CORDELIA CHATON

Von wegen Plätzchen, Tee und vorweihnachtliche Beschaulichkeit: Für die britische Premierministerin Theresa May geht es ums Ganze; mal wieder. Fünf Tage hat sie Zeit, 40 Stunden insgesamt, um ihre mit Brüssel ausgehandelte Vertragsvorlage für den Brexit durchs Parlament zu bringen. Und diese Stunden sind mit Hürden nur so gepflastert. Denn May braucht 320 von 639 Stimmen. 220 haben ihre Zustimmung signalisiert. Das bedeutet: Der weiche Brexit ist alles andere als sicher. Entweder schafft sie es, 100 Abgeordnete auf ihre Seite zu ziehen, oder, noch schwieriger, doppelt so viele zur Enthaltung zur bringen.

Gegner hat sie genug: Die Brexit-Hardliner, die sie am liebsten stürzen und einen Typ wie Boris Johnson als Nachfolger einsetzen würden. Dann gibt es die Freunde der EU, zumeist unter den Tories. Die finden den Brexit schlecht und würden am liebsten alles rückgängig machen oder wenigstens ein anderes Vertragswerk unterzeichnen. Ein weiterer Flügel spekuliert auf Neuwahlen.

Auch die Schotten, die Liberalen, die Grünen und die Waliser halten gar nicht vom Brexit. Der nordirischen DUP hingegen kann es gar nicht hart genug sein - und deshalb lehnt sie Mays Vorschlag ab.

Ein anderes Gutachten dürfte hingegen den EU-Anhängern Auftrieb geben: Großbritannien kann den Brexit aus Sicht eines Experten am Europäischen Gerichtshof (EuGH) noch stoppen - und so den Austritt im März 2019 aus der Staatengemeinschaft.

Wenn May es nicht schafft, bleiben ihr gerade mal zwei Wochen, um mit der EU einen neuen Deal auszuhandeln. Angesichts all der Zeit, die jetzt schon ins Land gegangen ist, ist es mehr als unwahrscheinlich, dass etwas Abstimmungswürdiges dabei heraus kommt. Die EU will ihr jedenfalls nicht weiter entgegenkommen.

Dann bleiben die Optionen Rücktritt, Neuwahlen oder ein zweites Referendum über den Brexit. Klar ist zumindest jetzt schon, dass ein anderer Nachfolger nicht für eine bessere Lösung sorgt. Denn das Problem ist nicht May, sondern die verfahrene Situation, in der keine Partei von ihrer Überzeugung abrücken will.

Vielleicht gibt es doch noch eine salomonische Lösung für den Fall - und die kommt ausgerechnet aus Luxemburg. Denn das oberste schottische Zivilgericht hatte den Europäischen Gerichtshof um eine Bewertung gebeten. Das Gutachten ist noch kein Urteil und somit nicht rechtlich bindend. Aber interessant auf jeden Fall. Gestern entschieden die Experten: Großbritannien kann den Brexit noch stoppen.

Das Land könnte den Austrittsantrag einseitig und ohne Zustimmung der übrigen EU-Staaten zurückziehen und Mitglied der Staatengemeinschaft bleiben, erklärte Generalanwalt Manuel Campos Sánchez-Bordona in Luxemburg. Dies gelte bis zum Abschluss des Austrittsabkommens.

Das wäre es doch: Ein irrer Sturm im Wasserglas - und dann endlich Weihnachten. Von mir aus mit einem EU-weiten Fest, zu dem es Roast Beef und Christmas Pudding gibt. Getreu den Worten von George Bernhard Shaw: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“