LUXEMBURG
BJÖRN HAYER

Aufsammeln und neu sortieren – wie neueste Lyrik unser Dasein vermisst und zugleich neu erschafft

Lëtzebuerger Journal

Mit der Lyrik verhält es sich wie mit einem guten Gemälde. Je länger man draufschaut, desto mehr sortieren sich Linien, Punkte und Formen neu. Worte und Striche verlieren ihre harten Konturen. Diese Beobachtungen dürften auch Oswald Egger, den Meister der Assonanzen und Sprachspiele, zu seinem neuen Band bewegt haben. In „Triumph der Farben“ ist der Titel Programm: Pigmente kreieren eine ganz eigene Welt, sie verschwimmen und lösen Grenzen auf. Wir haben es in 161 Miniaturen mit der Zelebration der Vermischung zu tun. Wo sich munter alles neu ordnet, stellt sich immer wieder die Frage nach Selbstvergewisserung. „In was für einer Welt lebe ich denn eigentlich?“, fragt das lyrische Ich einmal, um zugleich auf die Dynamik der Landschaft einzugehen: „Reiffelder, eisigere Stubben und Furchen […] wo eine Mulde sein will, sind Hügel“.

Dieses im Fluss-der-Wahrnehmung-Sein stellt dabei besondere Forderungen an die Vorstellungskraft. So schauen wir einmal auf den Kopf eines von einer Kuppel herabhängenden, „bunten Schweins“, dessen Unvollständigkeit die Fantasie anregt: „Den Körper sieht man nicht, die Beine sieht man nicht, ich denke mir aber alles hinzu.“ Dabei ist nichts so unklar wie das Ich, das sich an anderer Stelle schon einmal auflöst. Eggers Botschaft lässt sich als eine ästhetische verstehen: Du bist, was du siehst. Erst das genaue Sehen verhilft uns zur Manifestierung unseres Selbst. Dass Kunst und Literatur dazu einen nicht geringen Beitrag leisten, führt diese lebensfrohe Symphonie der Farbe vor Augen: überwältigend und strahlend!

Zwischen Einbildung und Wirklichkeit

Wie poetische Ausdrucksgabe auch der Aneignung der Welt dient, lesen wir in einem weiteren aktuellen Gedichtband, nämlich Tomas Bjørnstads „Fjorde“. Zu den besten Texten zählt etwa „Raver“. Ein Wir sucht bei Bohrtürmen nach Tinte, assoziiert eine Radkappe mit dem Mond oder schaut zu, wie Seetang Verliebte krault. Was hiervon der Einbildung, was der Wirklichkeit entspringt, mag eine sekundäre Frage sein. Vielmehr zeigt der Text, wie die äußere zu einer inneren Welt werden kann, wie wir zu Königen über ein Reich der Bilder avancieren. „Der Morgen“, so endet dieses feine Poem „trug uns einen rostigen Kahn / entgegen […] / ganz aus Atem, so war die Welt / ein paar Bewegungen lang / unser“.

Sprache kommt in der Lyrik, die sich an keine Gesetze halten muss, immer einer utopischen Energie gleich. In ihr ereignet sich Möglichkeit. „Alles in Worte“ lautet daher eine kurze Sentenz in der Miniatur „Lounge“, wo man „Gespräche[] / über ein mögliches Jenseits“ führt und der „richtige Augenblick / für einen Auftritt Gottes“ verhandelt wird. Zahllosen Stimmen um sich herum lauscht das Textsubjekt, um sie sodann buchstäblich zu verdichten. Diese Haltung führt natürlich auch zu absurden Eindrücken, woran es in „Fjorde“ keineswegs mangelt – wenn beispielsweise ein „koksgetriebene[r] Makler[] / den Rosenstrauß aufisst“ oder ein „entartete[r] Kutter überm Schlafbecken“ weilt. Ein bisschen Welterfahrung, ein bisschen Dada: Tomas Bjørnstad verklärt das Leben nicht. Er nimmt daran teil, als genauer Zuschauer und Flaneur mit viel Humor.

Bilder über Bilder

Etwas mehr Gelassenheit würde hingegen Guy Helminger guttun, zumal seine neue Verskunst allzu verkrampft anmutet. In einem einzigen Gedicht kommen Spiegelneuronen mit der Post, singen Wollfäden „leise / und jähzornig ihre Vorbestellungen an die Zukunft“, werden Kinder geboren. Überdies sieht man „gepanschte[s] Licht wie es um die / splitterigen Pfosten natterte“ – so what? „Gepanscht“ trifft wohl ebenso den Stil des Autors. Bilder werden über Bilder gewuchtet, die Sprache springt und hüpft dem Leser davon. Sichtlich will der Autor kunstvoll sein, ohne eine auch emotional wirksame Kompositionsweise zu beherrschen. Nur selten fühlt man sich als Leser berührt. Dabei hat Helminger durchaus Potenzial, wenn er sich bewusst auf eine Situation einlässt. So erzählt „Gereizte Stille“ von einer fatalen Liebschaft. „Ihr Wortschatz passte in eine Brotdose“, lässt uns das Ich wissen, das trotz einiger Vorbehalte von „Liebe“ spricht. Der Text endet mit Leidenschaft, fernab aller öffentlichen Meinungsbildung: „Es gab eine Transformationsregel und die / riss uns jedes Mal die Kleider vom Leib // Wie Untote vertrugen wir wenig Licht“.

Wer heute auf Lyrik setzt, muss – dieser Umstand eint wohl die drei ansonsten recht unterschiedlichen Werke – die Bereitschaft aufbringen, sich mitreißen zu lassen. Von Farben und Begehren. Die Poesie setzt wieder auf Rausch und Expressivität. Und was kann man sich in einer behäbigen Wintersadness schon mehr wünschen?

Oswald Egger: Triumph der Farben. Lilienfeld, 168 Seiten, 25 Euro

Tomas Bjørnstad: Fjorde. editions guy binsfeld, 96 Seiten, 20 Euro

Guy Helminger: Die Tagebücher der Tannen. Edition Rugerup, 144 Seiten, 20 Euro

Huhu, Herr Hausemer (Teil 1)

Mit seinem posthum erschienenen Roman „Kleine Luxemburgische Literaturgeschichte“ sorgte Georges Hausemer für einem veritablen Sturm im Schnapsglas. Unser Mitarbeiter Robi Robinet traf den Autor zu einem klärenden Gespräch.

Robi Robinet: Huhu, Herr Hausemer.
Georges Hausemer: Wer da?
R: Ich. Ihr rasender Reporter Robi Robinet.
H: Der glatzköpfige Professor nun wieder. Hat man denn nicht mal im Jenseits seine Ruhe?
R: Wer im Glatzhaus sitzt …
H: Zur Sache Professor. Was wollen Sie von mir?
R: Über ihr letztes Buch reden.
H: (kichert) Hab’ ich Sie etwa beleidigt?
R: Ach was. Es geht doch hier nicht um mein kleines bescheidenes Ego. Aber einige Kritiken waren nicht gerade positiv. Möchten Sie dazu Stellung nehmen?
H: Nö. Hab keine davon gelesen.
R: Und warum nicht?
H: Da wo ich jetzt bin, gibt’s keine luxemburgischen Zeitungen. Fast wie im Paradies.
R: Lucky Lambda soll sehr geweint haben, als er ihren Roman gel…
H: Glaub ich nicht.
R: Dass er geweint hat?
H: Dass er mein Buch gelesen hat. Das einzige Buch, das der Bube je gelesen hat, ist doch facebook. Hat er selbst mal herausposaunt. Aber jetzt mal im Ernst: Sie kontaktieren mich hier im Jenseits und wollen über Literatur plaudern? Warum fragen Sie mich nicht nach dem Sinn des Lebens, was uns nach dem Tod erwartet… ich bin jetzt in einer Position, wo ich Antworten auf die großen metaphysischen Fragen geben kann.
R: Also gut: Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym „Tomas Bjørnstad“? Ist es Samuel Hamen?
H: Wieso sollte es Hamen sein?
R: (aufgeregt) Na, das Autorenporträt von TB ist ein stark verpixeltes Foto von Hamen…
H: Der Junge schaut doch eh immer so verpixelt aus der Wäsche. Ich hab mich oft gefragt, ob er nicht ein Literatur-Bot ist, von verrückten Wissenschaftlern aus Mersch erdacht.
R: (ungeduldig) Ist Hamen denn nun Bjørnstad?

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe.
Lëtzebuerger Journal

DIE FANTASTISCHEN 3

Lázsló Krasznahorkai - Baron Wenckheims Rückkehr
Eine abgehängte Kleinstadt in Ungarn erwartet ihren Heilsbringer. Baron Béla Wenckheim kehrt in seinen Geburtsort zurück, in seinem Gepäck angeblich ein riesiges Vermögen. Mit diesem Reichtum hoffen die Honoratioren der Stadt, ihr heruntergekommenes und verrottetes Gemeinwesen zu sanieren. Die Wahrheit lautet: Der Baron ist pleite. Er kommt nur, um noch einmal seine große Jugendliebe zu treffen. Lázló Krasznahorkai schneidet mit feiner und scharfer Klinge eine groteske Satire, die nicht nur die politischen Zustände in Ungarn aufs Korn nimmt. Jeder der mitunter seitenlangen Absätze besteht nur aus einem einzigen Satz; in jedem erhebt eine der vielen schrägen Figuren ihre Stimme, erläutert ihre Sicht auf die Dinge. Vom korrupten Bürgermeister über den zynischen Polizeichef bis hin zum dumpfen Anführer einer Nazi-Rocker-Gang. Krasznahorkai lässt sein Personal ein furioses Feuerwerk aus abgründiger Psychologie und absurden Ideen zünden. Neben einer Politsatire ist dieser Roman auch eine tragische Liebesgeschichte. Er erzählt vom Verlust der Liebe, der Illusion und schließlich vom Verlust eines Menschen. Der Baron tritt ab und statt seiner holt sich der Teufel die Stadt. Statt Erlösung droht Untergang. Christina Viragh hat Krasznahorkais luzide Romangroteske meisterhaft ins Deutsche geholt. Das ist wahrhaftig Weltliteratur!Von Jochen Kienbaum

S. Fischer, 496 Seiten, 25 Euro



Anna Burns - Milkman
Most novels about the Troubles follow a resolutely social realist approach. Not so Anna Burns’s Booker Prize-winning Milkman, which takes its cue from the linguistic exuberance and humour of modernist writers such as Joyce or Beckett to tell the story of a nineteen-year-old woman in 1970s Northern Ireland. Ordinary language won’t do for Burns, who concocts a vocabulary of her own – England is “the country over the water”, loyalists are “defenders of the state” – to represent the madness of everyday life in a Republican no-go area. The bookish, nonconformist protagonist must fend off recurring advances by “Milkman”, a high-ranking IRA intelligence officer that the whole community already believes her to have an affair with. All the while, she is trying to move on in her relationship with the affable albeit clumsy “maybe-boyfriend” or simply mind her own business while sectarian violence devastates everything around her. Milkman is savagely funny, a sweeping and stylistically ebullient portrayal of life during wartime, of a claustrophobic nightmare that can only be met with acerbic wit.By Jeff Thoss

Faber & Faber, 368 pages, 8.99 Pound



Nicolas Mathieu - Leurs enfants après eux
A Heillange, les hauts-fourneaux sont hors d’usage et les usines sont désertes. Nous sommes en 1992, la grande époque de l’industrie sidérurgique et du plein emploi est révolue. Dans ce décor désolé, Nicolas Mathieu dispose plusieurs personnages, qu’il suit à la manière d’un écrivain naturaliste: Anthony, Hacine et Steph, trois adolescents issus de milieux socio-économiques différents, tentent chacun à leur manière de prendre leur vie en main. Quel avenir peut-on tracer à partir d’un présent de misère? Dans cette ville où règne le chômage et l’alcoolisme, seul l’ailleurs est désirable. Or, pour partir, il faut refuser son destin, s’inventer: rien n’est plus difficile. Avec une touche de pessimisme (ou serait-ce du réalisme?), l’écrivain souligne le poids du déterminisme social sur les individus. Contre l’idéologie libérale selon laquelle chacun naîtrait avec les mêmes chances, les multiples perspectives du roman éclairent avec finesse les hiérarchies implicites d’une France où les castes (ouvriers, immigrés, bourgeois) n’ont pas disparu. Si la littérature a pour but de donner une voix aux muets et de montrer les invisibles, ce Prix Goncourt 2018 est mérité.Par Julien Jeusette

Actes Sud, 432 pages, 22 euros
Lëtzebuerger Journal

SPICKZETTEL

Aldous Huxley - Brave New World
In Brave New World Revisited, published in 1958, Aldous Huxley noted that “The prophecies made in 1931 are coming true much sooner than I thought they would ”. I wonder what he would say were he to take a look at the world of 2019, where dumbing down, triviality and the cult of the economy, efficiency and productivity are gaining ever more ground.  I first read BNW when I was 15 or 16 years old. We had to write a book review and the teacher had given us a list of titles to choose from. I picked Brave New World as it was the shortest book on the list. With Master of Puppets in my headphones, I started reading late one evening, not expecting much, and finished the book in one night, finding it even more mind-blowing than Metallica's riffs. A dystopian world, where everyone is happy, where everyone fits in. No violence. No hunger, no overpopulation. No wars. Each citizen of the “World State” remains young and fit until the day they die. Sex and drugs galore. Sexual promiscuity is the social norm, and the soothing drug that keeps people nice and quiet is called soma. All humanity (minus a few Third World savages in fenced-off reservations) is a merry bunch of happy, healthy junkies, pre-programmed to perform, consume and produce. A utopian world, where love does not exist. There is no passion and no pain. There are no families, everyone is engineered through artificial wombs and raised in communal hatcheries, conditioned by sleep-learning and similar techniques into knowing their position in society and never complain about it. There are no books, no arts, no real culture, only fun and games and “artificial music”. No individuality and no freedom of choice. Alphas are the highest social class, the most intelligent, in fact they are the only members of society with normal functioning brains. The lower classes are created by flooding the brains of embryos with calculated amounts of alcohol and other toxins, thus producing mentally disabled servants, only fit for lower tasks, happy little idiots high on soma. Let's just hope the current leaders of our national education system never get their hands on this book. I'm not sure they'd get the satirical edge. It might well provide them with inspirations that would give sound people the creeps. By Francis Kirps

Reclam, 323 pages, 7.40 euro