HOI AN/HUÉ
YANNIS BASTIAN/LJ

Seit September erradelt Yannis Bastian die Welt: Sein Erlebnisbericht aus Vietnam (2)

Fünf Kontinente auf zwei Rädern: Das hat sich der Luxemburger Yannis Bastian zum Ziel gesetzt. In unserer gestrigen Ausgabe hat er uns mit auf seine Reise von Ho Chi Minh City in eine Welt aus sattem Grün genommen. Im zweiten Teil seines Vietnam-Berichts werden wir mit ihm ein wahres Wechselbad der Gefühle erleben.

Von Nha Thrang auf dem Landweg nach Laos

Als Hochburg für gut betuchte, russische Touristen lädt Nha Thrang mit seinen teuren Hotels, seinen artifiziell wirkenden Restaurants und seinem sehr lauten Nachtleben nicht unbedingt zum Verweilen ein. So verlasse ich die Stadt am nächsten Morgen auf der vielbefahrenen, sehr sanierbedürftigen N1, die mich an der Küste entlang nach Hoi An und Hué in Zentralvietnam, bringen soll. Der nun einsetzende Regen wird während der nächsten Tage zu einem dauerhaften und sehr unangenehmen Begleiter: Bereits früh morgens kapituliert die Regenbekleidung unter der schweren Last des Dauerregens. Kälte beißt sich durch die Haut und nagt an den Knochen. Während ich tagsüber vergeblich auf die so lang ersehnten Küstenpanoramen warte, muss ich auch abends weiterhin den einen Moment missen, an dem die wohltuende Wärme ihren Weg zurück in den Körper findet. Erneut suche ich die tröstenden Worte meiner Freundin.

Schwindende Motivation und zunehmende Einsamkeit

Am 1. September letzten Jahres verließ ich Familie und Freunde, um mir meinen großen Traum von der Fahrradweltreise zu erfüllen. Ich verabschiedete mich von meiner Freundin mit dem Versprechen, dass kein Traum mir jemals wichtiger sein könnte als meine Liebe zu ihr, und dass ich auf ihren Wunsch hin jederzeit zu ihr zurückkehren würde. Wir waren beide der festen Überzeugung, dass unsere Beziehung dieses Abenteuer auf jeden Fall überstehen würde. Während der nächsten Wochen und Monate waren ihre täglichen Nachrichten die beste Motivation, Zucker für die Seele, wärmende Worte bei Regen und Gegenwind, die Beflügelung bei steilen Anstiegen, und der schönste, letzte Gedanke vorm Einschlafen - so hatte ich in dieser Zeit nie das Gefühl, allein unterwegs zu sein.

In Indien stieß ich schon nach wenigen Tagen an meine eigenen Grenzen. Das Reisen mit dem Fahrrad wurde zur Tortur, meine Motivation warf sich wie ein trotziges Kind zu Boden und weigerte sich, mich weiterhin zu begleiten. Zeitgleich erhielt ich immer weniger Nachrichten von zuhause, die Worte meiner Freundin verloren an Essenz, und vergeblich wartete ich darauf, dass meine während dieser Zeit so häufig fallenden Tränen von ihr aufgefangen werden würden. Auch die Abende in Vietnam bleiben kalt, einsam und trostlos.

Sinnesüberflutung in Hoi An

An Heiligabend erreiche ich Hoi An. Als sehr gut erhaltenes Beispiel eines historischen, südostasiatischen Handelshafens wurde diese am Fluss Thu Bon liegende Stadt im Jahr 1999 von UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft. Die Japanische Brücke aus dem Jahre 1763, sowie die alten Verbindungshäuser und Tempel aus dem 18. Jahrhundert erinnern als wichtigste Relikte an die Blütezeit dieser Hafenstadt. Ich genieße es, mich in den schmalen, romantischen Gassen zu verlieren, mich an traditionsreichen Märkten, Schuhgeschäften und Seidenhändlern vorbeiführen und mich von charmanten Cafés und Restaurants verführen zu lassen. Waren es bisher einzelne Sterne, die mich auf meiner Reise zu den jeweiligen Sehenswürdigkeiten leiteten, so kommt es in Hoi An bei Anbruch der Nacht zu einer Explosion von Lichtern, die meine Sinne fluten und den Blick aufgeregt und begeistert durch die Straßen streifen lassen: In verschiedensten Formen und Farben betten tausende von Laternen die gesamte Stadt in eine unbeschreiblich warme, idyllische Atmosphäre und machen damit den eigentlichen Charme der Stadt aus.

Kurz nach Neujahr verlasse ich die bisher schönste Stadt meiner Reise in Richtung Hué, den letzten Stern meiner Vietnamreise. Der auf dieser Strecke zu überwindende Hai-Van-Pass („Wolkenpass“) wird seinem Namen mit nur 496 Meter zwar kaum gerecht, zehrt jedoch aufgrund erneuten Regens, Kälte und seines teilweise doch recht steilen Anstiegs sehr an den Kräften.

Am Wendepunkt: Abenteuer oder Liebe?

Die ehemalige Kaiserstadt Hué - bis 1945 Hauptstadt Vietnams und seit 1993 ebenfalls als UNESCO-Weltkulturerbe klassifiziert - hat ein sehr breites Angebot an Sehenswürdigkeiten: Die Zitadelle mit ihrer Verbotenen Stadt, den Parfümfluss, Grabmäler, Pagoden, Museen. All diese Begriffe prallen von mir ab, verlieren ihre Bedeutung und ihren Reiz in dem immer stärker aufkommenden Nebel, der mein Sternbild trübt. Meine Gedanken sind gefangen zwischen der Beziehung zu meiner Freundin und meiner Reise; meiner Liebe und meinem Traum. Ich beschließe, mein Versprechen einzulösen, die Reise abzubrechen und nach Hause zurückzukehren. Doch der Entschluss kommt zu spät. Bevor ich ihr von meinem Vorhaben erzählen kann, bedauert meine Freundin, dass Abenteuer und Liebe nicht miteinander zu verbinden seien; dass die Geschichte meines Traums und unserer Liebe nicht weitererzählt werden kann. Eine Welt fällt in sich zusammen, alle Erlebnisse und Erfahrungen werden bedeutungslos. Ich verabscheue die Idee meiner Reise, hasse den Tag an dem ich losgefahren bin und mein bis dahin so glückliches Leben aufs Spiel setzte, um das Abenteuer und das Unvorhersehbare zu suchen, stets mit dem Risiko im Nacken, das Unglück zu finden.

Festhalten am Traum

Am nächsten Morgen verlasse ich Hué, die Stadt in der alle unglücklichen Momente der letzten Wochen und Monate an einem einzigen Abend ihren Zenit erreichten. Ich will schnellstmöglich hinaus aus Vietnam, will mich lösen von den Gedanken, die mich solange an zuhause fesselten und mich fast meinen Traum haben aufgeben lassen. Ich will in meiner Reise ankommen, die Wildheit des Abenteuers spüren und es genießen, frei zu sein.

An der Grenze zu Laos schlage ich das erste Mal seit zwei Monaten mein Zelt wieder auf. Die Sonne verabschiedet sich fern am Horizont in den laotischen Bergen und macht Platz für die Nacht, den Mond und die Sterne. Ich schließe die Augen. Das Sternbild ist komplett. Es ist für niemanden sichtbar. Es ist mein persönliches Sternbild, abgezeichnet allein in meiner Erinnerung. Es hat weder die Form eines Tieres, noch die einer Jungfrau oder eines großen Wagens. Es hat die Form eines Traums. Meines Traums. Wenn ich mein Sternbild betrachte, wünsche ich mir manchmal eine Sternschnuppe zu sehen, die durch das Bild zieht. Ich wünsche mir, einige Dinge ungeschehen zu machen, wünsche mir, dass verschiedene Dinge einen anderen Verlauf genommen hätten. Ein salziger Tropfen perlt einsam von meiner Oberlippe. Ich öffne die Augen, atme tief durch und weiß, dass selbst in dem schönsten Traum manche Wünsche nicht erfüllt werden können.
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