LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Immer mehr Menschen schreiben sich in einem Sprachkurs am „Institut national des langues“ ein - Vor Organisationsprobleme stellt diese Entwicklung das INL heute nicht - In Zukunft mehr digitale Instrumente

Mehr als 7.500 Menschen besuchen in diesem Herbst am „Institut national des langues“ einen Kurs für eine von acht Sprachen - die Tendenz ist seit Jahren steigend. In Zukunft will sich das nationale Spracheninstitut mit digitalen Angeboten stärker der Nachfrage der Lernenden anpassen. Auf das persönliche Verhältnis zwischen Lehrern und Lernenden legt das INL aber weiter großen Wert. Ein Gespräch mit Maisy Gorza, stellvertretende Direktorin des INL.

Lëtzebuerger Journal

Die Zahl der Einschreibungen am nationalen Spracheninstitut wächst von Jahr zu Jahr. Ist das für das INL ein Grund zur Freude oder sorgt diese Entwicklung mit Blick auf die Organisation der Kurse eher für Kopfzerbrechen?

MAISY GORZA Nein, für uns ist das positiv. Es ist sehr schön, dass wir einen dermaßen großen Erfolg haben und weiter wachsen. Als Sprachenlehrer sind wir natürlich immer froh, wenn wir unsere Kompetenzen nach außen tragen können. Im Endeffekt tragen wir ja zu einer besseren Kommunikation bei, sowohl im Land wie auch in der Großregion, denn wir haben auch viele Grenzgänger, die unsere Kurse besuchen.

Muss das INL auch Einschreibungen ablehnen, weil es einfach zu viele sind?

GORZA Wir haben Wartelisten, die ebenso wachsen wie die Einschreibungen. Anhand der Zahlen der Einschreibungen sieht man aber unsere Anstrengungen, um mehr Plätze in allen Sprachen zu schaffen, hauptsächlich natürlich im Luxemburgischen und im Französischen. Derzeit kommen wir auf mehr als 8.000 Einschreibungen. Wir versuchen das so einzuteilen, dass wir diese Menschen dennoch zum Interview einladen und orientieren, damit sie spätestens im nächsten Semester in einen Kurs integriert werden können.

Wie viele Menschen sind derzeit auf den Wartelisten?

GORZA Die definitiven Zahlen liegen noch nicht vor. Global gesehen über alle Kurse und die drei Standorte kann man nochmal schätzungsweise mehr als 1.600 Menschen dazu rechnen. Das ist zu diesem Zeitpunkt eine Schätzung.

Woran liegt das hauptsächlich?

GORZA Es liegt natürlich zum Teil an den Infrastrukturen. In Mersch und in der Hauptstadt sind wir abends und in der Mittagsstunde ausgebucht. Zu den weniger beliebten Zeiten sind die Säle hingegen noch nicht zu 100 Prozent ausgelastet. In Belval, wo wir in der „Maison du Savoir“ seit drei Jahren Kurse anbieten, zählen wir in diesem Jahr 1.200 Einschreibungen und die Warteliste ist relativ kurz. Da sehen wir Potenzial, um der Nachfrage im Süden zu begegnen. Rund 20 Prozent der Einschreibungen dort sind zudem Studierende, was uns erfreut. Das könnten in Zukunft noch mehr werden.

In die Kurse nach Belval kommen auch viele Menschen aus dem Grenzgebiet, die Luxemburgisch lernen wollen, um nach Luxemburg arbeiten zu kommen.

Derzeit sind unsere Säle in Belval noch nicht zu allen Zeitfenstern ausgelastet. Wenn wir jetzt noch mehr Mitarbeiter rekrutieren, können wir dort noch mehr Kurse anbieten mit den Infrastrukturen, über die wir derzeit verfügen.

Können Sie Angaben zum Anteil der Grenzgänger machen?

GORZA Dazu haben wir bislang keine Erfassung gemacht.

Und findet das INL ausreichend Lehrer?

GORZA Wir haben derzeit 42 Französisch-Lehrer und 40 Luxemburgisch-Lehrer. Wir werden aber noch im Laufe des Jahres im Luxemburgischen rekrutieren. Was das Luxemburgische angeht, zählen wir vor allem auf die Studierenden, die ihren Master im „Lëtzebuergeschen“ absolvieren. Wir sind froh über den Erfolg dieses Master-Studiengangs, weil wir wirklich Leute brauchen. Luxemburgisch-Lehrer kann man ja nur hierzulande rekrutieren. (lacht) Im Augenblick sehen wir aber keinen Engpass. In den anderen Sprachen gibt es keine Probleme.

Das INL arbeitet verstärkt an Online-Tools, um etwa Kurse von zuhause aus verfolgen zu können oder für die Bewertung der Luxemburgisch-Kenntnisse. Sieht das INL Schwierigkeiten, ohne den verstärkten Rückgriff auf digitale Mittel der wachsenden Nachfrage Herr zu werden?

GORZA Ich sehe das nicht als Schwierigkeit. Wir sind ein nationales Institut für Sprachen, eine Referenz auf nationalem Plan und eine moderne Schule. Wir bieten einfach auch gerne etwas an, was den Bedürfnissen eines Lernenden des 21. Jahrhunderts entspricht. Es ist klar, dass die Menschen heute gewöhnt sind, mit elektronischen Tools zu arbeiten und in ihrer Freizeit umzugehen, aber auch zu lernen. Es ist glaube ich eine Notwendigkeit, dass die Bildung auch diesen Weg einschlagen muss.

Auf das persönliche Gespräch mit den Menschen, die sich einschreiben wollen, legt das INL großen Wert. Ist das nicht ein enormer Aufwand?

GORZA Aufwand klingt, als wäre es eine Plage (lacht). Wir versuchen schon, das mit einem Online-Test etwas aufzufangen, damit der Sprachlehrer schon eine Hilfestellung hat. Einige Tage vor dem Start der Kurse versammeln sich die Lernenden an den drei Standorten, was den Aufwand schon reduziert. Aber es ist der erste Kontakt mit der Schule und mit dem Lehrer, für den es ein schöner Moment ist. Man geht dahin, lernt die Menschen kennen, sieht, dass sie motiviert sind. Die zweite Sache ist die Evaluation: Die kann niemand besser machen als der Lehrer in einem One-to-One Gespräch, trotz aller digitaler Mittel, die es gibt.

Das heißt: Auch wenn es in Zukunft mehr digitale Werkzeuge gibt, hält das INL an diesen Gesprächen fest?

GORZA Am Gespräch halten wir weiter fest. Auf der Ebene des A1, also wenn Leute in einer Sprache noch überhaupt keine Kompetenzen haben, werden wir den Weg gehen, dass diese Leute sich nur noch online einschreiben. Die müssen dann nicht unbedingt vor Ort anwesend sein, was unsere Kapazitäten für die Gespräche erhöht.

Welches Profil haben diejenigen, die sich für die Luxemburgisch- und Französischkurse anmelden?

GORZA Als Französischlehrerin muss ich zugeben, dass diesmal zum ersten Mal die Einschreibungen fürs Luxemburgische mit 2.880 leicht über den Französisch-Einschreibungen mit 2.759 liegen. (lacht)
Was das Profil der Anmeldungen im Französischkurs angeht: Es gibt da natürlich ein wirtschaftliches Motiv, weil der Arbeitsmarkt das verlangt. Der Arbeitsmarkt verlangt aber nicht nur Französisch, sondern auch Luxemburgisch ist immer mehr gefragt im direkten Kontakt mit dem Kunden. Große Unternehmen wie Supermärkte oder Hotelketten greifen auf Luxemburgisch-Lehrer zurück, um intern Kurse für Mitarbeiter zu organisieren.

Der zweite Grund betrifft die Integration. Viele Menschen kommen in einer ersten Phase nach Luxemburg, weil sie einen Job angeboten bekommen. Dann aber gefällt es ihnen hier, sie bekommen Kinder, die dann Luxemburgisch lernen und dann verstehen die Eltern ihre Kinder nicht mehr. Dann finden wir sie hier in unseren Kursen wieder.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch noch den „Sproochentest“ zum Erwerb der luxemburgischen Staatsbürgerschaft. Man kann feststellen, dass immer mehr Personen langfristig in Luxemburg bleiben wollen. Es ist nicht mehr nur eine Etappe im Lebenslauf.

Daraus lässt sich schließen, dass das Profil der Lernenden in den Luxemburgisch-Kursen sehr vielseitig ist. Eine Herausforderung für den Unterricht?

GORZA Das ist nicht nur in unseren Luxemburgisch-Kursen so. Das ist DIE große Challenge des Lehrers im INL. Es gibt kein Publikum in irgendeiner anderen Schule im Land, das heterogener ist als bei uns. Wir haben alle soziale Klassen, alle Nationalitäten, alle Bildungsgrade. Da muss man einen Spagat machen, um alle auf ein gemeinsames Lernniveau zu bringen beziehungsweise so gut zu differenzieren, dass man alle Bedürfnisse der Lernenden befriedigen kann.

Von vielen Seiten hört man, dass nicht genügend Luxemburgisch-Kurse angeboten werden. Wer Luxemburgisch beispielsweise in Kursen in den jeweiligen Gemeinden anbieten will, kann das „Zertifikat Lëtzebuerger Sprooch a Kultur“ beim INL erwerben. Wie entwickelt sich die Nachfrage?

GORZA Das „Zertifikat Lëtzebuerger Sprooch a Kultur“ erlaubt uns, den Ausbildern, die in den Gemeinden und wahrscheinlich auch im Privatsektor Kurse anbieten, ein gewisses didaktisches Gepäck mit auf den Weg zu geben. Das Zertifikat ist damit ein Garant für eine gewisse Unterrichtsqualität.

In diesem Jahr haben wir 40 Einschreibungen für das ZLSK, so viele wie noch nie und mehr als doppelt so viele als noch im vergangenen Jahr. Das ist eine Richtung, die wir entschieden weiter beschreiten wollen. Es ist wichtig, dass, wenn man Luxemburgisch-Kurse gibt, dort eine gewisse Qualität im Unterricht gewährleistet ist.

Um auf den „Sproochentest“ zurückzukommen: Haben sich die Zahl der Kandidaten und die Erfolgsquote mit der Reform des Nationalitätengesetzes 2017 verändert?

GORZA Mit dem Gesetz wurden die Kriterien angepasst, um den „Sproochentest“ zu bestehen. Wer die Prüfung im mündlichen Ausdruck meistert (mehr als die Hälfte der Punkte erreicht, d. R.), hat den „Sproochentest“ bestanden. Im Falle einer Ungenügenden kann die Note mit dem Abschneiden im Hörverstehen kompensiert werden.

Im Hörverstehen, also für die passive Kompetenz, wird ein B1 verlangt und im mündlichen Ausdruck ein A2. A2 entspricht einem Schwellenwert, mit dem man im Alltag funktionieren kann. Man geht aber davon aus, dass man im Hörverstehen eine höhere Kompetenz braucht. Im Beruf ist das Hörverstehen ja die Kompetenz, die man braucht, um Anweisungen verstehen zu können.

Auswirkungen auf die Teilnahme und die Erfolgsrate des „Sproochentests“ lassen sich so nicht nachweisen. Jedes Jahr empfangen wir um die 2.000 Menschen, die sich dem „Sproochentest“ stellen.

Auch die Erfolgsrate ist mit etwa 70 bis 75 Prozent stabil. Ich denke, die Leute wissen das einfach und bereiten sich dementsprechend auf die Prüfung vor. Für viele Leute ist es eine sehr wichtige Prüfung, die sie auch bestehen wollen.

Welche Pläne hat das INL für die Zukunft?

GORZA Wir gehen davon aus, dass wir mit der Entwicklung des Landes und der Bevölkerung mithalten und weitere Kurse anbieten müssen. Vielleicht ist es möglich, unser Angebot in Zukunft im Norden des Landes auszubauen, so wie wir das im Süden gemacht haben, wenn es dafür eine Nachfrage gibt.

Eines unserer großen Projekte ist die Entwicklung einer E-Learning-Plattform zusammen mit einem privaten Partner, sodass wir in Zukunft Kurse teils vor Ort, etwa einmal pro Woche, und teils in Autonomie anbieten könnten.

Unsere Zahlen zeigen, dass noch 60 Prozent der Kursteilnehmer bereit sind, zweimal pro Woche die Kurse zu besuchen und nur noch 24 Prozent dreimal pro Woche. Vor zehn Jahren haben wir noch Kurse angeboten, die vier- bis fünfmal pro Woche stattfanden.

Die Kurse vor Ort bleiben aber wichtig. Denn der Sprachlehrer übernimmt die Funktion eines Coachs, der seine Gruppe bei der Stange hält.

Wir starten jetzt Pilotklassen in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch. Wir wollen aber auch Luxemburgisch und in Zukunft alle acht Sprachen anbieten.

Eine praktische Frage zum Schluss: Die Einschreibungen für dieses Semester sind vorbei. Können Interessierte noch hoffen, im 2. Semester in einem Kurs unterzukommen oder müssen sie bis Herbst 2020 warten?

GORZA Wir organisieren das ganze Jahr über Orientierungsgespräche. Interessierte können sich dafür online einen Termin buchen und dann im Februar, wenn das zweite Semester beginnt, ihre Sprachkurse besuchen.

www.inll.lu