LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Die „Crazy Quarantine Sessions“ machen gemeinsame Musikprojekte möglich

Die Corona-Epidemie hat auch die Musikszene hart getroffen. Viele Musiker leiden unter den Folgen abgesagter Konzerte, verschobener Tourneen und Album-Releases. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Nicht wenige Projekte wurden inzwischen ins Netz verlagert. Initiativen wie die „Crazy Quarantine Sessions“, initiiert von fünf bekannten Luxemburger Musikern, schaffen auch in Corona-Zeiten Auftrittsmöglichkeiten und somit neue Perspektiven für Künstler. Einer der Initiatoren ist der Multiinstrumentalist Pit Dahm.

Wie erleben Sie die aktuelle Situation?

Pit Dahm Super ist sie nicht. Alles wurde abgesagt, Konzerte, Residenzen, Projekte der Band... Das bedeutet einiges an Geld, das jetzt nicht verdient wird. Ich gebe außerdem Instrumentenkurse. Eine gewisse Umstellung war nötig, um diese über Internet abzuhalten, was mit Instrumenten nicht so leicht ist. Dank einiger kreativer Lösungen kann ich den Kontakt zu meinen Schülern jedoch halten. Aber nun gut, es ist, wie es ist, und es ist mit Sicherheit für niemanden gut.

Um die Situation ein bisschen zu verbessern, wurden die „Crazy Quarantine Sessions“ auf Facebook ins Leben gerufen. Wer steckt dahinter und wie funktioniert das Ganze?

Dahm Wir arbeiten als fünfköpfiges Team an diesem Projekt. Neben mir sind das Pol Belardi, Charel Stoltz, Niels Engel und Jérôme Klein. Es geht uns darum, eine Möglichkeit zu schaffen, damit die Kollaborationen zwischen Musikern trotz Quarantäne weitergeführt werden können. Das Team kümmert sich um die Produktion, Public Relations, Booking und so weiter. Die Künstler nehmen ihre jeweiligen Parts zuhause auf, und dann kommen wir ins Spiel, um zu schauen, was noch fehlt, schneiden das Video oder realisieren den Mix. Das Resultat wird dann immer zu festen Zeiten auf Facebook und danach auf Youtube präsentiert. Wichtig bei dieser Initiative ist, dass nicht ein einzelner Musiker ein Konzert gibt, sondern dass wirklich mehrere Musiker gemeinsam etwas machen. Das ist für mich die Essenz der Musik: nicht alleine spielen, sondern zusammen.

Sicherlich ist dies mit einer etwas größeren technischen und logistischen Herausforderung verbunden?

Dahm Wir arbeiten tatsächlich im Moment quasi fulltime an diesem Projekt, also jeder zwischen fünf und 15 Stunden am Tag. Verschiedene Sessions sind mit viel Aufwand verbunden. Noch vor dem Lockdown haben wir uns getroffen, um ein erstes Video aufzunehmen, bevor es dann wenige Tage später hieß, man dürfe das Haus nicht mehr verlassen. Wir mussten also nach einer anderen Form suchen, um diese Sessions weiterzuführen. Technisch ist es nicht ganz so einfach, wir bekommen es aber inzwischen ganz gut hin. Es geht uns in erster Linie darum, den Künstlern in dieser Zeit weiter Auftrittsmöglichkeiten zu bieten und sie zu unterstützen. Dank unserer Partner ist das möglich. Neben dem Kulturministerium sind das radio 100,7, die Fondation EME, neimënster und apart TV, wo die Sessions auch regelmäßig ausgestrahlt werden.

Das Programm ist inzwischen gut gefüllt. Wie wird es zusammengestellt?

Dahm Da wir ja selbst alle Musiker sind, gehören wir als Band dazu, haben also auch schon in Sessions mitgewirkt. Wenn irgendwo ein Pianist oder ein Schlagzeuger fehlt, mischt einer von uns mit. Wir achten darauf, dass für jeden etwas dabei ist, dass die Stile demnach ändern und so ein abwechslungsreiches Programm geboten wird. Vorgaben von unserer Seite gibt es nicht, es ist wirklich eine Carte blanche

Die „Crazy Quarantine Sessions“ sind ja aus einer Notlage entstanden, sehen Sie das Ganze trotzdem auch als Chance, das Publikum zu erweitern und mehr Aufmerksamkeit für die lokale Musikszene zu bekommen?

Dahm Das kommt sicherlich hinzu, es war aber nicht der Grund. Wir tun das hier nicht, um uns selbst zu profilieren, sondern um dafür zu sorgen, dass die Leute weiterhin mit Kultur versorgt werden. Natürlich ist es ein positiver Nebeneffekt, dass dank des Internets ein breiteres Publikum erreicht wird. Viele gehen womöglich nicht spätabends noch in einen Jazzclub oder in die Disco, wo ein DJ auflegt. Unsere Sessions kann sich dagegen ein Kind ebenso anschauen wie ein 90-Jähriger.

Man hätte ja befürchten können, dass jetzt Stillstand im Kulturbereich herrscht. Das ist aber nicht der Fall…

Dahm Im Netz ist es jedenfalls das Gegenteil. Das Leben geht weiter, und wir arbeiten weiter, gerade jetzt, wo eben auch alle Künstler zuhause bleiben müssen. Das Leben als Musiker ist doch oft sehr stressig, weil man an zehn Fronten gleichzeitig arbeitet, deshalb ist es vielleicht gar nicht so schlecht, alles mal ein bisschen auf einen Ort zu konzentrieren, ohne ständig hin und her rennen zu müssen. Nun gut, mir wäre es trotzdem lieber, ich könnte das wieder tun (lacht).

Muss man als freischaffender Künstler jetzt um seine Existenz bangen oder reichen die Hilfen, die das Kulturministerium in Aussicht gestellt hat?

Dahm Ich kann nicht für jeden sprechen, ganz klar haben aber manche größere finanzielle Sorgen als andere. Im Endeffekt muss sich im Moment jeder anpassen, und es ist ganz bestimmt für niemanden leicht. Wir sind froh, dass wir durch unsere Partner mit den „Crazy Quarantine Sessions“ zumindest eine gewisse Unterstützung bieten können. Trotzdem bleibt es unmöglich, die bereits getätigten Ausgaben oder das Geld, das einem durch geplatzte Tourneen durch die Lappen geht, wieder reinzubekommen. Wir haben übrigens auch eine Crowdfunding-Kampagne bei GoFundMe gestartet. Dort kann jeder unsere Musiker unterstützen.

Welche Projekte mussten Sie erst einmal auf Eis legen?

Dahm Nicht wenige. Ich hatte viele Konzerte im Ausland geplant. Außerdem stand eine Residenz im opderschmelz an. Auch das Festival „Like a Jazz Machine“, wo ein neues Projekt vorgestellt werden sollte, an dem wir seit Monaten arbeiten, ist gestrichen. Das wird zum Glück im nächsten Jahr nachgeholt, dafür finden aber eine Menge anderer Projekte nun nicht statt. Man soll sich aber nicht kleinkriegen lassen und weiter an dem arbeiten, was man gerne macht.

Bleibt denn noch Zeit, selbst kreativ zu sein, wenn doch die „Crazy Quarantine Sessions“ ein Fulltime-Job sind?

Dahm Die eigenen Sachen kommen etwas kürzer, weil man ja auch keine Planungssicherheit hat. Selbstverständlich bin ich mit meinen Musikern in Kontakt und arbeite weiter an meinen Projekten. Dass wir jetzt alles übers Internet machen, hat auch seine Vorteile. Ich bin ja an erster Stelle ein Musiker, der spielt, und kein Musiker, der Aufnahmen macht, Videos schneidet und produziert. Da haben wir uns jetzt alle gut eingearbeitet und viel dazugelernt. Das macht uns im Endeffekt meiner Meinung nach zu kompletteren Musikern.

Auf wie viele „Crazy Quarantine Sessions“ darf man sich denn noch freuen?

Dahm Insgesamt sind 30 geplant. Gestern ist Nummer neun gelaufen, und am 2. April folgt die zehnte Ausgabe. Das geht also noch eine gute Zeit so weiter. Künftig haben wir drei unterschiedliche Formeln an drei Wochentagen: jeden Dienstagabend um 21.00, freitags immer als Afterwork um 17.00 und sonntagmorgens als Apéro-jazz. Jeder von uns kümmert sich jeweils um eine Session. Und wenn das alles vorbei ist, veranstalten wir ein großes Konzertevent mit allen Musikern, die an den Sessions teilgenommen haben.

Facebook: tinyurl.com/CrazyQuarantine

Youtube: tinyurl.com/YoutubeCrazySessions

Crowdfunding: tinyurl.com/GoFundCrazyQuarantine