VÖLKLINGEN
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Völklingen: Ausstellung erzählt Geschichten über Schätze

Ein Schatz muss nicht immer golden glitzern und Unsummen wert sein. Ein Schatz kann auch der eigene Hund sein, die letzten Briefe des Vaters, ein Kinderspielzeug oder der große Walnussbaum im Garten. Das zeigt eine ungewöhnliche Ausstellung mit dem Titel „Mon Trésor“ (Mein Schatz) unter dem Motto „Was ist dein Schatz?“, die am 8. November im Weltkulturerbe Völklinger Hütte beginnt. Sie hat sich schon seit Monaten auf die Spur von Schätzen gemacht und nicht nur historische Juwelen aus der europäischen Region rund um das Saarland, Luxemburg, Lothringen und Rheinland-Pfalz gesammelt.

„Was bleibt und überdauert die Zeit?“

Nein, sie hat im Vorfeld auch Menschen eingebunden und dazu aufgerufen, persönliche Schätze zu teilen, Fotos davon hochzuladen und die Geschichten dazu aufzuschreiben. „Die Ausstellung fragt: Was ist wirklich wichtig? Was bleibt und überdauert die Zeit?“, sagt Generaldirektor Ralf Beil. Fragen, die gerade in der Corona-Pandemie kaum besser passen könnten. „Wir merken ja zurzeit, wie sehr sich die Werte verschieben.“ Die Ausstellung in der früheren Gebläsehalle der Hütte biete ein „emotionales Forum“, darüber nachzudenken.
Die gewährten Einblicke sind sehr privat: Da ist das Foto von Eugen Tigiser, der die Hochzeit seiner Tochter in Zeiten von Corona festgehalten hat: Nach dem Ja-Wort unter einer großen Linde in Schmelz im Saarland umarmt die Braut ihren Bruder - mit Mundschutz und Tränen in den Augen. „Das ist ein Moment, in dem sich unsere Corona-Zeit verdichtet“, sagt Beil (54).
Dann ist da ein Koffer mit rund 400 Feldpostbriefen, den eine knapp 80-Jährige als ihren „Schatz“ zur Verfügung stellt: Die Briefe hatte ihr Vater an ihre Mutter im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis zu seinem Tod 1942 geschrieben. Die Zeilen seien deshalb so kostbar für sie, weil sie ihren Vater nie kennengelernt habe, schrieb sie.
Und dann gibt es das Bild von zwei abgelaufenen, ledernen Kleinkinder-Schnürschuhen, mit denen drei Generationen einer Familie laufen lernten. Oder jenes einer Legofigur mit weißem Bart, den ein Mann in seiner Kindheit immer nur zu Weihnachten hervorholte. Etwa 125 persönliche Schätze seien bereits aus der Großregion über die Internet-Plattform www.mon-tresor.org eingegangen, sagt Weltkulturerbe-Sprecher Armin Leidinger.
Die persönlichen Kostbarkeiten gehören genauso zu der Ausstellung wie der Goldring aus römischer Zeit mit blauem Edelstein oder der kostbare Halsreif der keltischen Fürstin von Reinheim. „Die Schätze sind alle gleich wichtig“, sagt Beil. Es gebe keinen Unterschied zwischen Versteinerungen, Schatzkarten, Funden aus einem Merowingergrab oder dem Foto von einem gestorbenen Hund, zu dem eine Frau einen „wunderbaren Text“ geschrieben habe.

Überraschungseffekt

„Mon Trésor. Europas Schatz im Saarland“ wolle mit seinen Exponaten auch überraschen: Zum Beispiel mit dem „Wallerfanger Blau“, einem aus dem Mineral Azurit bestehenden Farbpigment aus der saarländischen Gemeinde Wallerfangen, mit dem auch Albrecht Dürer (1471-1528) gemalt haben soll. Oder mit Kacheln des Keramikherstellers Villeroy und Boch, die auf dem Schiff RMS Olympic (Stapellauf in 1910), dem Schwesterschiff der Titanic, zu finden waren. Und mit ersten Lotto-Ziehungsmaschinen, die im Saarland produziert wurden.
Die Ausstellung zeigt bedeutende Exponate aus Archäologie, Technik und Kunst vom Saarkarbon vor 300 Millionen Jahren bis heute. Sie wirft bewusst den Blick über Grenzen und zeigt etwa Keramik aus dem französischen Sarreguemines in Frankreich, Schmuck aus dem Museum Lalique in den Nordvogesen und Rekonstruktionen der Luxemburger Fotoausstellung „The Family of Man“. „Jeder Schatz ist zuerst persönlich, auch wenn er später zum Kulturgut wird“, sagt Beil. Der Titel der Ausstellung sei also wörtlich zu nehmen. Das größte Exponat der Schau sei der Ausstellungsort - die Gebläsehalle mit ihren rund 6.000 Quadratmetern Fläche. „Sie ist nicht nur das Schatzgehäuse, sondern selbst ein ganz besonderer Schatz des Saarlandes“, sagt der Generaldirektor. Dazu gehört auch der sogenannte Bierdeckelraum in der Schau: Ein früherer Pausenraum für Handwerker in der Hütte, dessen Wände voll mit Bierdeckeln verziert sind. Beil fasst zusammen: „Es geht hier wie überall in der Ausstellung um die Menschen, denen etwas so wertvoll war, dass es die Zeiten überdauert hat – um die Geschichten hinter den Gegenständen, die uns diese Menschen hinterlassen haben.“ Die Völklinger Hütte ist das weltweit einzig erhaltene Eisenwerk aus dem Industriezeitalter. Sie wurde 1986 nach rund 100 Jahren stillgelegt und 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.