LUXEMBURG
SVEN WOHL

Lange nur eine Idee, konkretisiert sich nun die „Nordstad“

Im Jahr 1973 wurde die Idee der „Nordstad“ konkret gefasst. Seither ist viel über den dritten Entwicklungspol des Landes gesprochen worden. Meistens blieb es bei der abstrakten Theorie. Doch in den vergangenen Jahren wurden immer konkretere Projekte angepackt. Projekte, die schließlich dafür sorgten, dass eine konkrete Umsetzung der „Nordstad” mittlerweile zum Greifen nah ist.

Gemeinsame Identität statt Rivalität

Seit 2003 spricht man im „Programme directeur d’Aménagement du Territoire“ von der „Nordstad“, ihrem Fokus und der Tatsache, dass eine gemeinsame Identität geschaffen werden sollte. Während in den Jahren davor eine gewisse Rivalität zwischen Ettelbrück und Diekirch bestand – welche sich auch historisch nährte und so gedeihte – war man sich in der Hauptstadt einig, dass die Region zur Stadt des Öslings, beziehungsweise des Nordens, avancieren sollte.

Aus der Landesplanung ist die „Nordstad“ seither nicht mehr wegzudenken: Im „ Integrativen Verkehrs- und Landesentwicklungskonzept für Luxemburg“ (IVL) aus dem Jahr 2004 feierte das Konzept erneut einen Auftritt, bei den darauffolgenden Berichten des LISER, welche die Raumentwicklung Luxemburgs untersucht, ist der Begriff ebenfalls etabliert. Selbst wenn der Begriff partout vermieden werden sollte, spielt die Achse Ettelbrück-Diekirch eine wichtige Rolle in der Landesplanung.

Doch nicht nur hier etablierte sich der Begriff. Ob „Nordstad Lycée”, „Nordstad Bus“ oder „Nordstad Turnveräin” – man begegnet dem Konzept in der Öffentlichkeit häufiger. An konkreten Projekten kann man allen voran die Industriezone „Fridhaff“ nennen. Angedacht wurde diese bereits im „Masterplan Nordstad“ im Jahr 2008, mittlerweile nehmen immer mehr Gebäude auf der Megabaustelle Form an.

Ganze 28,5 Hektar bieten mehr als 30 Unternehmen Platz und sorgen so für zahlreiche Arbeitsplätze innerhalb der „Nordstad“.

Es ist also kein Zufall, dass 2018 wieder konkrete Fusionsbemühungen öffentlich wurden. Schieren, Ettelbrück und Erpeldingen/Sauer wagten den Vorstoß und luden die anderen drei Gemeinden ein, mitzumachen. Einzig Colmar-Berg lehnte dankend ab. Nun sitzt man zu fünft an einem Tisch und sondiert die Lage.

Lëtzebuerger Journal

Alle Karten auf den Tisch

Aktuell wird im Rahmen einer möglichen „Nordstad“-Fusion ausgelotet, inwiefern diese Sinn macht
Luxemburg Seit vergangenem Jahr ist man im Projekt „Nordstad“ ein gutes Stück vorangekommen, was eine mögliche Fusion angeht. Wir suchten das Gespräch mit Pascale Hansen. Die Bürgermeisterin der Gemeinde Bettendorf sitzt nicht nur am Verhandlungstisch, sondern ist auch die Sprecherin der Runde.

Wie ist die Stimmung bei den Gesprächen?

Pascale Hansen Sehr konstruktiv. Die fünf Schöffenräte treffen sich jeden ersten Montag im Monat in Schieren. Da konzentrieren wir uns aktuell auf eine Bestandsaufnahmen. Wir haben mehrere Arbeitsgruppen gegründet, die parallel arbeiten und in welchen auch Gemeindebeamten präsent sind.

Wie kann man sich die Gespräche vorstellen?

Hansen Wir befinden uns in einer ersten Phase, in der wir die Arbeitsgruppen geschaffen haben, um eben eine Bestandsaufnahme der fünf Gemeinden zu machen. Ehe wir tiefergreifende Gespräche zur Fusion führen können, müssen wir zuerst auf einen gemeinsamen Wissensstand kommen. Das betrifft etwa zum Beispiel Bugdets, Gemeindereglemente und Taxen. Es macht Sinn, erst einmal alle Karten auf den Tisch zu legen und dann zu analysieren, ob es Sinn macht, eine Fusion anzustreben oder nicht, und welche die Vor- und Nachteile einer solchen für den Bürger sind.

Wieso laufen die Gespräche ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt an?

Hansen Es wurde in den letzten Jahren intensiver zusammengearbeitet im Rahmen des „Comité Politique Nordstad“. Wir wollen auch das Gemeindesyndicat ZANO in ein „Syndicat à vocation multiple“ umwandeln und damit eine juristische Entität schaffen, um besser zusammenarbeiten zu können. Es wurde aber immer klarer, dass man früher oder später die Diskussion um eine Fusion angehen müsste. Dank der Dynamik schlossen sich Diekirch und Bettendorf den Gesprächen an.

Welche Rolle spielt die Regierung bei der Fusion?

Hansen Im Moment besteht vor allem Kontakt mit dem Innenministerium und dem MDDI – die stehen dem Prozess ganz wohlwollend gegenüber. In der Regierung befindet sich aber niemand, der eine Fusion von oben haben möchte.

Im Februar und Juni führten wir Gespräche mit Ministerin Taina Bofferding. Man muss unterstreichen: Eine solche Fusion von fünf Gemeinden mit insgesamt rund 25.000 Einwohnern gab es so noch nicht. Die fünf Schöffenräte warten darauf, dass die finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite sich konkretisiert. Denn um den Bürgern die Fusion auch schmackhaft zu machen, muss ihnen der Mehrwert verdeutlicht werden und man muss Projekte (Projets Phares) im Interesse der fünf Gemeinden entwickeln.

Gibt es Unterschiede zwischen großen und kleinen Gemeinden?

Hansen Die Diskussion verläuft ganz freundschaftlich und auf Augenhöhe. Ich habe nicht das Gefühl, von den großen Gemeinden nicht ernst genommen zu werden. Aus der Fusion wird schließlich nur etwas, wenn auch die drei kleinen Gemeinden mit an einem Strang ziehen.

Wie sehen Sie die Identitätsfrage?

Hansen Der Charakter jeder Ortschaft muss erhalten bleiben. Ich sehe die Gemeinde Bettendorf beispielsweise als die grüne Lunge einer zukünftigen „Nordstad“-Gemeinde. Die Vereine und Schulen müssen weiter bestehen.

Wie geht man weiter mit Colmar-Berg um?

Hansen Es ist schade, dass die Gemeinde Colmar-Berg nicht an den Gesprächen teilnimmt. Die Gemeinde ist Mitglied beim ZANO. Auf dieser Ebene und über Konventionen würden wir mit Colmar-Berg weiter zusammenarbeiten.

Das gilt natürlich auch für andere Gemeinden. Denn eine „Nordstad“ macht nicht nur Sinn für die fünf beteiligten Gemeinden, sondern für die ganze Region.

Ist der Zeitplan nicht ein wenig sportlich?

Hansen Der Zeitplan ist ambitiös. Das hat den Vorteil, dass mit dieser Zielsetzung eine gewisse Dynamik kommt. Wir setzen uns aber nicht unter Druck. Wir haben eine Konvention mit dem SIGI abgeschlossen und überlegen auch, eine ausländische Firma zu kontaktieren, die uns bei der Organisation von Bürgerforen in den kommenden Jahren begleiten soll. Uns ist es wichtig, vor dem Referendum die Stimme der Bürger wahrzunehmen. Wir wollen nicht den Fehler begehen und Projekte an unseren Bürgern vorbei planen.

Bleibt man beim Namen Nordstad?

Hansen Bisher hat sich die Diskussion um den Sitz der „Nordstad“ gedreht. Informell sind wir uns einig, dass er weder nach Diekirch noch nach Ettelbrück kommt. „Nordstad“ ist ein etablierter Begriff, vielleicht finden wir einen besseren, aber das ist nicht das Wichtigste, das es zu klären gilt. sven wohl