und unterstützen mein politisches Engagement. Das PACE-Seminar fand ich eine große Chance, es war gut. Dort habe ich interessante Leute kennengelernt. Mir persönlich hat der Teil gut gefallen, in dem es darum geht, wie man Probleme angeht, analysiert und Lösungen findet. Auch das Training der freien Rede fand ich gut. Es waren sehr konstruktive Diskussionen. Man hat gelernt, immer fokussiert und sachlich zu bleiben. Ich denke, das wird mir bei der alltäglichen Arbeit helfen, aber auch beruflich.  


Dr. Anna Chioti | 46
Stellvertretende Direktorin am „Luxembourg Institute of Health“, tritt nicht an
Ich habe mich schon immer für Politik interessiert, denn ich will die Gesellschaft verbessern, zumindest bei bestimmten Themen dazu beitragen. Aber das verlangt viel Einsatz und ich will es auch richtig machen. Für mich ist noch nicht ganz klar, für welche Partei ich antreten will. Da habe ich noch Arbeit vor mir, denn sehr viele gesellschaftliche Fragen sind für mich wichtig. Das liegt vielleicht auch an meinem griechisch-dänischen Ursprung und meinem Beruf als Ärztin. Für mich sind Themen wie Gesundheit für arm und reich wichtig, aber auch Gleichstellungsfragen liegen mir am Herzen. Hier in Luxemburg arbeite ich an seltenen Krankheiten und weiß, wie wichtig es ist, dass kranke Menschen unterstützt werden. Ebenfalls wichtig ist es mir, junge Leute einzubeziehen. Ich denke, durch öffentliche Auftritte kann ich auch andere dazu animieren, ihre Meinung zu sagen und sich einzubringen. Das PACE-Seminar war eine einmalige Chance. Ich kannte Frau Knott und die Qualität ihrer Programme schon. Gut finde ich, dass das Programm vom Ministerium unterstützt wurde. Als ich mich in meiner Gemeinde Larochette dafür einschrieb, war die Mitarbeiterin ganz froh und sagte: „Gut, dass Sie teilnehmen, früher sind Frauen auf die Straße gegangen, um für das Wahlrecht zu kämpfen.“ Das Seminar hat mir geholfen, mir meiner Werte und Prioritäten bewusst zu werden, aber auch, mir klar zu machen, welchen Zeitaufwand das erfordert