LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Zum Gedenken an Robert Spaemann

Robert Spaemann (1927-2018) verstarb Anfang Dezember im Alter von 91 Jahren. Mit ihm ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Vertreter der wertkonservativen Philosophie Europas von uns gegangen. Um auch denjenigen, die den gebürtigen Berliner nicht kennen, einen Einblick in dessen Welt zu gewähren, widmet sich die heutige Kolumne einem Überblick der Reflexionen Spaemanns.

Spaemann machte es sich zur Aufgabe, Realität und Sinn des Weltaufbaus durch gründliche Beobachtung und Analyse aufdecken zu können. Er war der Ansicht, dass all das, was für uns notwendig und wichtig ist, uns in der Wirklichkeit gegeben ist. Als Anhänger des Christentums galt für ihn vor allem, dass die geschöpfte Welt einen inhärenten Wert hat. Das, was auch ohne uns ist, das Wirkliche, ist nicht zu ersetzen. Es war immer schon und trägt Wert und Sinn in sich. Die geschöpfte Natur birgt demnach das Gute, woran wir Menschen uns orientieren sollen. Ganz in dem Sinne ist es absolut unhaltbar, wenn sich die Menschheit an eben diesem Gott Gegebenen vergeht. Wer den Weltaufbau nicht verstanden hat, kann auch keine Konsequenzen einsehen, die ein Eingreifen und Rütteln, ein Umbauen und Verändern dieses Weltaufbaus mit sich bringen könnten. Es versteht sich von selbst, dass Spaemann ein vehementer Gegner der Gentechnik und Stammzellenforschung war. Das Natürliche von Menschenhand zu deklinieren könnte mehr Gefahren bergen, als das Menschenhirn überhaupt zu imaginieren weiß.

Es ist das uns Gegebene, unsere Wirklichkeit, durch welches wir lernen können, was dem menschlichen Leben als Wert und Sinn zentral ist. Ganz in diesem Sinne hat sich Spaemann auch für Tier- und Naturschutz stark gemacht, sich gegen Atomenergie gewehrt, sowie Aufrüstung und Wiederbewaffnung scharf verurteilt. Alle Umstände, die uns davon abhalten, das wertgeladene Umfeld zu schätzen, stellen laut Spaemann gefährliche Fallen dar, die uns unsere Lebensbedingungen rauben und dem einhergehend auch der Selbstverwirklichung, Lebensfreude und Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens entgegenstehen.

Laut Spaemann ist es nämlich erst in dem Anerkennen des Wertes unserer Außenwelt, durch welches wir unserem Leben einen Sinn geben können. Die menschliche Existenz manifestiert sich immer erst in Bezug auf das, was ihr im Umfeld begegnet. Wir leben in der Welt und mit der Welt, wir agieren und müssen uns anpassen. Dieses Anpassen an die Lebensumstände ist mitunter nicht sehr einfach, sodass es oft Mühe und Anstrengung, Konzentration und Beobachtungsgabe verlangt, um der Natur und Realität gerecht zu werden. Hierin kann der Mensch über sich hinauswachsen und selbst tätig werden. In dieser Selbsttätigkeit erfährt sich auch erst die Intensität des Daseins, weil wir aktiv mit unserem Umfeld leben. Jeder hat seinen natürlichen Platz in der Ordnung der Natur, den es zu respektieren gilt und in dem man sich verwirklichen kann.

Die moderne Selbstverwirklichung sieht Spaemann aber dem Ideal widersprechend an. Technokratie und Egozentrismus sind Faktoren, die uns von den eigentlichen Werten, die schon immer da waren und die „gut“ für uns sind, meilenweit entfernen. Wo ist heute noch Platz für Liebe, für Kinder, Kunst, Natur, Güte und Wohlwollen? Man muss fast für diese Werte kämpfen, damit sie nicht im Fortschrittswahnsinn des Zeitalters untergehen. Abtreibung und Sterbehilfe waren dem Philosophen ein Graus, da sie als schwerwiegender Eingriff in die Natur des Menschen, so wie sie von Gott geplant war, darstellten.

Gelegentlich hat sich Spaemann auch kritisch gegenüber Papst Franziskus geäußert, da dieser bezüglich alter christlicher Traditionen, wie etwa den Wert der christlichen Ehe, für Spaemann zu stark abweichend auftritt. Eine liberale Haltung hinsichtlich der erneuten Heirat nach einer Scheidung sieht der Denker als Wertminderung des Wortes Jesu und der traditionellen Kirche an.

Dass die Werte „verloren“ gegangen sind, hört man heute recht oft. Doch sehen wir tatsächlich auch genau hin, um herauszufinden, was uns von den Werten eigentlich entfernt? Spaemanns Lehre mag dem ein oder anderen zu zugespitzt, zu christlich, erscheinen. Aber dennoch sind in seinem moralischen Fingerzeig einige Hinweise enthalte, die uns allesamt im Alltag ein wenig aufhorchen lassen müssten. Geht es immer um Bequemlichkeit? Warum dürfen wir uns überall einmischen? Sind wir vielleicht auf dem Holzweg, und müssten wir das, mit dem wir uns beschäftigen, ja leben, vielleicht doch noch mal genauer betrachten?

Wir werden sehen, wie Spaemann schreibt, dass der Lauf der Dinge auch ohne uns Bestand hat. Der Sinn der Welt kommt nicht erst durch unser Handeln hinein, so seine These. Engagieren wir uns und agieren mit der Wirklichkeit, ist das lohnenswert und wird unserem Dasein Sinn verleihen können. Das, was wirklich ist, übersteigt aber ohnehin das, was wir Menschen beeinflussen können. Erst wenn wir dies akzeptieren und lernen, dass wir besser mit unserer Umwelt zu leben hätten, anstatt mit der Natur auch uns selbst abzuschaffen, weilen wir in einer Gelassenheit, durch die sich unser Handeln an Werten und Sinn orientieren kann, und somit für unser Leben selbst einen Gewinn darstellt.