CORDELIA CHATON

Der eine ist die kommerzielle Auszeichnung der Musikindustrie, der andere die Anerkennung literarischer oder journalistischer Qualität. Beide - „Echo“- wie „Pulitzers“ - sind bekannt. Nur ist beim einen der Rapp ganz oben angekommen und beim anderen am Ende. Der Grund: Die Grenzen der Meinungsfreiheit oder: Was darf Kunst?

Seitdem die Rapper Kollegah und Farid Bang den „Echo“ erhalten haben, ist einiges passiert. Die im Saal versammelte Musikindustrie schwieg und klatschte, nur Alt-Punk und Richtersohn Campino hatte Rückgrat genug, zu sagen, was geht und was nicht geht in einem Land, in dem Hitler mal Staatschef war und von dem der Holocaust organisiert wurde. Dann trauten sich andere vor: Der Pianist Igor Levir, das „Notos Quartett“ und der Musikproduzent Klaus Voormann gaben die Auszeichnung zurück, der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, trat aus dem Beirat aus, Marius Müller-Westernhagen will alle „Echos“ zurück geben. Es bleibt zu hoffen, dass das der Anfang eines Aufschreis ist, der viel zu lange ausblieb.

Aber da stellen sich noch andere Fragen: Warum verkaufen Musiker, die Textzeilen haben wie: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“ mehr als 200.000 Platten? Ist Deutschland ein Land der Larifaris, in dem vor lauter Toleranz keine moralischen Grenzen mehr gelten? Ein Land ohne Konsens, weil es keine Regeln mehr gibt, die von allen anerkannt werden? Weil sich eine Gleichgültigkeit breit macht, wenn „Jude“ ein Schimpfwort ist, wenn Menschen U-Bahntreppen herunter getreten werden? Zu Zeiten des Kalten Krieges gab es Vorstellungen, die so rigide waren, dass es manchmal erschreckend war. Jetzt gilt nichts mehr - und das Resultat ist zum Fürchten. Ein Klein-klein, in dem die Wirtschaftsmacht groß und der moralische Konsens winzig ist. Zu winzig. Denn gerade in Deutschland ist diese Preisverleihung ein No-Go. Und das hätten alle wissen müssen, insbesondere die Mitglieder des Ethikbeirats, der ohnehin nur ein Persilrat ist. Egal wie: Den Preis will in Zukunft keiner mehr haben. So ist das, wenn Geld ohne Gehirn daher kommt.

Umso erstaunlicher, dass in den USA Kendrick Lamar den Pulitzer-Preis in einer der 21 Kategorien gewonnen hat. Er ist der erste Rapper, der ihn erhält. Damit ist das Genre angekommen und Lamar, der gern und reichlich „bitch“ und „motherfucker“ verwendet, rein gewaschen. Schließlich setzt er sich musikalisch auch für natürliche Schönheit jenseits des Photoshops ein und sieht Frauen nicht nur in Stereotypen.

Damit zumindest liegt er auf einer Linie mit den Gewinnern im journalistischen Bereich, bei denen drei Journalisten hervorstechen. Sie haben den Weinstein-Skandal aufgedeckt und somit die #MeToo-Debatte ausgelöst. Vor allem haben die drei - zwei Frauen von der „New York Times“ und ein Mann des „New Yorker“ - Haltung bewiesen, als sie gegen sexuellen Missbrauch anschrieben. Und sie schreiben gegen Lügen an; ganz im Sinne des Gründers, der sagte: „Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen.“