Der „Bommeleeër“-Prozess ist diese Woche definitiv in den Sphären angekommen, wo nicht zuletzt Generalstaatsanwalt Robert Biever die „hohen Persönlichkeiten“ vermutet, die über die ganze Affäre Bescheid wissen. Während zwei Tagen stand kein geringerer als Ehrenstaatsminister Jacques Santer im Zeugenstand, der zwischen 1984 und 1995 die Regierungsgeschäfte leitete und politischer Chef des Geheimdiensts war.

Der Mann, bei dem über ein Jahrzehnt lang alle Fäden zusammen liefen, müsste doch einiges zu sagen haben, hätte man meinen können. Umso mehr er bereits vor Jahren, als Ende 2007 und Anfang 2008 nach der Verhaftung der bislang einzigen Angeklagten in dem Prozess und der nachfolgenden Absetzung der Polizeispitze der Druck auf die Regierung Juncker-Asselborn I enorm wurde, sagte, alle Parteien sollten sich zurückhalten, denn „jiddereen ass iergendwéi involvéiert“.

Natürlich wollte das Gericht wissen, was er damit meinte, war die Aussage doch umso interessanter, als ein paar Tage zuvor Ex-SREL-Direktor Marco Mille seine spätestens 2006 in höchsten politischen Sphären bekannte Hypothese eines geheimen, massgeblich vom Resistenzler, späteren DP-Minister und ab 1984 Oppositionspolitikers Emile Krieps über Jahre aufgebauten Netzwerks in Armee und Sicherheitskräften vorbrachte. Beweise dafür gibt es keine und Krieps kann man nicht mehr fragen. Er ist 1998 verstorben. Hätte ein Oppositionspolitiker eine „Untergrundorganisation“ angestiftet, zu bomben - was wäre das Motiv gewesen? -, wäre das wohl kaum jahrelang an den Machthabern, die die Schlüsselposten in allen Verwaltungen besetzten, vorbei gelaufen, nicht wahr? Und welches Interesse hätten sie gehabt, sowas zu decken? Leider brachte Santer keine Klarheit über seine „involvéiert“-Aussage, die er nun plötzlich getätigt haben will, um zu vermeiden, dass jeder mit dem Finger auf die CSV zeigt. Stattdessen befeuerte er den „Flou“, indem er etwa bemerkte, er habe „Stay Behind“ von seinem Premier-Vorgänger Thorn (DP) „geerbt“ und der 1990 verstorbene, ehemalige Justizminister Robert Krieps (LSAP) habe eine verstärkte Einmischung der Regierung in die Jagd nach den „Bommeleeërn“ gebremst. Über das, was er selbst als oberster politischer Entscheider und die Minister seiner „Couleur“ unternahmen, um den Bombenlegern das Handwerk zu legen, gab er sich erstaunlich kleinlaut. Weshalb hat der an den Attentaten offenbar erstaunlich uninteressierte Regierungschef, dem die Probleme bei den Ermittlungen doch bekannt waren, nicht zu einem gewissen Moment mit der Faust auf den Tisch geschlagen? Um zumindest die Grabenkämpfe zwischen Verwaltungschefs zu beenden und alle Mittel zu mobilisieren - inklusive dem ihm direkt unterstellten Geheimdienst - um die Sache aufklären zu helfen? Nicht während der Attentatsserie. Aber auch nicht in den fast neun Jahren, während denen er danach noch Regierungschef war. Statt Antworten zu liefern, meinte der Zeuge nur geheimnisvoll, dass man beim Prozess förmlich spüre, dass Leute mehr wissen, wollte aber unter Eid keine Namen nennen oder sagen, was ihn zu seinen Verdachten verleitet. Das Gericht wird darauf zurück kommen müssen. Denn es hat Santer noch viele Fragen zu stellen. Und die Liste wird sicher noch länger und präziser, nachdem es weitere hohe Beamte gehört hat, die seinerzeit ganz nah an den Informationsflüssen dran waren. Höchste Zeit, endlich Ross und Reiter zu nennen!