LUXEMBURG
MARCO MENG

Der Ökonom Thomas Mayer appelliert für eine Geldreform

Wie stabil ist der Euro und wie stabil unser Geldsystem überhaupt? Thomas Mayer - als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte, war er Chefvolkswirt der Deutsche Bank-Gruppe - sucht in seinem Buch „Die neue Ordnung des Geldes“ unkonventionelle Antworten auf die Frage nach einer besseren Geldordnung. Warum wir eine Geldreform brauchen, darüber sprach Mayer mit dem „Journal“.

Ist der Euro gescheitert?

Thomas Mayer Es gibt ihn ja noch, und es wird ihn wohl auch einige Zeit lang noch geben. Die Frage ist aber, ob der Euro langfristig ein Erfolg sein wird. Und darauf wäre meine Antwort: Nein. Man kann eine gemeinsame Währung in Europa ohne politische Union meiner Meinung nach nur aufstellen als das, was ich Aktivgeld nenne, also eine Art Warengeld im Gegensatz zu einem Geld, welches Staaten mit der Zentralbank herausgeben und das sie auch zu ihrer eigenen Finanzierung benutzen. Warum? Weil wir als Eurozone keinen Staat haben und wohl auch nicht bekommen werden, denn dazu fehlt die Bereitschaft der Bevölkerungen der Euroländer. Es ist aber eine Illusion zu glauben, man könne ein bisschen vergemeinschaften und hätte da so eine Art „politische Union light“. Das geht nicht, denn für eine solche Währung müssten Teile der Souveränität wie Besteuerung, aber auch Ausgaben, einschließlich Sozialausgaben, auf die Zentralstaatsebene übertragen werden. Darum ist ein Euro in der gegenwärtigen Form langfristig zum Scheitern verurteilt. Wir hatten ursprünglich im Maastricht-Vertrag den Euro als Aktivgeld aufgestellt, denn er sollte ja ausgegeben werden von einer politisch völlig unabhängigen europäischen Zentralbank, die unter keinen Umständen Ländern irgendwelche Kredite geben sollte, eine Zentralbank, die nicht für die Bankenaufsicht zuständig sein sollte, und die Staaten sollten auch in eigener Verantwortung für ihre Finanzen agieren. Dieses Modell wurde im Zuge der Eurokrise 2010 bis heute umgestellt, indem der Euro vom Warengeld zum Staatsgeld gewandelt wurde. Aber der gleichzeitige Bau eines Eurostaates ist nicht gelungen. Man hat versucht, ein Geflecht von Verträgen und Institutionen zu bauen, das als Staatsersatz dienen sollte, ich nenne das einen Schattenstaat. Aber dieser Schattenstaat erweist sich als Papiertiger. Von Griechenland bis Frankreich lehnen die nationalen Parlamente die Auflagen dieses Schattenstaates ab, ob Sparprogramm oder Strukturreform.

Was hat zur Eurokrise geführt?

Mayer Der Maastrichter Vertrag als Plattform für den Euro war unvollständig. Um den Euro als Warengeld, als Aktivgeld, aufzustellen, wie es im Vertrag angedacht war, reichte es nicht, einfach nur Regeln für die Disziplin aufzustellen, sondern man hätte auch Sanktionsmechanismen für Zuwiderhandlungen implementieren müssen. Diese Sanktionsmechanismen bestehen aus zwei Elementen: Erstens eine Insolvenzordnung für Staaten, und zweitens, wenn es mit einer Umschuldung nicht gelingt, einen Staat wieder als vollwertiges EWU-Mitglied aufzustellen, ein Austrittsverfahren aus dem Euro. Stattdessen hatte man sich 2010 entschlossen, zunächst einmal Zeit zu kaufen, was in gewisser Weise auch verständlich war. Aber dann haben wir uns 2012 entschlossen, ein solches Insolvenz- und Austrittsverfahren bewusst nicht in Angriff zu nehmen, sondern den Euro umzubauen zu dem, was ich Staatsgeld nenne. Und mit Griechenland könnte es jetzt sein, dass diese Strategie scheitert.

Würde denn im Fall Griechenland ein Schuldenschnitt helfen?

Mayer Was Griechenland seinen Partnern gerade vorgeschlagen hat, ist im Grunde eine serielle Insolvenz. Wir hatten ja zuerst die Insolvenz, die private Gläubiger traf, dann eine öffentliche Insolvenz, als die Zinsen gesenkt und Laufzeiten gestreckt wurden, und was Griechenland nun will, ist die dritte Umschuldung. Es ist also klar, dass wir eine Insolvenzordnung mit einer Austrittsordnung ergänzen müssen. Insolvenz kann vorkommen, und jeder soll eine zweite Chance haben. Aber wenn es nach einer Insolvenz nicht gelingt, das Land innerhalb eines vertretbaren Zeitraums von zwei bis drei Jahren wieder einigermaßen flott zu machen, muss der Austritt erfolgen.

Sie schlagen eine neue Ordnung des Geldes vor. Hat Sie Ihre Tätigkeit bei der Deutschen Bank und Goldman Sachs so desillusioniert?

Mayer Das hat mit meiner Tätigkeit bei diesen Banken nur insofern zu tun, als ich mir dort diese Fragen intensiv stellen konnte, weil ich eben „nah dran“ war. Aber ich fürchte, weil ich kein so hochbegabter Ökonom bin, dass ich alleine nicht darauf gekommen wäre: Wenn es die Finanzkrise nicht gegeben hätte, hätte ich selbst auch diese Einsicht wohl nie bekommen. So etwas passiert einem Ökonomen üblicherweise nicht in seiner Karriere. Aber es passiert manchen Ökonomengenerationen, zuletzt der in den 1930er Jahren, die auch interessante Lösungsvorschläge machte. Wenn man sich das anschaut, sieht man, dass viele Kritikpunkte von damals auch heute noch relevant sind. Insofern wundert es mich eher, dass so viele meiner Kollegen so wenige grundsätzliche Fragen stellen und stattdessen weitermachen wie bisher.

Wie soll es besser funktionieren?

Mayer Das Problem ist, dass in unserem Kreditgeldsystem Geld durch Vergabe an Kredite, auch an Staaten, entsteht. Dieses System, in dem die Zentralbank eigentlich der Kreditproduktion nur folgt, hat übermäßig viel Kredit und Geld produziert, weil niemand dieses System kontrollierte, und das führte auch zum letzten Absturz. Im Abschwung des Kreditzyklus haben nun die Banken Angst, Kredite zu vergeben oder werden durch höhere Eigenkapitalanforderungen, durch Reglementierung, daran gehindert, und die Bereitschaft, Kredite aufzunehmen, ist in dieser Phase des Zyklus auch nicht besonders groß. Dadurch ist es dem System aber eigentlich nicht möglich, genügend Geld zu produzieren. Die Zentralbanken versuchen deswegen, die Geldhaltung mit Null- oder Negativzins zu besteuern und die Kreditvergabe zu subventionieren. Das alles geschieht aber unkoordiniert. Ich denke, dass dieses über Kredite erzeugte Geld letztendlich ungesund ist, weil es immer wieder zu Krisen führt. Deshalb hielte ich es für sinnvoll, dieses System auszuwechseln dadurch, dass man Geld nicht mehr über Kreditvergabe erzeugt, sondern auf der Basis von Vertrauenskapital emittiert. Das heißt, die Zentralbank schöpft von sich aus auf Vertrauensbasis Geld, nicht mehr die Geschäftsbanken durch Vergabe an Krediten. Diese Idee von Aktivgeld ist aber noch immer eine Außenseitersache in etablierten Geldsystemen. Doch wir haben im Euro das besondere Problem, dass wir hier eine sehr junge Währung haben, die schlecht organisiert ist, deshalb halte ich hier die Idee des Aktivgelds für aussichtsreich. Das wäre meines Erachtens nach eine nachhaltigere Lösung für die Europrobleme und könnte die derzeitigen Reparaturversuche ersetzen. Die Debatte unter Interessierten, auch Ökonomen, läuft, doch für diejenigen, die im System drin sind, klingt das so weit hergeholt, dass sie sich gar nicht damit beschäftigen. Momentan ist man wohl nicht so weit. Aber eine weitere Finanzkrise - die Aussichten dafür sind nicht gleich null - und wir werden die Systemfrage stellen müssen.