CLAUDE KARGER

Oft stundenlang Schlange stehen vor den einzigen beiden öffentlich zugänglichen Rechnern mit Mosaic-Browser in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris: Über 20 Jahre liegt diese, mich persönlich prägende, Erinnerung an die Anfangszeiten des „World Wide Web“ nun schon zurück. Was mich noch stärker prägte, war die unvergleichliche „Boom“-Stimmung, die mit der fortschreitenden Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit des Zugangs zum WWW für die Bürger einher ging.

Das Potenzial des Weltnetzes, dessen Fundament bereits Ende der 1960er gelegt und von dem damals 34jährigen Informatiker Tim Berners-Lee am 12. März 1989 mit der Vorstellung seines simplen Informationsmanagement-Systems massiv konsolidiert wurde, schien unbegrenzt. Internet-Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden, keine Anwendungsidee des WWW schien so abwegig, dass kein Investor dafür zu gewinnen war. Die Rechnung für den „Rush“ kam etwas später, als die „New Economy“-Blase platzte und den Aktionären hunderte Milliarden Dollar Verluste bescherte.

Das stoppte die digitale Revolution aber kaum. Dafür sorgen unter anderem die anhaltenden „success stories“ von Amazon (1994) ebay (1995), Google (1998), Wikipedia (2001), Facebook (2004), YouTube (2005) und Twitter (2006) - um nur einige zu nennen. Sie alle sind heute kaum mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Ein Alltag, den das WWW und seine zahlreichen Anwendungen zum einen einfacher gemacht hat. Informationen und Waren sofort und rundum die Uhr zu bekommen und auszutauschen, das war vor gar nicht allzu langer Zeit noch Utopie. Die Kehrseite der Medaille: Der Alltag ist sehr viel hektischer geworden. Täglich bringt das Internet eine Flut von Informationen in Echtzeit aus allen Ecken der Erde quasi überall hin. Daten, die analysiert, sortiert und archiviert werden wollen. Ein Talent, wer das alles unter Kontrolle behält, wer noch weiß, welche Informationen über sich er irgendwann einmal im Web - es vergisst nichts! - preisgegeben hat. Die nächste Generation wird sich mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mehr fragen müssen, wie sie ins Web kommt. Sie wird einfach „online“ sein. Wird sie sich auch nur eine Sekunde fragen, was mit ihren Daten passiert?

Wird die Wahrung der Privatsphäre irgendwann zum Luxus? Entscheiden am Ende Megakonzerne über die Verwendung der Informationen? Dringen Regierungen und Verwaltungen immer tiefer in das Privatleben der Menschen ein? „Big Brother“ lässt grüßen. Die vorgenannten Fragen stellen sich hier und jetzt und nicht erst übermorgen. Ebensowenig ist die Diskussion um Datenschutz, Freiheit im WWW und Netzneutralität irgendwelchen Informatik-Koryphäen vorbehalten, sondern sie betrifft uns alle, jeden Tag, und sollte längst ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Vor allem nach den Überwachungsskandalen, die unablässig Schlagzeilen machten. Tim Berners-Lee forderte diese Woche ein „weltweites Grundgesetz“ für den digitalen Raum, der nicht außerhalb unserer Rechtssysteme und unserer sozialen Strukturen funktionieren kann. Das ist längst schon ein Kampf. Aber ein grundlegender. Der WWW-Erfinder brachte es auf den Punkt: „Es ist nicht naiv, zu glauben, das wir das haben können, aber es ist naiv, zu denken, dass wir uns einfach zurücklehnen und es bekommen können“.