LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Die „Galerie Clairefontaine“ feiert 30. Jubiläum – ein Gespräch mit Direktorin Marita Ruiter über Hürden und Erfolge, Vergangenheit und Zukunft

Eigentlich stammt Marita Ruiter aus Österreich, wo sie ihre ersten beruflichen Schritte als Professorin für Englisch, Philosophie und bildnerische Erziehung tat. Der luxemburgischen Kunstszene ist sie derweil als langjährige Direktorin und Inhaberin der „Galerie Clairefontaine“ bekannt. Und diese feiert nun schon ihren 30. Geburtstag. Was sie seinerzeit nach Luxemburg verschlagen und wie sie diese drei Jahrzehnte als Galeristin erlebt hat, erzählt Marita Ruiter im Gespräch mit dem „Lëtzebuerger Journal“.     

Was hat Sie vor 30 Jahren dazu bewogen, in Luxemburg eine Kunstgalerie zu eröffnen?

Marita Ruiter Den Beruf der Galeristin habe ich nicht immer ausgeübt, in meiner Heimat Österreich habe ich unterrichtet. Als ich dann meinen luxemburgischen Mann kennenlernte, bin ich nach Luxemburg gezogen. Zu jenem Zeitpunkt war alles etwas komplizierter, weil Europa noch nicht so aufgestellt war, wie dies heute der Fall ist. Nun gut, die Kunst war ein Bereich, der mich immer schon stark interessierte. Als ich dann die Gelegenheit dazu hatte, habe ich es als Chance begriffen, mich in der Kunst selbstständig zu machen. Ich wollte es einfach versuchen.

Hatten Sie denn irgendwelche Kontakte?

Ruiter Aus Studienzeiten kannte ich noch viele Leute und hatte dadurch Kontakte in bekannte Galerien. Deshalb bot sich mir die Möglichkeit, von ihnen erste Ausstellungen auszuleihen. Das war wie ein Paukenschlag, weil ich gleich am Anfang richtig bekannte Künstler zeigen konnte, wie Oscar Kokoschka, Gustav Klimt und Egon Schiele, die dann auch zahlreiche Besucher anzogen. Sie alle waren beeindruckt, diese Bilder einmal live sehen zu können. Viele Leute kamen auch aus purer Neugierde. Die Lage im Herzen der Hauptstadt war selbstverständlich ein Vorteil, dies obwohl wir das große Pech hatten, dass die ganze Place Clairefontaine damals ein einziges großes Loch war, weil sich gerade das unterirdische Parkhaus im Bau befand. Man musste also über eine Art Steg gehen, um überhaupt in die Galerie zu gelangen. Das hat die Leute jedoch zum Glück nicht davon abgehalten, vorbeizuschauen.

Startschwierigkeiten hatten Sie also nicht?

Ruiter Nun, ich kam nicht umhin, festzustellen, dass sich die Luxemburger mit der klassischen Moderne etwas schwer taten und ich besser daran täte, die zeitgenössische Spur einzuschlagen. Auch diesmal kamen mir meine damaligen Kontakte von der Akademie zugute. Einige der Künstler, die ich im Studium kennengelernt hatte, waren inzwischen in Österreich richtig bekannt geworden. Sie habe ich dann alle in der Galerie gezeigt. Da Österreich damals von Luxemburg noch weit weg war, wenn ich es mal so formulieren darf, war auch da die Neugierde geweckt. Und ich hatte endgültig verstanden, dass ich mit zeitgenössischen Künstlern arbeiten müsste, wenn ich als Galeristin in Luxemburg überleben wollte. Es lief dann auch relativ gut, gerade weil ich die Möglichkeit hatte, den Einwohnern Luxemburgs insbesondere durch österreichische Künstler quasi eine andere Kunstwelt vorzustellen. Bis dahin war doch die französische Kunst, die einzige, die hier zählte. Das muss man schon so sagen. Ich hatte die Möglichkeit, etwas anderes zu zeigen und damit zu verdeutlichen, dass nicht nur das Abstrakte oder Figurative von Bedeutung ist, sondern dass es in erster Linie um die Qualität der Kunst geht.

Insofern sehen Sie sich also als Wegbereiterin?

Ruiter Ja schon, es war nämlich am Anfang wirklich nicht leicht, die Leute zu überzeugen, dass es eben nicht nur die französischen Vorbilder gibt, sondern dass auch anderswo Kunst geschaffen wird, die international geschätzt war. Damals in den 80ern und 90ern kam es zu einer wichtigen Öffnung in andere Richtungen. Fotografie war dann eine nächste Hürde, die genommen werden musste.

Wurde Fotografie damals nicht als Kunst wahrgenommen?

Ruiter Nein, denn es fiel den Leuten schwer, zu verstehen, warum ein Foto so viel kosten sollte, wenn es sich doch nicht einmal um ein Unikat handelte. In einem kleinen Land wie Luxemburg war genau das wichtig: Man wollte nichts besitzen oder zuhause an die Wand hängen, was der Nachbar vielleicht auch hatte. Lithografien oder Gravuren hatten seinerzeit einen ähnlich schweren Stand. Es musste ein Unikat sein. Das war den Luxemburgern tatsächlich sehr wichtig. Es dauerte einige Jahre, um das Bewusstsein zu wecken, dass Fotografie genauso gut Kunst sein kann wie andere Techniken. Inzwischen sind wir diesbezüglich einen ganz großen Schritt weiter, dies nicht zuletzt auch dank der Arbeit eines CNA in Düdelingen oder der permanenten Edward Steichen-Ausstellung in Clerf. Einen der Grundsteine legte damals auch die „Spuerkeess“, als sie eine ganze Steichen-Sammlung kaufte. Das war ein wichtiger Anfang, der letztlich dazu führte, dass Fotografie in den Status echter Kunst erhoben wurde. Als Galeristin musste auch ich in all den Jahren viel Arbeit leisten, um Vertrauen zu schaffen und das Bewusstsein zu schärfen, dass es eben nicht nur Malerei gibt. 

1997 haben Sie in der „Rue du St-Esprit“ einen zweiten „Espace“ eröffnet. Um sich der Fotografie noch intensiver zu widmen?

Ruiter Genau, um eine Lanze zu brechen, wie man so schön sagt, um wirklich alles auszumerzen, was bis dahin an der Fotografie noch als negativ gesehen wurde. Die heutige Jugend hat da – auch dank sozialer Medien - überhaupt keine Berührungsängste mehr. Fotografie hat zweifelsohne noch eine Entwicklung vor sich. Es ist ein Medium, das mit den technischen Erneuerungen immer wieder ändert. Beide Ausstellungsorte sind übrigens relativ gut besucht. Da wir in der Fotografie oft schwierige Themen anpacken, sind auch die jüngeren Generationen sehr interessiert.

Ist es Ihnen wichtig, eben auch jungen Leuten eine Plattform zu bieten?

Ruiter Ja, insbesondere wiederum im Bereich Fotografie, wo wir jedes Jahr das Festival „photomeetings luxembourg“ organisieren, mit Workshops und Vorträgen von international bekannten Künstlern. Es geht letztlich darum, etwas zu lernen. Für junge Leute sind diese Begegnungen immer eine Bereicherung, für manche Studenten waren sie sogar regelrechte Initialzündungen.

Nun ist eine Galerie aber kein Museum, natürlich geht es auch um den Verkauf. Inwiefern hat sich der Kunstmarkt in den letzten Jahrzehnten verändert? 

Ruiter Der Kunstmarkt hat sich in der Tat radikal verändert, dies vor allem wegen der vielen Möglichkeiten, die durch das Internet hinzugekommen sind. Das führt häufig dazu, dass Kunstwerke überhaupt nicht mehr in der Realität betrachtet werden, sondern einfach über Auktionen gekauft werden. Bei uns ist dies noch nicht so spürbar, in Amerika dagegen macht sich der Wandel - und seine Auswirkungen – bereits deutlich bemerkbar. Ich bin der Meinung, dass jeder, der Kunst liebt, sich Werke richtig anschauen und dann beim Kauf seinem Herz folgen soll, statt bei einer Auktion auf eine Glückssträhne zu hoffen und ein Kunstwerk nur als Investition zu sehen. Dann geht nämlich viel von dem verloren, was Kunst eigentlich ist und bewirken kann. Sie soll eine Bereicherung sein, sie soll Freude bereiten.

Sie sind aber noch immer mit der gleichen Leidenschaft bei der Sache?

Ruiter Ja, absolut. Ich freue mich jeden Tag, das tun zu können, was ich tue, und bin glücklich, davon leben zu können. Wohl gab es in diesen 30 Jahren Höhen und Tiefen, kein einziges Mal habe ich aber bislang bereut, dass ich den Schritt damals gewagt habe. Natürlich ist das Ganze mit sehr viel Arbeit verbunden. Manchmal habe ich viele Sorgen und muss kämpfen, auch Enttäuschungen erlebe ich schon mal. Künstler sind ja auch nicht immer die einfachsten Leute (lacht). Aber nein, ich bereue nichts. Es ist immer noch spannend, auch jungen Leuten und Laien Kunst näherzubringen. Genau darin sehe ich übrigens auch meine Rolle als Galeristin. Im Gegensatz zu einem Kunsthändler, dem es nur um Kauf und Verkauf geht, hat der Galerist die Möglichkeit, Menschen jeden Alters etwas mitzugeben und sie Kunst entdecken zu lassen. 

Das 30-jährige Jubiläum wird an diesem Freitag im „Espace 2“ gefeiert, einerseits mit der Eröffnung der neuen Ausstellung „Luxemburger Porträts“, anderseits mit der Veröffentlichung der dritten Ausgabe des gleichnamigen Buchs…

Ruiter Eigentlich hätte es bereits die vierte Ausgabe sein sollen. Die erste erschien 1997, die zweite 2002 und eine dritte war für 2012 geplant. Fotografiert wurden immer die gleichen Leute. Die französische Fotografin, die damals die Fotos machte, hat am Ende, aus welchen Gründen auch immer, nicht geliefert. Das war natürlich sehr bedauerlich.

Können Sie uns etwas mehr über dieses Langzeitprojekt erzählen?

Ruiter Für die erste Ausgabe hatten wir 1997 eine relativ bunt zusammengewürfelte Truppe von Uwe Laysiepen mit der gigantischen Polaroid-Kamera – die einzige, die es in Europa gab - ablichten lassen. 62 Luxemburger aus diesem Viertel hatten sich damals spontan bereit erklärt, mitzumachen. Das ging von unserer Putzfrau über Politiker wie Jacques Santer, Colette Flesch und Jacques F. Poos bis hin zu anderen interessanten Persönlichkeiten wie der Dichterin Anise Koltz. Die Jüngste im Bunde ist übrigens meine Tochter, die damals noch ein Kind war. 2002 baten wir die gleichen Personen erneut für Porträts vor die Linse. Diesmal wurden sie vom Künstlerduo Daniel & Geo Fuchs mit der Wärmebildkamera fotografiert. Durch diese interessante Technik sind ganz bunte und verspielte Bilder entstanden. Da aus der geplanten dritten Ausgabe 2012 nichts wurde, wollte ich dies unbedingt für unser 30. Jubiläum nachholen. Von den 62 Menschen, die bereits beim ersten Projekt dabei waren, sind leider nur noch 52 übrig. Diesmal hat der Luxemburger Fotograf Marc Wilwert die Fotos – übrigens Schwarz-Weiß-Porträts – realisiert. Das Projekt liegt mir sehr am Herzen, da es in gewisser Weise ja auch eine kleine Zeitgeschichte Luxemburgs und der Luxemburger ist.

Alle Informationen unter www.galerie-clairefontaine.lu

ZUR GALERIE CLAIREFONTAINE

Zwei Ausstellungsbereiche

Am 14. Dezember feiert die „Galerie Clairefontaine“ ihr 30. Jubiläum von 18.00 bis 21.00 im „Espace 2“. Während der Vernissage der Ausstellung „Luxemburger Porträts“ von Fotograf Marc Wilwert wird auch die dritte Ausgabe des gleichnamigen Buches vorgestellt. „Espace 2“ befindet sich in der „Rue du St. Esprit“, „Espace 1“ direkt auf der „Place Clairefontaine“. Für beide Ausstellungsorte gelten folgende Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 14.30 bis 18.30 sowie samstags von 10.00 bis 12.00 und von 14.00 bis 17.00.