HAMBURG
PATRICK WELTER

Spaziergang rund um die Hamburger Landungsbrücken - Im Sonnenschein!

Eine der letzten Anzeigen, die Citroën in Deutschland für den legendären 2 CV mit Rolldach veröffentlichte, trug die Fußnote: „Für Hamburg auch mit grauem Himmel lieferbar“. Warum wohl?

Es könnte eine Traumstadt sein...

Hamburg, laut eigener Stadtwerbung das „Hoch im Norden“, gehört zu den interessantesten Großstädten in Europa. Hier die weltberühmte Amüsiermeile „Reeperbahn“, dort Elb- oder Rothenbaum-Chaussee, wo sich Millionärsvilla an Millionärsvilla reiht. Hamburg gilt als die deutsche Stadt mit der höchsten Millionärsdichte. Andererseits das Anarcho-Viertel „Schanze“ und die Arbeiterquartiere von Wilhemsburg auf der Südseite der Elbe, dort liegen auch die meisten Hafenbecken. Obwohl 80 Kilometer vom offenen Meer entfernt fahren Containerriesen und Mega-Kreuzfahrer wie die „Queen Mary II“ bis mitten in die Stadt. Container werden in den fast menschenleeren Terminals rund um die Uhr verladen. Die vornehmen Bürohäuser der Reeder sind auch jetzt noch gut auszumachen. Die Viertel, die sich um Binnen- und Außenalster gruppieren, sind überraschend grün. Hinter hohen Mietshäusern oder zwischen Mittelstandsgärten ziehen sich unzählige „Fleete“, niederdeutsch für Kanäle, entlang. Die meisten sind für kleinere Ausflugsboote schiffbar. Hamburg ist mit SPIEGEL, STERN und NDR ein großer Medienstandort. Es gibt Museen, Kunsthallen, Theater und Musical-Theater. Vor allem gibt es das Hamburger Flair, weltoffen und international, eher britisch als preußisch. Hamburg könnte die perfekte Stadt sein, gäbe es nicht einen Faktor, der dieses wunderbare Bild regelmäßig eintrübt - das „Schietwetter“. Wenn es nicht regnet, ist es grau und bewölkt. Sonne? Eher selten.

Nach mehr als einem Dutzend Besuchen in der „Freien und Hansestadt“, als Stadtstaat ist Hamburg eines der 16 Bundesländer der Bundesrepublik, führte eine Dienstreise in Sachen Auto wieder einmal hier hin. Der ungewöhnliche September 2016 sorgte für einen überraschenden Anblick: Hamburg, die Landungsbrücken und die Elbe im strahlenden Sonnenschein unter einem knallblauen Himmel. Unfassbar! Also gab es keinen Grund, die zwei Stunden Wartezeit auf die Kollegen aus Belgien und den Niederlanden in einer schicken Lounge, dem „Elbdeck“ in der Speicherstadt, zu vertrödeln. Die Zeit reichte, um einen Ausflug zum touristischen Hotspot der Stadt zu machen, zu den Landungsbrücken.

Teures Bauwunder

Auf dem Werk dorthin liegt links das neue Wahrzeichen Hamburgs, die Elbphilharmonie. Berühmt sowohl für ihre ausgeuferten Baukosten wie für ihre spektakuläre Gestaltung. Das Konzertgebäude, das für 800 statt 110 Millionen Euro errichtet wurde, steht am nordwestlichen Ende der Speicherstadt, auf einem ehemaligen mehrgeschossigen Kaffeespeicher. Die großen alten Speicher, die mit dem roten Backstein Norddeutschlands errichtet wurden, wirken wie Kathedralen des Handels.

Ein ganz besonderer Ort

Rechts rattert die Hochbahn auf ihrer gusseisernen Trasse vorbei am Verlagsgebäude des STERN. Darunter geht es Fuß zu den Landungsbrücken. Heute legen hier keine Passagierdampfer mehr an, sondern unzählige Fahrgastschiffe oder die traditionellen Hamburger Barkassen, die einst die Hafenarbeiter zu ihren Einsatzorten brachten. Jetzt werden nur noch Touristen durch die vielen Hafenbecken transportiert und vorher lautstark angeworben. Nicht wundern, wenn es wackelt, denn die „Brücken“ sind eigentlich Pontons, da sich die Gezeiten bis nach Hamburg auswirken.

Trotz des Rummels, trotz des Kitsches in Dutzenden Verkaufsbuden und des ewigen Geruchs nach Fischbrötchen hat dieser Ort etwas: Hinter sich die Stadt mit dem vornehm auf einem Hügel thronenden „Hotel Hafen Hamburg“ , vor sich die Elbe und jenseits des Flusses die Kräne der Werft Blohm & Voss, wo gerade wieder ein Luxusschiff für einen Menschen ohne Geldsorgen gebaut wird. Nach Süden reihen sich Kräne und Containerbrücken bis zum Horizont aneinander. Ein Hotspot des Welthandels.

Nur wenige Meter neben den Werften liegen gleich zwei Musical-Theater, eines für den „König der Löwen“, das andere für das „Wunder von Meer“. Der „Löwe“ ist ein Hamburger Dauerbrenner. Links von den Landungsbrücken gibt es einen Museumshafen mit der „Cap San Diego“ einem der letzten kombinierten Passagier- und Frachtschiffe, das noch die Eleganz der 1950er zeigt. Hier ragt auch ein ehemaliges Feuerschiff auf, es kam dort fest verankert zum Einsatz, wo die See zu tief war, um einen Leuchtturm zu errichten. Daneben strahlt der Großsegler „Rickmer Rickmers“ in grün und weiß. Gerade turnt jemand durch dessen Wanten, um in schwindelnder Höhe den Farbpinsel zu schwingen - kein Job für Angsthasen. Plötzlich ein Gruß aus Luxemburg: An der Pier liegt die „River Diva“, die ihr Dasein als „Princesse Marie-Astrid III“ auf der Mosel begonnen hatte. Die ganz großen Pötte lassen sich gerade nicht sehen. Ein leerer „Feeder“ zieht gemächlich stromaufwärts. Feeder-Schiffe verteilen die Fracht der Containerriesen von den Tiefwasserhäfen wie Hamburg in die kleineren Häfen an Nord- und Ostsee. Sie können ein paar hundert Standard-Container transportieren.

Am Ende der Landungsbrücken beginnt der alte Elbtunnel, der schon vor hundert Jahren dafür sorgte das Werft- und Hafenarbeiter die andere Elbseite trockenen Fußes erreichen konnten. Seine Aufzüge und Anlagen sind heute noch in Betrieb.

Hamburg ist eine Reise eert und sei es nur, um anderthalb Stunden lang den Trubel an der Elbe im Sonnenschein zu erleben.