LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Wie die „International Holocaust Remembrance Alliance“ zustande kam

Die „International Holocaust Remembrance Alliance“, der Luxemburg ab Anfang März ein Jahr lang vorsitzen wird, vereint Regierungen und Experten in der Bemühung, die Aufklärung über den Holocaust zu verbessern und die Erinnerung an die Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg aufrecht zu erhalten.

32 Staaten sind mittlerweile Mitglied der IHRA, acht haben einen Beobachterstatus, zwei - Australien und Portugal - sind Partnerländer und es gibt sieben ständige Partnerorganisationen, darunter die Vereinten Nationen und die UNESCO. Die Allianz geht auf eine Initiative ausgangs der 1990er des damaligen schwedischen Premierministers Göran Persson zurück.

Der sozialdemokratische Politiker war stark beeindruckt von seinem Besuch im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg und sehr besorgt aufgrund einer Studie, die belegte, dass zahlreiche Kinder nichts mit dem Begriff Holocaust anzufangen wussten. Persson beantragte eine Debatte im schwedischen Parlament über die Information zum Holocaust an den Schulen, setzte sich aber auch bei anderen Staats- und Regierungschefs für die Gründung eines internationalen Staatenbunds zur Förderung von Bildung und Forschung über das Thema ein. Ende Januar 2000, im Jahr des 55. Gedenktags an die Befreiung des KZ Auschwitz gelang es ihm, hochrangige Politiker, Spezialisten und Überlebende in Stockholm zu einem internationalen Holocaust-Forum zu versammeln.

In ihrer Schlußerklärung (s. Rahmen) verpflichten sich die Teilnehmer unter anderem, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten und gegen Völkermord, ethnische Säuberungen, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit anzukämpfen. Es war die Geburtsakte der IHRA, die ein permanentes Sekretariat in Berlin mit sechs Mitarbeitern unterhält, das ein Expertennetzwerk in vier Arbeitsgruppen koordiniert: Akademische Forschung, Bildung, Gedenkstätten sowie Museen und Kommunikation. Zusätzlich gibt es noch Komitees, die sich mit spezifischen Fragen befassen. Die IHRA unterstützt auch Forschungsprojekte finanziell.

Die Arbeitsgruppen berichten alle an die Vollversammlung, die sich zweimal im Jahr trifft. In Luxemburg wird das vom 3. bis 5. Juni in Mondorf sein, wo rund 150 Teilnehmer erwartet werden. Man sei bei der Auswahl der Orte stets darauf bedacht, solche auszuwählen, die durch die Nazi-Barbarei besonders geprägt waren. Mondorf wurde im Zweiten Weltkrieg vor allem bekannt durch die zeitweilige Internierung von 86 Nazi-Größen, darunter Hermann Göring und Karl Dönitz. Im Mondorfer Palace Hotel wurden sie zwischen Mai und August 1945 von US-Ermittlern befragt, bevor sie in Nürnberg vor Gericht kamen. Dazu gibt es auch den Film „Ashcan“, der 2018 von Willy Perelsztejn realisiert wurde.

Im Dezember findet eine weitere Versammlung in der Hauptstadt statt. Daran dürften rund 350 Personen teilnehmen. Gestern Morgen stellte Georges Santer dem außen- und europapolitischen Ausschuss im Parlament die luxemburgische IHRA-Präsidentschaft vor. 

Die Stockholmer Erklärung

„Die Schoah hat die Zivilisation in ihren Grund-festen erschüttert“

„Wir, die Hohen Vertreter der Regierungen auf dem Stockholmer Internationalen Forum über den Holocaust, erklären Folgendes:

1. Der Holocaust (die Schoah) hat die Zivilisation in ihren Grundfesten erschüttert. In seiner Beispiellosigkeit wird der Holocaust für alle Zeit von universeller Bedeutung sein. Nach einem halben Jahrhundert ist er zeitlich noch hinreichend nah, dass Überlebende Zeugnis ablegen können über die Schrecken, die die jüdischen Mitmenschen durchleiden mussten. Das schreckliche Leid der Millionen weiterer Opfer der Nazis hat auch das gesamte Europa mit einer unauslöschlichen Narbe gezeichnet.

2. Das Ausmaß des von den Nazis geplanten und ausgeführten Holocaust muss für immer in unserem kollektiven Gedächtnis verankert bleiben. Die selbstlosen Opfer derjenigen, die sich den Nazis widersetzten und manchmal gar ihr Leben ließen, um Opfer des Holocaust zu schützen oder zu retten, müssen ebenfalls einen festen Platz in unseren Herzen erhalten. Dieses ungeheure Grauen ebenso wie die Größe der Heldentaten können Eckpfeiler für uns sein, die menschliche Fähigkeit zum Guten wie zum Bösen zu verstehen.

3. Da die Menschheit noch immer von Völkermord, ethnischer Säuberung, Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit gezeichnet ist, trägt die Völkergemeinschaft eine hehre Verantwortung für die Bekämpfung dieser Übel. Gemeinsam müssen wir die schreckliche Wahrheit des Holocaust all jenen gegenüber vertreten, die sie bestreiten. Wir müssen die moralische Verpflichtung unserer Völker wie die politische Verpflichtung unserer Regierungen stärken, um sicherzustellen, dass künftige Generationen die Ursachen des Holocaust begreifen können und über seine Folgen nachdenken.

4. Wir verpflichten uns, unsere Anstrengungen zur Förderung der Aufklärung, des Erinnerns und der Forschung im Bereich des Holocaust zu verstärken, und zwar sowohl in den Ländern, die bereits viel in dieser Hinsicht geleistet haben, als auch in denjenigen, die sich unseren Bemühungen anschließen möchten.

5. Wir haben die gemeinsame Verpflichtung, das Studium des Holocaust in allen seinen Dimensionen anzuregen. Wir werden die Aufklärung über den Holocaust an unseren Schulen und Universitäten sowie in unseren Gemeinden fördern und sie in anderen Einrichtungen unterstützen.

6. Wir haben die gemeinsame Verpflichtung, der Opfer des Holocaust zu gedenken und diejenigen zu ehren, die Widerstand gegen ihn geleistet haben. Wir werden geeignete Formen des Erinnerns an den Holocaust in unseren Ländern anregen, darunter einen jährlichen Holocaust-Gedenktag.

7. Wir haben die gemeinsame Verpflichtung, Licht in das noch immer herrschende Dunkel des Holocaust zu bringen. Wir werden alle erforderlichen Schritte unternehmen, um die Öffnung von Archiven zu erleichtern und somit Forschern den Zugang zu allen Dokumenten mit Bezug zum Holocaust zu gewährleisten.

8. Es ist durchaus angemessen, dass diese erste große internationale Konferenz des neuen Jahrtausends sich dazu bekennt, die Saat einer besseren Zukunft in den Boden einer bitteren Vergangenheit zu streuen. Wir fühlen mit den Opfern, und ihr Kampf ist uns Ansporn. Wir wollen uns verpflichten, der Opfer zu gedenken, die ihr Leben gelassen haben, die noch unter uns weilenden Überlebenden zu achten und das gemeinsame menschliche Streben nach gegenseitigem Verstehen und nach Gerechtigkeit zu bekräftigen.“