LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

In neuer Mudam-Schau „No Man’s Land“ treffen Umweltaktivismus und Kunst aufeinander

Es gehört längst zum Denken des modernen Menschen, wenn es um Flora und Fauna geht: sammeln, katalogisieren, domestizieren. Nicht nur in Forschungseinrichtungen, Zoos und Naturkundemuseen kommt, was sprießt und fleucht, gepresst, eingelegt oder lebendig hinter Glas. Auch auf heimischen Fensterbänken grünt es, sogar Pflanzen, die sonst im tiefsten Urwald wuchsen, als jene noch tief und intakt waren. Einen solchen pessimistischen und ironischen Blick auf das Verhältnis von Mensch und Natur am Beispiel exotischer Pflanzen wirft der Künstler Mark Dion mit seinem „Mobile Bio Type - Jungle“: In seinem Gewächshaus auf Rädern wachsen exotische Urwaldpflanzen: ausgewählt, fein ordentlich arrangiert und unter Beobachtung.

Dion ist einer von insgesamt 14 Künstlern, die derzeit im Mudam einen Teil ihrer Werke zeigen. Die aktuelle Ausstellung „No Man’s Land - Naturräume, Versuchsfelder“ kreist größtenteils um die zerstörerischen Aspekte im Einfluss des Menschen auf die Natur. Startpunkt für die Schau und das gleichnamige interdisziplinäre Forschungsprojekt war ein Kolloquium der Pariser Sorbonne zu Umweltfragen mit Forschern, Künstlern und Philosophen.

Wald aus Schaumstoff

Zu den faszinierendsten Objekten der Schau gehört zweifelsohne die Skulptur „Tronchi caduti“ des Turiner Künstlers Piero Gilardi, einem Vertreter der mit gewöhnlichen und alltäglichen Materialien arbeitenden „Arte Povera“. Im Mudam ist man stolz auf das Waldstillleben des zeitweise umfassend frugal lebenden Künstlers. Es besteht aus Harz und weichem Kunststoff und wirkt auch bei genauem Hinsehen wie echte Natur. „Es ist schwer zu transportieren, Museen verleihen es nicht gern“, erklärt Kuratorin Marie-Noëlle Farcy.

Ein deutlich düsteres Bild malt der US-amerikanische Biologe und Künstler Brandon Ballangée, ganz ohne Farben: In „Collapse“ türmt er Gläser mit deformierten Unterwasserlebewesen zu einer Pyramide auf. Die Tiere sammelte er 2010, nach der Explosion der Ölbohrplattform „BP Deepwater Horizon“. Während schon im Unterbau einige leere Gläser auffallen - die Art ist fast hinüber? - markiert der Umweltaktivist mit einem leeren Glas auf der Spitze klar seine Kritik am Raubbau. Bei ihm ist es schon fünf nach zwölf. Dazu passen die Arbeiten der Schweizer Naturwissenschaftlichen Zeichnerin Cornelia Hesse-Honegger, die nach dem Gau von Tschernobyl in der Ukraine unterwegs war und Zeichnungen von Insekten und Blättern angefertigt hat - ihre Bilder scheinen erst wie aus dem normalen Biolehrbuch, lassen aber bald Deformierungen erkennen und erschaudern.

Mehr offene Fragen aufwerfen als Antworten geben, das ist das Ziel der drei Kuratoren der Schau. Die Werke sind jedenfalls sehenswert und größtenteils sehr leicht zugänglich. Zudem gibt es ein Begleitprogramm mit Künstlergespräch, Workshops, Tanzvorstellung und Videos von einer Reise auf Luxemburgs Grenzen, welche die Künstlerin Clio Van Aerde abwandert.

Die Ausstellung „No Man’s Land“ läuft bis noch bis zum 9. September, die Vernissag findet am 17. Mai, 18.00, statt

„Tomorrow’s Sculpture“, die neue Schau mit Werken von Katinka Bock wird bis zum 2. September gezeigt und ebenfalls am 17. Mai feierlich eröffnet. Artikel folgt. Weitere Informationen unter www.mudam.lu