Das Thema „Familie“ ist aktueller denn je, insbesondere da ihr immer mehr Steine in den Weg gelegt werden: Dieser Meinung sind jedenfalls viele Mütter und Väter. Die aktuelle Regierungspolitik bewerten sie als wenig familienfreundlich. Diese Ansicht vertritt auch die Interessengruppe „Méi Elteren, manner Staat“ (M.E.M.S.), deren Facebookseite inzwischen über 2.800 Likes hat. Der Name ist Programm, die Forderung deutlich: Eltern sollen das Recht und die Möglichkeiten haben, ihre Kinder zuhause großzuziehen. Durch eine Umfrage, an der derzeit anonym teilgenommen werden kann, verspricht man sich, ein klares Bild davon zu bekommen, was den Eltern hinsichtlich der Kinderbetreuung wirklich wichtig ist und woran sie sich stören. Auch das Interview mit dem „Journal“ lief anonym ab. Die Interessengemeinschaft sieht sich als Sprachrohr vieler Familien und will nicht einen Sprecher in den Vordergrund rücken.
Wofür treten „Méi Elteren, manner Staat“ ein?
M.E.M.S. Uns geht es darum, das Kind wieder in den Mittelpunkt zu rücken, weil es das schwächste Glied in der Familie ist, das sich entweder noch nicht selbst äußern kann oder gar nicht um seine Meinung gefragt wird. Wir wollen auf unglückliche Entwicklungen und die Konsequenzen aufmerksam machen. Kinder sollen wieder mehr von ihren Eltern betreut werden können, was aber immer schwieriger wird, weil „Eltern sein“ nicht mehr wirklich vom Staat anerkannt wird. Diese Form der Betreuung wird diskriminiert. Wir wollen keine Zukunft, in der Kinder ihre Eltern nur am Wochenende sehen und Erziehung als Hobby gesehen wird. Beruf und Familienleben müssen vereinbar sein, ohne dass die Kinder darunter leiden. Kinderbetreuung ist auch eine Arbeit, eine Vollzeitinvestition, nur eben in einem anderen Ausmaß und ohne Arbeitgeber.
Die Regierungspläne sind Ihnen ein Dorn im Auge?
M.E.M.S. Wir sind gegen eine gratis Kinderbetreuung. Immer wieder hört man, dass die Erziehung zuhause zu kurz kommt, weil die Eltern berufstätig sind. Seit die Regierung die Mutterschafts- sowie die Erziehungszulage abgeschafft, zusätzlich das Kindergeld für Großfamilien gekürzt und daneben auch noch eine so genannte Solidaritätssteuer von 0,5 Prozent eingeführt hat, ist es noch schwieriger geworden, zuhause zu bleiben. Viele unseren „Mitglieder“ berichten uns von ihren Sorgen. Oft sind es Alleinerziehende, die nur noch leben, um zu arbeiten, und nicht mehr für ihre Kinder da sein können.
Würden mehr Mütter zuhause bleiben, wenn sie die Möglichkeit hätten?
M.E.M.S. Es gibt wohl Frauen, die nach dem Mutterschaftsurlaub schnell in die Berufswelt zurückkehren wollen. Es gibt aber auch viele, die lieber länger bei ihrem Neugeborenen oder den älteren Kindern bleiben würden. Aus finanziellen Gründen haben sie aber oft keine Wahl, sodass nur die eine Lösung bleibt: Das Kind einer Betreuungsstruktur überlassen. Elternurlaub wird ohnehin von vielen Arbeitgebern nicht gerne gesehen. Mittlerweile ist die Frau unentbehrlich auf dem Arbeitsmarkt geworden, weil sie als vollwertiger Steuer- und Sozialkostenzahler aktiv bleiben soll. Unser Rentensystem funktioniert nur, wenn genug aktive Arbeitnehmer in die Pensionskasse einzahlen. Aus diesen Gründen hat der Staat so viele Betreuungsstrukturen bauen lassen. Das Grundbedürfnis kleiner Kinder wird jedoch übergangen: Das sind und bleiben nun einmal seine Eltern. So lieb das Personal in einer Betreuungsstruktur auch sein mag, es kann nie die Liebe und Zuneigung einer Mutter oder eines Vaters ersetzen.
Wie lange muss ein Kind Ihrer Ansicht nach denn zuhause betreut werden?
M.E.M.S. Vor allem in den ersten drei Lebensjahren, bis man sicher ist, dass es offen für regelmäßige Kontakte mit anderen Kindern ist. Dann sollten die Eltern entscheiden können, ob und wie lange sie ihre Sprösslinge in eine Betreuungsstruktur geben wollen, um zurück in die Arbeitswelt zu kehren, idealerweise in Teilzeit und flexibel. Kinderkrippe oder Maison Relais sollten der letzte Ausweg bleiben. Bei den Kleinsten sollte vorher unbedingt nach einer Möglichkeit der Betreuung innerhalb der Familie, des Freundeskreises oder einer anderen Art der Betreuung zuhause gesucht werden.
Was genau spricht gegen eine Fremdbetreuung?
M.E.M.S. Die Kinder gehen in der Masse unter. Das beginnt beim Baby, das anfangs viel Körperkontakt braucht. Dafür bleibt aber kaum Zeit in einer Kindertagesstätte. Ein anderer Punkt ist die Sicherheit: Wenn zum Beispiel in einer Gruppe 18 Kinder unter zwei Jahren von drei Personen betreut werden, ist es unmöglich, auf Dauer die Übersicht zu behalten. Es gilt als erwiesen, dass viele Babys mit Stress reagieren, wenn sie von ihrer Bezugsperson getrennt werden. Dieser Stress äußert sich in Weinen, andere ziehen sich zurück und werden ganz ruhig. Stille Kinder sind nicht immer ein gutes Zeichen. Es kann der Beginn einer Bindungsstörung sein. Negative Erfahrungen wurden auch in anderen Ländern gemacht, in denen aus den gleichen wirtschaftlichen Gründen die Kinderbetreuung gefördert wurde. Wegen der Konsequenzen wurde mancherorts aber bereits zurückgerudert. So etwa in den skandinavischen Ländern, die jetzt mit Jugendkriminalität, Depressionen und hohen Selbstmordraten unter jungen Leuten zu kämpfen haben. Psychologische Probleme als Folge einer zu hohen Fremdbetreuung konnten definitiv nachgewiesen werden. Obwohl in diesen Ländern der Ursprung des Problems also ausgemacht wurde, stellen wir hierzulande genau das gleiche Modell auf die Beine, das dort als „ohne Zukunft“ wieder abgeschafft wurde .
Wie sehen Sie also die Qualität der Einrichtungen?
M.E.M.S. Im Durchschnitt nicht gut. Der Betreuungsschlüssel - sechs Kinder unter zwei Jahren pro Betreuer - ist so hoch, dass nur auf die Grundbedürfnisse der Kleinen - Wickeln, Essen, Schlafen - eingegangen werden kann. Der Staat müsste eingreifen, die Gruppen verkleinern, damit jedes Kind wieder als Individuum behandelt werden kann. Immerhin ist jedes Kind anders und hat somit andere Bedürfnisse. Eine individuelle Betreuung darf nicht nur einer „Elite“ an Gutverdienern zugänglich sein. Auch die Eingewöhnungszeiten sind zu kurz. Dem Kind bleibt kaum Zeit, sich an eine andere Bezugsperson zu gewöhnen, was bei einer Betreuung von mehr als acht Stunden bei wechselnder Schicht des Personals auch gar nicht möglich ist. Viele unserer „Mitglieder“ haben teils sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Uns wurde bereits von schlimmen Szenarien erzählt.
Werden Kinder denn heute noch gut zuhause betreut? Nicht alle Eltern sind „Mustereltern“...
M.E.M.S. Es gibt die einen, und es gibt die anderen. Wir sind der Ansicht, dass die meisten zumindest gute Eltern sein wollen. Wer sich nicht viel sieht, lebt sich auseinander und kann keine feste Bindung aufbauen. Ihre Rolle als Eltern können viele also nicht richtig wahrnehmen. An der Tatsache, dass manche Eltern keine „Mustereltern“ sind, ändert sich aber auch nichts, wenn die Kinder extern betreut werden. Dadurch werden sie keine besseren Eltern. Diesen Menschen sollte man eine andere Unterstützung bei Problemen bieten.
Was fordern Sie demnach konkret vom Staat?
M.E.M.S. Wir fordern, dass den Eltern die Wahl gelassen wird, dass jedes Modell von Betreuung respektiert und (finanziell) unterstützt wird. Das Elternteil, das beim Kind bleibt, sollte eine Entschädigung erhalten. Erziehungsarbeit sollte endlich wieder als Dienst an der Gesellschaft anerkannt werden. Statt nur eine gratis Kinderbetreuung anzubieten, sollte auch über eine finanzielle Entschädigung - egal in welcher Form - anderer Familienmitglieder oder Menschen aus dem Bekanntenkreis, die sich um das Kind kümmern, nachgedacht werden. Eine weitere Ungerechtigkeit, die aus der Welt geschafft werden sollte, ist der Fakt, dass sich der Staat nicht im gleichen Maße finanziell an der Betreuung durch Tagesmütter - das Modell, wo noch am ehesten auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen werden kann - wie an der in großen Gruppen in Betreuungsstrukturen beteiligt. Anerkennung für jemanden, der sich heutzutage noch selbst um seine Kinder kümmert, gibt es quasi überhaupt nicht mehr, teils ist dies sogar verpönt. Eltern, die sich dafür entscheiden, haben dadurch immer seltener das Gefühl, das Richtige zu tun. Das ist eine traurige Tatsache.
Unter www.facebook.com/Elteren oder www.famill.lu
kann man anonym an der Umfrage teilnehmen


