Kaum hätte man im Verkehrschaos der georgischen Hauptstadt Tbilisi erwartet plötzlich vor einer deutschen Kirche zu stehen, dazu noch einer ziemlich modernen. Viel weniger noch hätte man vermutet, dass dort gerade eine junge Luxemburgerin, Laila Goepel, ein freiwilliges soziales Jahr in der Kirchengemeinde absolviert. Nach ihrem Premiersexamen am Lycée classique d’Echternach wollte Laila wie ihre beiden Geschwister, die ebenfalls ein soziales Jahr absolviert hatten, nicht direkt studieren, sondern erst einmal mit einem sozialen Praktikum ihre Zukunftsvorstellungen abklären.
So stieß sie nach vielem Googeln im Internet auf die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Georgien, die eine Praktikantin für ihre Diakonieeinrichtungen suchte. Sie selbst und ihre aus Deutschland stammende Familie sind ebenfalls evangelisch, aber Laila hatte sich in Luxemburg einer englischsprachigen Freikirche angeschlossen, weshalb sie auch neben ihren drei Luxemburger Sprachen auch bereits perfekt Englisch spricht.
Vier georgische Dialekte
Im Kaukasus war sie vor ihrem Praktikum noch nie, aber der Gebirgszug der Europa von Asien trennte hatte sie auch wegen seiner Sprachenvielfalt interessiert. Immerhin hatte die Region im arabischen Altertum auch den Namen „Dschebel Loghat“, Gebirge der Sprachen. Nirgendwo in Europa werden auf solch kleiner Fläche bis heute so viele verschiedene Sprachen gesprochen, ein Zeichen auch für die Abgeschiedenheit dieses Landes, das zu den ersten christlichen Regionen der Welt gehört. Allein in Georgien gibt es bereits vier heimische Dialekte, die alle in verschiedenen Tälern des Kaukasus gesprochen werden, deren Bewohner sich untereinander jedoch nicht mehr verstehen, ganz abgesehen von den sonstigen vielen Sprachen, die sonst noch in Georgien gesprochen werden. Diese Vielfalt war leider auch einer der Gründe, dass sich jetzt bereits zwei Landesregionen des kleinen Landes, Abchasien und Südossetien, mit russischer Hilfe von Georgien abgespalten haben und ihre Selbständigkeit ausgerufen haben. Als Laila in Tbilisi mit ihrem Praktikum angefangen hatte, musste sie schnell feststellen, dass die Mitglieder der evangelischen Gemeinde auch ganz vielfältig zusammengesetzt sind, dass unter diesen jedoch das Russische und nicht das Georgische die Umgangssprache ist. So hat sie dann zunächst Russisch gelernt, und Georgisch, das einer ganz anderen Sprachgruppe angehört, nur in rudimentärer Form.
Auch in Georgien gab es ein Luxemburg
Erstaunt war Laila auch, als sie in einer Außenstelle der deutschsprachigen evangelischen Kirche in Bolnisi hörte, dass dieser Ort, der von deutschen Auswanderern vor 200 Jahren gegründet worden war, eine Zeit lang auch Luxemburg hieß. So hat sie sich gleich auch in Georgien etwas mehr wie zu Hause gefühlt, gibt Laila zu. Für die Einheimischen allerdings, so gesteht Laila, ist das Leben im Kaukasus heute nicht einfach. Georgien ist durch die beiden Kriege mit Russland immer noch wirtschaftlich geschwächt. Dazu hat Georgien viele Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien aufgenommen. Beide Länder liegen in der Nachbarschaft von Georgien und dort herrscht schon seit vielen Jahren ein schrecklicher Bürgerkrieg.
Die Diakonie der evangelischen Gemeinde merke dies an der Zunahme der kostenlosen Mahlzeiten, die sie täglich an Bedürftige ausgebe und bei deren Ausgabe Laila mitarbeitet. Auch das Altenhilfezentrum der Gemeinde, das von Christiane Hummel betreut wird, ist gut ausgelastet. Sie ist die Witwe von Professor Gert Hummel (1933-2004), einem Theologieprofessor aus Saarbrücken, der die deutsche Gemeinden in Georgien nach seiner Pensionierung als Professor seit 1997 zunächst als Pfarrer und dann als Bischof aufgebaut hat und auch die neue Kirche in Tbilisi auf dem alten deutschen Friedhof mit seinen eigenen Mitteln finanziert hat. Das kirchliche Leben in Tbilisi und den vier weiteren Seelsorgestellen in Georgien ist geprägt durch eine ökumenische Offenheit den anderen Konfessionen und Kulturen gegenüber.
Mitbeeinflusst ist diese Offenheit auch durch Taizé. Einer der Pfarrer und zeitweise auch Bischof der georgischen-evangelischen Kirche war Andreas Stökl (1939-2006), der in den 1970ziger Jahren die erste deutschsprachige Biographie über Frère Roger und Taizé geschrieben hatte.
Vor dem Abschluss ihres Praktikums hat Laila noch eine Rundreise zu den Außenstationen der deutschsprachigen evangelischen Kirche im Kaukasus unternommen, nach Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, und nach Eriwan, der Hauptstadt von Armenien. In Baku, einer reichen, dank des Ölreichtums boomenden Stadt, gibt es noch eine schöne alte deutsche Kirche aber fast keine evangelischen Christen mehr. Armenien ist das ärmste Land im Kaukasus, weil der Krieg mit Aserbaidschan um die armenische Enklave Berg Karabagh von dem kleinen Land alle Kräfte fordert. In Armenien hat Laila an der Feier zum 100. Jahrestag des Genozids der Armenier in der osmanischen Türkei am 24. April teilgenommen. Ende Mai wird Laila mit vielen Eindrücken und Erfahrungen bereichert nach Luxemburg zurückfliegen und vielleicht auch mit konkreteren Vorstellungen über ihre eigene Zukunft.


