LONDON
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Wie fühlen sich EU-Bürger in Großbritannien kurz vor dem Brexit?

Virginie Clerc Lusandu war schon fast zu Hause angekommen, als sie angegriffen wurde. Mit ihrem 11-jährigen Sohn saß die Französin im April im Zug von London nach Bradford, gemeinsam hatten sie eine Veranstaltung gegen den Brexit besucht. An ihren Jacken hingen noch die blau-gelben Buttons mit der europäischen Flagge. In Leeds stiegen vier Männer zu, laut, unangenehm. Einer setzte sich vor Virginie, der andere neben Virginie, der nächste hinter sie. Dann packte einer der Männer sie am Kopf, zwang sie, ihn anzusehen und brüllte: „No surrender!“

Angst vor der Zukunft

Keine Kapitulation. Der Spruch wird in Großbritannien auch von der „English Defence League“ gebraucht, einer rechten, islamfeindlichen Organisation. Er wird außerdem im Zusammenhang mit dem Brexit verwendet: Keine Kapitulation vor der EU.

Lusandu kam vor 18 Jahren nach Großbritannien, in Bradford betreut sie Menschen mit Behinderung und Demenz. Sie ist eine der 3,8 Millionen EU-Bürger, die nach Angaben des Statistikamtes auf der Insel leben. Und auch eine der 3,8 Millionen, die sich wenige Monate vor dem EU-Austritt am 29. März 2019 in ihrer Heimat Großbritannien nicht mehr zuhause fühlen.

Lusandu hat Angst vor der Zukunft und sie ist sauer. Sauer auf die britische Regierung, auf Kollegen. „Vor ein paar Jahren habe ich mich noch wie eine Britin gefühlt“, sagt sie. Jetzt sei sie nicht mehr Teil der Gesellschaft. Als Lusandu vor zwei Jahren das Ergebnis des Referendums hörte, weinte sie. Ihre britischen Kollegen jubelten über das Ja zum Brexit.

Seit dem Angriff im Zug fühlt sich die 38-Jährige nicht mehr sicher, ihr Angreifer lebt in der Nähe. Die Zahl der Hassverbrechen ist seit 2016 dem Innenministerium zufolge in England und Wales um 17 Prozent gestiegen. Auch Lusandus Sohn wurde von dem Mann rassistisch beleidigt, der Vater ihrer Kinder stammt aus dem Kongo. Ende Oktober fiel das Urteil gegen den Täter, ihm droht eine Haftstrafe.

Um gegen die Angst anzukämpfen, engagiert sich Lusandu bei „the 3 million“, einer Organisation, die sich für EU-Bürger in Großbritannien einsetzt. Seit der Gründung vor zwei Jahren ist der Verein zu einer der größten britischen Bürgerbewegungen angewachsen.

„Wir haben EU-Bürgern in Großbritannien eine Stimme gegeben“, sagt Maike Bohn, Gründungsmitglied der Organisation. Die Idee für „the 3 million“ kam der 51 Jahre alten Deutschen mit Bekannten in einem Pub. Bohn zog vor 25 Jahren von Lübeck nach England, sie arbeitet in Bristol als Strategieberaterin für Universitäten. „Nach dem Referendum war ich so geschockt, ich musste einfach etwas machen“, sagt sie.

Bohn und andere Mitglieder von „the 3 million“ trafen sich in Brüssel regelmäßig mit EU-Politikern wie Michel Barnier und Guy Verhofstadt, die für die Austrittsgespräche verantwortlich waren. Für fast jeden EU-Mitgliedstaat gibt es im Verein einen Repräsentanten und Anwälte spezialisiert auf Europarecht und britisches Einwanderungsrecht.

„Wir haben die Rechte der EU-Bürger zur Priorität der Verhandlungen gemacht“, sagt Bohn. Sollte das Brexit-Abkommen tatsächlich in Kraft treten, könnten EU-Bürger in Großbritannien einfacher als bislang an Aufenthaltsdokumente gelangen, so Bohn. Sie hat kürzlich die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Zähneknirschend, wie sie sagt. Aber die Sorge, sich irgendwann zwischen Deutschland oder Großbritannien entscheiden zu müssen, war zu groß. Auch nach dem Brexit kann sie beide Nationalitäten behalten.

Alexandra Bulat, die für „the 3 million“ mit rumänischen EU-Abgeordneten in Kontakt steht, hat sich dieses Jahr um eine Art Vorstufe zur britischen Staatsbürgerschaft beworben. Die 24-Jährige macht gerade ihren Doktor am University College of London, 2012 zog sie von Rumänien nach England. Ihr Gesuch wurde Ende Mai abgelehnt. Der Grund? Die Dokumente seien unzureichend, heißt es in einer E-Mail. Bulat will Einspruch einlegen. Doch das geht nur mit der offiziellen Ablehnung und die ist selbst nach einem halben Jahr nicht bei ihr eingetroffen. Das Innenministerium sei maßlos überfordert, schimpft Bulat.

Immer wieder würden Anträge fälschlicherweise abgelehnt. Auch eine Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur beim Innenministerium blieb hierzu unbeantwortet.

Von Großbritannien enttäuscht

Bulats Vorwürfe sind jedoch nicht neu: Bereits im vergangenen Jahr musste sich die Regierung bei etwa 100 EU-Bürgern entschuldigen, nachdem ihnen aus Versehen mit Abschiebung gedroht worden war. Péa Eigler hat erst gar nicht versucht, zu bleiben. Sie ist nach 25 Jahren mit ihrem Mann von Brighton zurück ins Allgäu gezogen. Die 54-Jährige arbeitet als Übersetzerin, zurück in Deutschland muss sie sich nun einen neuen Kundenstamm aufbauen. Eigler litt nach dem Referendum unter Schlafstörungen, auf einmal war ihr Zuhause kein Zuhause mehr. Ein Arzt riet ihr, Allergietabletten einzuwerfen: Dann würde das mit dem Schlafen schon wieder klappen. Manchmal, wenn sie auf der Straße mit Freunden Deutsch sprach, rief man ihr zu: „Ihr seid in England, sprecht Englisch!“. Also ließ sie das Deutsch sprechen irgendwann ganz sein.

Sie ist enttäuscht von dem Land, das sie einst als Heimat wählte. Und sie ist wütend auf Theresa May und die Rhetorik der Regierung, die den Hass auf EU-Bürger befeuere. Erst vor wenigen Tagen wurde die Premierministerin kritisiert, als sie sagte, dass sich EU-Bürger bald nicht mehr „vordrängeln“ könnten.

Für Virginie Lusandu ist Weitermachen an manchen Tagen leicht, an anderen schwerer. Ob sie gehen oder bleiben wird, weiß sie nicht. Maike Bohn und Alexandra Bulat haben sich entschieden zu bleiben, um weiter für die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien zu kämpfen.