LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

In Zeiten weit verbreiteter Verunsicherung finden Desinformation und Fake News einen fruchtbaren Boden

Häufiges Händewaschen schützt nicht vor einer Covid-19 Infektion. Milch hilft, Covid-19 zu bekämpfen. Die durch das Coronavirus ausgelöste Krankheit kann mit traditioneller Medizin geheilt werden, aber das sagt uns das von Konzernen kontrollierte Internet natürlich nicht. Das sind drei Beispiele von vielen, die der Europäische Auswärte Dienst (EEAS) auf der Webseite euvsdisinfo.eu im Zusammenhang mit der Pandemie gesammelt hat. Desinformation sei im Prinzip zu allen Themen möglich, sagt Sabrina Spieleder der „East StratCom Task Force“ des EEAS gestern auf einer Webkonferenz der luxemburgischen Vertretung der EU-Kommission. In Zeiten der Pandemie, in denen sich viele Menschen Sorgen machen, finden Falschinformationen aber einen besonders fruchtbaren Nährboden. Spieleder zitierte den Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), demzufolge die Corona-Pandemie von einer „Infodemie“ begleitet wird. Angegriffen würde etwa die Europäische Union, um den Eindruck zu erwecken die Mitgliedstaaten wären der EU egal oder dass sie sich nur selbst in eine bessere Position bringen wolle. Sie nimmt auch internationale Formen der Zusammenarbeit oder multilaterale Systeme wie die NATO oder die WHO ins Visier. Ziel der Desinformation sei es immer, in politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht Profit zu ziehen.

Nach Einschätzung der EU wird die Corona-Krise von Russland und China unvermindert für Propaganda genutzt. Der Auswärtige Dienst der EU warnt in einem Bericht vor Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung durch falsche Informationen. Trotzdem verbreiteten „offizielle und staatlich unterstützte Quellen verschiedener Regierungen, inklusive Russland und - in geringerem Maße - China, weiter in großem Umfang Verschwörungstheorien und Desinformation“.

Die EU-Diplomaten stützen sich für ihren Bericht auf die Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte aus dem laufenden Monat. Neben Russland und China werden auch Syrien und der Iran als Ursprung gesteuerter Desinformation genannt. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell spricht schon seit längerem von einem „globalen Kampf der Narrative“ in der Corona-Krise. Dabei geht es auch um die Frage, ob Demokratien oder autoritär regierte Staaten besser damit umgehen. In dem Bericht wird darauf verwiesen, dass sich Falschinformationen stark in den sozialen Medien verbreiten. Demnach verfolgen Kreml-freundliche Quellen und russische Staatsmedien zwei Ziele: Zum einen solle die EU-Reaktion auf die Pandemie untergraben werden; zum anderen solle Verwirrung über Ursprung und Auswirkungen des Virus gestiftet werden.

Es gebe auch Beweise für den Versuch offizieller chinesischer Quellen, Schuldvorwürfe abzuwehren. Behörden und Medien versuchten, die Erwähnung der chinesischen Provinz Wuhan als Ursprung von Covid-19 zu vermeiden.

Potenzial der Social Media nutzen

Wo der EEAS vor allem gezielt gestreute Disinformation entlarvt, geht es für das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) stärker um die Bekämpfung von fehlerhaften Informationen und die breitere Aufklärung der Öffentlichkeit. Mittels wöchentlich geupdateten Fragen & Antworten, Reaktionen auf „Fake News“ oder auch eine enge Zusammenarbeit mit Social Media-Plattformen versucht das ECDC, für Klarheit zu sorgen. „Social Media spielt eine kruziale Rolle im Kampf gegen falsche Information“, betonte Alexandru Niculae, „Communication Officer for Media and Risk Communication“ beim ECDC. Dieser Kampf sei schwierig, zeitraubend und „gelegentlich frustrierend“, führte er aus. Wohl auch, weil Falschmeldungen ebenfalls über soziale Netzwerke weite Verbreitung finden. Einfacher wird diese Aufgabe nicht, wenn die Regeln ständig ändern, Wissenschaftler und Mediziner selbst noch nicht alle Antworten haben oder mit Blick auf das Tragen von Masken die Kommunikation scheitert.

Prof. Dr. Claude Muller machte etwa darauf aufmerksam, dass gerade jetzt, im Übergang vom Lockdown in eine partielle Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens, Kommunikation eine zentrale Rolle spielt, „weil wir die ganze Bevölkerung in eine teilweise Lockerung mitnehmen müssen.“ In der Diskussion um Tracing-Apps sieht der Virologe am „Luxembourg Institute of Health“ (LIH) viel Fehl- beziehungsweise Falschinformation und plädiert für eine „technischere Diskussion“, da es zwischen den Anwendungen große Unterschiede gebe. Um auf die Thematik des Händewaschens zurückzukommen: Die Handhygiene hält Muller für einen wichtigen Schutz vor dem „sekundären Transmissionsweg“, also die Berührung von mit dem Virus kontaminierten Flächen und anschließend des Gesichts. Den Hauptübertragungsweg sieht der Virologe über Aerosole. Deshalb sei das Tragen einer Maske als physische Barriere so wichtig.

Für ihn wurde auch zu stark auf die Herdenimmunität gesetzt, also die Hoffnung, dass ein epidemiologisch relevanter Teil der Bevölkerung (30 Prozent aufwärts) eine Immunität entwickelt habe. „Es ist ziemlich klar, dass wir dieses Level der Herdenimmunität nicht erreicht haben“, meinte Muller. Seiner Einschätzung nach sei eher mit fünf bis zehn Prozent zu rechnen, die eine Immunität entwickelt haben. Er plädiert dafür, „irgendwann“ in eine „umgekehrte“ Quarantäne zu wechseln, dass also nur noch Personen mit einem hohen Risiko, im Falle einer Covid-19-Infektion Komplikationen zu entwickeln, isoliert werden.


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