LUXEMBURGNORA SCHLEICH

Die „Nuit des Idées“ im Mudam schaffte Raum für Ideen und Diskussion

Die Vorstellungskraft jedes Einzelnen ist schier unbegrenzt. In unserem Gedankenpalast haben Kreativität und Fantasie freien Lauf. Damit die fruchtbaren Ideen sich jedoch verwirklichen können, bedarf es des Austauschs außerhalb der „Mens“, eine Äußerung des Geistigen, durch welches dieses im Tatsächlichen ankommen und sich dort weiterentwickeln kann. Eine ganze Menge solcher Ideen wurden am Donnerstagabend im Mudam vorgetragen.

Anlass dafür war die zweite Ausgabe der „Nuit des Idées“ in Luxemburg, die in Zusammenarbeit mit dem „Institut Pierre Werner“ und dem „Institut Français Luxembourg“ organisiert wurde. In neun verschiedene Themenbereiche wurde die Leitfrage um Macht und Kraft der Vorstellungen aufgeteilt. Welche Rolle spielt die Einbildungskraft in der Ökologie und Wirtschaft, in Kultur und Gesellschaft? Ist die Fantasie in den Wissenschaften ein zentraler Antrieb? Wie können Politik und Bildung von Vorstellungen profitieren? Stets war die Frage zentral, wie geistige Projektionen in Raum und Zeit, in Welt und Wirklichkeit überhaupt vermittelt und wirksam werden können.

Von Fantasie und Utopie

Der französische Philosoph Francis Wolff leitete die Inauguralkonferenz und wusste die Zuhörer auf die Thematik einzustimmen. So sprach der emeritierte Professor für Philosophie über das Entstehen der Idee des „uns“ als der Vorstellung, die wir uns von uns selbst geben. Die Schöpfung dieser Idee liegt zwischen Wunsch und Realität, entspringt dem Gebiet der Einbildung und beschreibt das zwischen dem „was wir sein wollen“ und dem „was wir sind“. Solche Vorstellungen gestalteten sich seit jeher als Utopien, argumentiert Wolff, und verweist auf die Utopie des „Wir“ des Kommunismus und des „Wir“ der Nationalsozialisten aus vergangenen, düsteren Zeiten. Doch wie sehen wir uns heute? Welcher Utopie hängen wir im 21. Jahrhundert an? Wir schaffen es nicht mehr, uns zu definieren und finden uns im Zeitalter der Grenzenlosigkeit nicht zurecht. Wir wünschen uns die Utopie des „neuen Wir“ herbei, entfernen uns aber mit den großen Schritten des Posthumanismus‘ von der doch eigentlich so menschlichen Sehnsucht nach dem „gemeinsamen Wir“. Wie können unsere Einbildungen uns zur Realisierung dieses kosmopolitischen Ideals verhelfen? Erst wenn wir mental unsere Grenzen öffnen, können wir das „Wir“ wieder als „Wir“ für uns alle denken, für alle Weltbürger gleichermaßen geltend.

Themenreiche Diskussionsrunden

Diese anregenden Reflexionen galten als Startschuss für die daran anschließenden Diskussionsrunden, die in verschiedene Themengebiete unterteilt waren. Der Besucher war eingeladen, sich je nach Interesse an den Tischgesprächen zu beteiligen. Diese wurden unter anderem von Journalisten, Forschern, Politikern, Künstlern moderiert. Kunst und Kultur beschäftigte sich mit der Frage: Ist die Einbildungskraft in Gefahr? Gesellschaft und Politik diskutierte über das Denken des „Wir“ von Morgen, die Forscher fragten nach der treibenden Rolle der kreativen Fantasie für den wissenschaftlichen Fortschritt und Lehrende debattierten über Möglichkeiten, der Vorstellungskraft und Fantasie wieder vermehrt Raum auf dem Gebiete der Bildung zuzusprechen. An den jeweiligen Tischen saßen neben dem Moderator acht bis neun Denker in Zivil. Bunt gemischt versprach die Palette der Teilnehmenden einen anregenden Gedankenaustausch. Dies bestätigte sich auch prompt, jeder kam zu Wort und konnte seine Reflexionen bezüglich der initialen Fragestellung mitteilen. Aus diesen Einzelteilen ergab sich dann ein wahrhaftes Gedankenpuzzle, durch welches sich am Ende der 45-minütigen Sitzungen ein facettenreiches Bild zur Thematik ergeben konnte.

Gemeinsame Gestaltung der Zukunft

Als „sehr bereichernd“, empfand ein Besucher das Konzept der „Nuits des Idées“. „Es gefiel mir, dass wir zunächst in ein Thema eingeführt wurden und dann selbst ganz sachte einsteigen konnten. Am Tisch hat sich auch jeder zu etwas geäußert, keiner kam zu kurz. Natürlich sind 45 Minuten zu knapp, um einem Thema auf den Grund zu gehen, aber die Veranstaltung ist ja dafür gemacht, Gedankenanstöße aufnehmen zu können, und auch die eigenen Ideen zur Debatte zu bringen.“

Für jedes Interesse gab es ein Angebot. Wer sich die Aussagen der Wissenschaftler über kreative Einbildungen in Bezug auf etwaige Fortschritte der künstlichen Intelligenz und Robotik anhören wollte, fand ebenfalls Gelegenheit dazu. „Denken Sie, dass eine Fußballmannschaft aus Robotern ihre menschlichen Gegner in 30 Jahren schlagen kann?“, war nur eine der Fragen, die hier in den Raum geworfen wurden. Angereichert wurde das Gespräch durch interessante Informationen aus dem Gebiet der technischen Forschung, aber auch anhand persönlicher Erfahrungen und Eindrücke der Besucher des Tisches.

Das philanthropische Anliegen kam natürlich auch nicht zu kurz. Unter anderem Gilles Rod, Direktor der „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“ und Christopher Lilyblad, Direktor des „Cercle de Coopération des ONG de Développement“ diskutierten mit ihren Gesprächspartnern eifrig darüber, wie ein besseres Miteinander auf lange Dauer verwirklicht werden könnte. Einig waren sie sich allesamt: Es braucht eine große Vision, an die man glauben muss. Erst, wenn sich das Bessere denken lässt, und sei dies auch auf ewig nur als ein Ideal, kann sich in dessen Richtung entwickelt werden. Mit der Utopie geht die Suche nach der Kompatibilität der Realität zu dieser einher, und es ist diese stete Besserung, nach der wir streben müssen.

Ein gelungenes Konzept

Auch Sébastien Thiltges, einer der Conférenciers, äußerte sich positiv begeistert: „Ich habe zunächst kurz ins Thema Literatur und Umwelt eingeführt. Komplementiert wurde unser Rundtisch von einer eher politischen Aufarbeitung des Themas, dies von Claude Turmes, und dann von Frau Pingeon, die eher die praktische Arbeit mit der Natur beleuchtete. Die Teilnehmer haben sich direkt aktiv miteingebracht. Zum Schluss haben die Leute wirklich quer untereinander gemeinsam diskutiert, und wir mussten nach Ablauf der Zeit quasi vom Tisch gejagt werden, das war für mich ein gutes Zeichen!“

Die positive Atmosphäre zeigte sich aber nicht nur an den Tischen, sondern schwappte auch zum Rahmenprogramm über. Die im Mudam Café begeistert zur „Silent Disco“ Tanzenden gaben ein heiteres Bild ab. Mit aufleuchtenden Kopfhörern ausgestattet konnten nämlich nur sie selbst die Musik der DJs hören, die Umstehenden blickten auf geräuschlos umhertanzende Leute. Dazu wurde noch ein Virtual Reality-Workshop angeboten, und auf ein den Abend abrundendes Klavier-Schlaginstrument-Bio-Konzert geladen.

Wer demnach Freude am aktiven Miteinander und an der Mitgestaltung von Visionen und Realisationen der Zukunftsideen hat, kam am Donnerstagabend voll auf seine Kosten. Dass tatsächlich viele motivierte Besucher den Weg in das Mudam fanden und sich nicht scheuten, sich mit einzubringen, schürt Hoffnung auf mehr. Gemeinsam können wir gestalten, solange wir uns nicht verschließen und Gefangene unserer eigenen Beschränkungen bleiben!