SOPHIA SCHÜLKE │ LUXEMBURG

Hinter den Kulissen der Cinémathèque

„Familiär vorbelastet“ und „filmhistorisch polyamorös“, so beschreibt sich Claude Bertemes, umringt von den Originalplakaten alter Filmklassiker wie „Ein Amerikaner in Paris“ und „Moderne Zeiten“. Seine Urgroßeltern führten bis in die 60er Jahre in Differdingen ein Kino. Seit 1997 leitet er als Direktor die Geschicke der „Cinémathèque de la Ville de Luxembourg“, über die 187 Plätze des Kinosaals in der Hauptstadt und das Archiv samt Büros an der Cloche d’Or. Mit seinen Mitarbeitern erstellt er das Monatsprogramm für die Filmfans und wacht über das Wohl von rund 15.000 Filmkopien, welche im Archiv der „Cinémathèque“ lagern.

Administrative Aufgaben, internationale Kontakte und Austausch mit Festivalpartnern gehören für ihn ebenfalls zum Tagewerk. Bei aller Liebe zum an sich ausgedienten Zelluloid sowie den Stars und Regisseuren aus der mehr als hundertjährigen Kinogeschichte muss das Team aber an das Heute denken. Die Zeit, in der die „Cinémathèques“ das Monopol über Klassiker und Perlen des Kinos hatten, ist lang vorbei. Es gibt Youtube, Streamingdienste und spezialisierte Fernsehsender. In dem kleinen Vorführraum mit den 29 Plätzen verschwinden, die liebsten Klassiker in den Projektor einlegen und die Tür von innen verschließen, ist also nicht. „Wir schauen viel Film, ja, aber nicht so, wie die Leute sich das vorstellen“, sagt Georges Bildgen, Leiter des Filmarchivs. Stattdessen kämpft das Team gegen die Banalität des Sofakinos.

Kino als Lern- und Diskussionsort

Für Bertemes ist die Zusammenstellung des Monatsprogrammes eine Kompositionsarbeit, bei dem er nicht an ein Publikum denkt, sondern gleich an mehrere. „Unser Stammpublikum hält Ausschau nach Raritäten, die kulturellen Nomaden sind einen Abend bei uns, dann einen in der Philharmonie und einen anderen im Casino, dazu kommt die Jugendarbeit“, führt er aus. Das Publikum ist spätestens seit der digitalen Revolution um die Jahrtausendwende wählerischer geworden. „Unsere Reaktion war, das Kino als Lern- und Diskussionsort auszubauen.“ Zum Programm gehören Kinoabende mit Regisseuren und Schauspielern, Vorführungen mit Livemusik-Begleitung in der Philharmonie, Diskussionsabende und die „Université populaire du cinéma“. An zehn Abenden werden Vorträge zu einem filmhistorischen Thema gegeben und anhand von entsprechenden Filmausschnitten untermalt, schließlich folgt ein Film in kompletter Länge. Eine Veranstaltungsreihe, die laut Bertemes „wie eine Bombe eingeschlagen“ hat und inzwischen in die achte Saison geht. „Das Kino hat eine eigene Sprache mit eigenen Codes und eigenen Mitteln zur Manipulation“, erklärt er. Bei den Veranstaltungen geht es darum, auch Filmpädagogik zu vermitteln. „Auch viele Erwachsene können audiovisuelle Bilder nicht dekodieren.“

Vom Archiv in den Kinosaal Bevor die Filme aus dem Archiv gezeigt werden können, werden sie von Georges Bildgen oder einem der vier Projektionisten geprüft. Dazu kommen sie aus dem 6°-Grad-Archiv für ein bis zwei Tage in ein Zwischenlager zum Akklimatisieren. Dann wird der Anfang einer Filmrolle am Sichtungstisch eingelegt und auf Farbe, Ton oder mögliche Kratzer begutachtet. „Wir versuchen die Qualität so hoch wie möglich zu halten“, sagt Bildgen. Vor der Vorführung werden die Filmrollen, aus der ein Film besteht, auf eine große Rolle gesetzt. Dann ist der Film bereit für den Kinosaal am Theaterplatz. Auf Festivals hingegen wird mit digitalen Kopien gearbeitet. Filme suchen, Titel lesen, Anfänge sichten, Filme an andere Kinematheken versenden – pro Tag gehen den Mitarbeitern der  „Cinémathèque“ allerhand Filme durch die Hände, einen ganz zu schauen, dafür fehlt die Zeit.