LUXEMBURG
DANIEL OLY

Historische Analyse über Umweltverschmutzung seit der Industrialisierung

Im Zuge der Industrialisierung hat die Umweltverschmutzung Einzug gehalten; doch mit dem Auftauchen der Fabriken, der starken Nutzung von Kohle als Treibstoff und dem Gebrauch von Chemikalien ging auch ein Mentalitäts- und Politikwandel einher, wie der Historiker Thomas Le Roux erklärt. In dem gemeinsam mit seinem Co-Autor François Jarrige veröffentlichen Buch „La Contamination du monde: Une Histoire des pollutions à l'âge industriel“ analysieren beide Historiker, in welcher Form sich die Einstellung von Öffentlichkeit und Politik gegenüber Umweltverschmutzung im Zuge der Industrialisierung verändert hat und welche Lehren wir heute daraus ziehen können. Jeder sechste Tod weltweit komme etwa durch Umweltverschmutzung zustande. Am gestrigen Mittwoch gab der Historiker einen Einblick in die Geschichte im Rahmen einer Konferenz, die von Greenpeace Luxemburg, „natur & ëmwelt“ und den Aktivisten von „Etika Luxembourg“ und „Attac Luxembourg“ organisiert wurde.

Von der Belästigung zur Bedrohung

So zeigte der Historiker gestern etwa, dass sich bereits im „ancien régime“ mit dem Thema der Luft- und Bodenverschmutzung beschäftigt wurde. So sei etwa angeordnet worden, übelriechende Gewerbe wie die Lederei oder die Textilhandwerke nicht im Stadtkern zu betreiben. Eine Verschmutzung der Gewässer und Flüsse war gar vollständig verboten.

Mit der Kolonialisierung, der Jagd nach Gold und Silber sowie dem Aufkommen der Dampfmaschinen und der Liberalisierung der Wirtschaft unter der Industrialisierung habe sich diese Einstellung drastisch verändert. „Das erlaubt uns, die Moralisierung der Verschmutzung nachzuverfolgen“, erklärt er im Interview. In seiner darauf folgenden Präsentation zeigt er Beispiele auf. „Vor den Fünfzigern oder Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts gab es das Wort ,Verschmutzung‘ kaum - und wenn, dann nur im religiösen Zusammenhang mit der Entweihung von Kirchen.“ Die Einstellung sei deshalb hauptsächlich darauf konzentriert gewesen, dass Metallurgen oder Kürschner mit ihrer Produktion keine störenden, stinkenden Dämpfe ausstießen. Luftverschmutzung war derweil hauptsächlich eine Belästigung und dementsprechend ungern gesehen.

Diese Einstellung habe sich mit der Industrialisierung gewandelt. „Direkt ab dem Start der Industrialisierung spielte die Verschmutzung eine große Rolle“, meint Le Roux. „Der Unterschied ist: Es wurde praktisch sofort normalisiert - von Politik und Gesellschaft gleichermaßen.“ Einer der Gründe, zumindest im Frankreich der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons: „In den Gremien, die sich mit dem Effekt einer Luftverschmutzung befassten, saßen besonders oft Industrielle und Chemiker, die sich nicht das eigene Geschäft vermiesen wollten“, erklärt Le Roux.

So sei der rauchende Schornstein zum Symbol des Fortschritts und der Produktivität geworden. „Qualmt es nicht, dann stimmt etwas nicht“, meint Le Roux. Damit wird aus der Ausnahme der Normalfall - „die Verschmutzung gehört plötzlich zu einem alltäglichen Bild der Welt im Wandel.“ Und damit ging auch ein Mentalitätswandel der Bevölkerung einher, für die verschmutzte Gewässer und verpestete Luft zum Zeichen von Fortschritt und Macht wurden.

Industrialisierung und Verschmutzung seien deshalb von Anfang an eng verknüpft. „Zuerst ist es die Verschmutzung, die durch die Produktionsstätten wie Fabriken entsteht“, wie Le Roux im Interview erklärt. „Mit der Transportrevolution - zuerst durch Eisenbahn, dann durch den Schiffsverkehr und schließlich mit dem Lufttransport - lässt sich der qualmende Schlot zwar auslagern, aber dadurch entsteht nur mehr Verschmutzung.“ Trotzdem hieße die Delokalisierung der Fabriken ironischerweise vermutlich, dass die Luftqualität in europäischen Städten heute wesentlich besser sein dürfte als im 19. Jahrhundert.

All das zeige nur: Die Welt müsse aus den Fehlern lernen, denn Produktivität um jeden Preis könne nicht die Zukunftsvision sein, der sich jeder verschreibt. „Alternative Transportmittel und alternative Energien sind eine Sache, aber wenn sich die Einstellung gegenüber Verschmutzung prinzipiell nicht verändert, wird sich nichts tun“, sagt der Historiker. Dann verlagere sich das Problem nur, ohne wirklich je gelöst zu werden. „Moderne Gesellschaften haben die schmutzigen Fabriken mit ihren rauchenden Schloten noch immer. Sie stehen nur woanders. Die Verschmutzung ist nicht weg, sie hat ihr Aussehen nur verändert.“ Wenn sich wirklich etwas ändern soll, dann müsste sich das Verbrauchsverhalten ändern - und das fange auch mit der Mentalität gegenüber Verschmutzung an.