Tess Burton ist eine engagierte junge Frau, die selbst sagt, dass sie einigermaßen überrascht war, ins Parlament gewählt worden zu sein. Die Unternehmerin, die im Februar zur Vorstandspräsidentin des LSAP-Ostbezirks gewählt wurde, ist Mitglied der Fédération des Femmes Cheffes d’Entreprise und der Fédération des Jeunes Dirigeants sowie im Geschäftsverband Grevenmacher engagiert.
Leider gibt es zu wenige junge Unternehmer, findet die Sozialistin. Demnächst will sie ihren Laden in Grevenmacher renovieren und - für einen Geschenkeladen passend - mal wieder umgestalten.
Woher haben Sie Ihren Unternehmergeist?
Tess Burton Mein Vater hat vor rund 30 Jahren die Muselzeidung und die Sauerzeidung gegründet, wo meine Mutter mitarbeitete und später auch ich selbst. So bin ich gewissermaßen damit groß geworden „selbstständig“ zu sein. Obwohl es für mich gar nicht von Anfang an klar war, dass ich ins Unternehmen einsteigen oder etwas eigenes machen würde, habe ich dann selbst den Weg in diese Richtung eingeschlagen, indem ich in Köln Medienmanagement studiert habe und dann meinen Abschluss in Luxemburg mit dem Master in „Entrepreneurship“ gemacht habe, damals als einzige Luxemburgerin.
Neben dem Hauptgeschäft, den Zeitungen, wo wir acht Mitarbeiter beschäftigen, habe ich zusammen mit meiner Mutter vor etwa zwölf Jahren hier in Grevenmacher den Geschenkeladen „Eicatcher“ eröffnet. Damals war das die Verwirklichung unseres Hobbys, und auch heute noch ist der Laden mein „Herzstück“.
Das Verlagshaus und das Geschäft erlauben mir, meinen Unternehmensgeist zu entfalten und gleichzeitig auch Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen. Dies schafft einen gewissen Druck, schließlich hat man sowohl eine finanzielle als auch eine soziale Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern.
Wie hat sich Ihr Laden seit der Eröffnung entwickelt?
Burton Die Produktpalette hat sich seit den Anfangszeiten auf inzwischen mehr als 5.000 Produkte ausgeweitet, und wir reisen regelmäßig auf die Messen in Frankfurt oder Paris, wo wir von Herstellern in ganz Europa einkaufen und die neusten Trends aufschnappen. Ich bin mit meinem Laden dann vor einigen Jahren als eine der ersten in Luxemburg online gegangen und habe Pakete verschickt, allerdings habe ich das Projekt im Moment auf Eis gelegt, weil am Kassensystem noch einige technische Arbeiten gemacht werden müssen, und durch meine Wahl ins Parlament fehlt mir jetzt etwas Zeit für den Onlineshop.
Gab es mal Zeiten, an denen Sie dachten, das Geschäft zu schließen?
Burton Ich habe noch nie daran gedacht, meinen Laden zu schließen, auch wenn es manchmal schwierige Zeiten gibt. Der Handel hat sich auch in der Fußgängerzone in Grevenmacher verändert, das Kaufverhalten ist heute anders als früher. Viele Geschäftsleute sagen auch, dass ihnen der Onlinehandel zu schaffen macht. Ich denke aber, dass der Kunde erwartet, dass man auch im Netz präsent ist, weshalb ich meinen Onlineshop als zusätzliches Angebot gestartet habe, was auch sehr gut angenommen wurde. Man muss sich eben auch an die heutige Zeit anpassen. Durch den Onlineshop kann ich landesweit Kunden ansprechen, die ich sonst gar nicht erreichen würde. Die Leute gehen aber auch nach wie vor gerne „offline“ einkaufen, deshalb ist es wichtig, dass das Angebot in Fußgängerzonen, auch hier in Grevenmacher, weiter für den Kunden attraktiv gestaltet wird.
Wollten Sie immer schon Unternehmerin werden?
Burton Früher habe ich mir - ähnlich wie wohl viele andere Jugendliche - kaum Gedanken gemacht, was ich später beruflich machen werde. Wenn man dann im Berufsleben steht, merkt man, was man in der Schule hätte lernen sollen, was einem damals aber nicht wichtig war. Wenn man über Orientation Scolaire spricht, denke ich, dass es gut wäre, wenn junge Leute möglichst früh auch mit der Berufswelt in Berührung kämen, um zu sehen, was es alles gibt, um auch zu wissen, worauf später im Berufsleben Wert gelegt wird, was man braucht, und später nicht denkt: „Hätte ich nur da mal besser in der Schule aufgepasst“. Auch Praktika sind sehr wichtig; die haben mir auch selbst immer viel gebracht. Die Förderung des Unternehmergeistes ist bei jungen Leuten hier in Luxemburg nur mäßig erfolgreich. Oft ist es so, dass sich meist nur welche für die Selbstständigkeit entscheiden, deren Eltern selbst Unternehmer sind oder waren.
Versuchen Sie, Ihre berufliche Erfahrung auch politisch einzubringen?
Burton Ich setze mich gerne für Projekte ein, die den Unternehmensgeist fördern. Als Abgeordneter kann man nicht von heute auf morgen bestimmte Dinge ins Leben rufen oder verändern, aber es gibt doch immer wieder Projekte, für die man sich einsetzen kann und seine persönlichen Erfahrungen einbringen kann.
Wie bringen Sie Ihre politische und Ihre unternehmerische Arbeit unter einen Hut?
Burton Das Abgeordnetenmandat ist sehr arbeitsintensiv, und es gibt Wochen, an denen es schwierig ist, die beiden Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen. Den Laden betreibe ich mit meiner Mutter, die ihn in der Woche jetzt öfter führt, während ich an den Samstagen immer im Laden anzutreffen bin. Keine von beiden Arbeiten möchte ich missen.



