Fünf Kontinente auf zwei Rädern: Das hat sich der Luxemburger Yannis Bastian zum Ziel gesetzt. In unserer gestrigen Ausgabe hat er uns skurrile Einblicke ins indische Verkehrschaos verschafft und beschrieben, wie man als Tourist aus dem Westen selbst zur Attraktion wird. Im zweiten Teil seines Erlebnisberichts tauchen wir weiter in Indiens Eigenarten ein.
Packtaschen bis zum Bersten gefüllt mit Erwartungen
Indien stand ganz oben auf meiner Liste der noch zu bereisenden Länder: Eine sehr ereignisreiche und interessante Geschichte, Tempel, Festungen, Mythen, viele verschiedene Bevölkerungsgruppen und eine sehr facettenreiche Kultur bedeuteten für mich das Synonym für spannende Abenteuer und das pure Erleben. Der Zeitpunkt schien perfekt. Und ich würde das Land nicht nur bereisen, sondern ich würde es mit dem Fahrrad befahren, es Meter für Meter in mich saugen, es riechen, schmecken und fühlen. Aufgeregt, voller Enthusiasmus und die Packtaschen bis zum Bersten gefüllt mit Erwartungen war ich mir anfangs ganz sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Aber bereits nach wenigen Tagen münden die bis dahin gesammelten Erfahrungen in Unzufriedenheit, Selbstmitleid und Perspektivlosigkeit. Die Idee des abenteuerlichen Indiens verblasst, stirbt langsam vor sich hin - und immer wieder kreisen die Gedanken wie Geier um die Frage: Warum ausgerechnet Indien?
Eigenes Bad, heißes Wasser und ein verdorbener Magen
Nach einigen Tagen treffe ich drei einheimische Radfahrer, die eine längere Tagestour unternehmen. Unter ihnen ist Milind Nene, ein Arzt aus dem nahe gelegenen Baroda. Wir kommen ins Gespräch. Milind ist begeistert von meinem Vorhaben und lädt mich zu sich nach Hause ein. Die Wohnung von Milind, in Baroda bekannt als Doktor Nene, liegt unmittelbar über seiner Praxis, ist sehr geräumig und luxuriös eingerichtet. Für die nächsten zwei Tage wohne ich im hellen Gästezimmer im oberen Stockwerk - mit eigenem Bad und heißem Wasser. Bei einem Chai-Tee spreche ich mit Milind über meine weiteren Pläne und meine bisherige Unzufriedenheit. Abends kann der Besuch von Milinds Freunden meine Motivation für die weitere Reise etwas steigern. Getrübt wird der Abend allein durch den häufigen Gang zur Sanitäranlage, den ich aufgrund verdorbener Pizza zwangsläufig im Minutentakt auf mich nehmen muss. Nach einem kompletten Tag im Bett, der Einnahme vieler Medikamente, einer Bananen-Joghurt-Kur und der sehr guten Umsorgung durch Milinds Familie, packe ich am darauf folgenden Tag mein Fahrrad in einen Nachtbus, der mich in knapp 15 Stunden nach Jaipur im Staat Rajastan bringen wird.
Sorge ums Rad, das einen um die Welt bringen soll
Der Nachtbus ist bis auf den letzten Platz besetzt: Die anfangs sehr stickige, heiße Luft kühlt sich aufgrund weit aufgedrehter Klimaanlagen langsam ab, bis sie in der Nacht fast unerträglich kalt ist. Im oberen Teil eines Hochbetts liegend mache ich mir weniger Gedanken über die viel zu kleine, klebrige und nach Zigarettenqualm riechende Matratze als vielmehr um mein Fahrrad, das buchstäblich in den Kofferraum geworfen wurde, und sich jetzt den engen Raum mit unzähligen Taschen, Töpfen und Lebensmitteln teilt.
Wenn man Monate damit verbracht hat, sich nach dem perfekten Reiserad zu erkundigen, dieses dann auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmt hat, erneut einige Wochen warten muss, bis es geliefert wird; dann die ersten 1.000 Kilometer seines Traums damit zurückgelegt hat, und weiß, dass es nur das eine Rad sein kann, das einen um die Welt bringen soll, dann baut man eine gewisse Beziehung zu seinem Vehikel auf. Man dekoriert es, man sorgt sich darum, und man möchte keinesfalls, dass ihm irgendwelche Schäden zugefügt werden. So erinnere ich mich an den Tag in Istanbul, als mein Fahrrad für den Flug nach Mumbai vorbereitet wurde: Zwei Jugendliche, die bei einem kleinen Fahrradladen angestellt waren, nahmen unter Gelächter Pedalen, Reifen, Lenker und Gepäckträger ab, und warfen die einzelnen Stücke und Schrauben in eine große, mit Klebeband zugepflasterte Kiste. Hilflos stand ich daneben und versprach meinem Rad in Gedanken, dass alles gut gehen würde. Ein letzter ermutigender Klaps auf den Sattel sollte mein Versprechen unterstreichen.
Nach 15 Stunden und fast schlafloser Nacht kommt der Bus früh morgens in Jaipur an. Nachdem der Kofferraum geleert und die gesamte Last vom Fahrrad genommen wurde, erkenne ich gleich die Schäden: Das Kabel meines Fahrradcomputers ist durchtrennt, die Bremsen sind verbogen und der Ledersattel hat tiefe Einschnitte. Ich kann das Lächeln des Busfahrers, der bei Betrachtung des Fahrrads anmerkt, dass alles ok sei, nicht erwidern.
Ein kleines, wunderschönes Juwel
Jaipur ist bekannt für seine Paläste und Festungen. Ich genieße die Fahrradfahrt zu dem ein paar Kilometer aus der Stadt gelegenen Amber Fort und dem Palast Jal Mahal („Wasserpalast“), freue mich über die vielen verschiedenen Ausblicke aus den unzähligen Fenstern des Hawa Mahal („Palast der Winde“), und lasse mich im Strom der Menschen über die Märkte treiben - eine Explosion von Farben und Düften machen Jaipur letztendlich zu dem, was ich mir unter Indien vorgestellt habe: Ein kleines Juwel; eine wunderschöne Holzfigur, geschnitzt aus einem schweren Holzbalken, den ich viel zu lange auf meinen Schultern tragen musste.
Nach einigen Tagen verlasse ich Jaipur mit dem Zug; obwohl mein nächstes Ziel, Delhi, nur wenige hundert Kilometer entfernt ist, beängstigt mich der Gedanke, mit dem Fahrrad in Indiens Hauptstadt einzufahren. So erlebe ich die frühmorgendliche Fahrt von meinem Gästehaus bis zum knapp zwei Kilometer entfernten Bahnhof als die schönste Fahrt auf indischen Straßen: Die sehr angenehm kühle Luft wirkt schon fast klar und frisch, die wenigen Leute auf der Straße reiben sich den Schlaf und die letzten Träume aus den Augen; der kaum vorhandene Verkehr erlaubt es mir, die gesamte Straße zu nutzen; die Vögel dekorieren diese unglaublich schöne Stille mit ihrem Gesang. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal Vögel gehört? Ich wünschte, diese paar Minuten wären ein ganzer Tag, und jeder Tag in Indien wäre so verführerisch wie diese zwei Kilometer im morgendlichen Jaipur - ich würde ewig weiterfahren wollen.
Verarbeitung aller Eindrücke vor der Weiterreise
Während meiner letzten Tage in Delhi - im Vergleich zu Mumbai sauberer und weniger hektisch - versuche ich die Eindrücke zu verarbeiten, meine Entscheidung für Indien zu rechtfertigen und die Gedanken-Geier für immer zu vertreiben. Selbst wenn ich die Zeit in Indien nie wirklich genießen konnte, so erkläre ich mir den Sinn des Erlebten mit den Worten der Blume in Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, als sie erkennt, dass sie wohl zwei oder drei Raupen aushalten muss, wenn sie die Schmetterlinge kennen lernen will. Demnach bin ich stolz, die Raupe ausgehalten zu haben und ich freue mich auf die Farbenpracht der noch folgenden Schmetterlinge.
Begleiten Sie Yannis auf seiner weiteren Reise: www.facebook.com/yannisworldcyclingadventure


