LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

ASTI-Konferenz: Bestandsaufnahme zur Integration in Luxemburg und wie Integrationspolitik gemessen werden kann

Wie ist es in Luxemburg um die Integration von Einwanderern und ihrer in Luxemburg geborenen Kinder sowie von Grenzgängern bestellt und wie lässt sich das messen? Die Antwort auf diese einer Konferenz der ASTI vorausgeschickte Frage fällt laut Ausführungen von Experten kontrastreich aus. Im Kontext ihres 40. Jubiläums lud die „Association de Soutien aux Travailleurs Immigrés“ in die Handelskammer.

Für Thomas Liebig von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist die Integration in Luxemburg in einzelnen Aspekten gut. So gebe es unter Einwanderern einen hohen Beschäftigungsgrad, einen niedrigen Prozentsatz der Arbeitnehmer, die unter ihren Kompetenzen arbeiten oder auch eine Mehrzahl, die zumindest eine der drei Landessprachen gut beherrscht. Der leitende Ökonom der Migrationsabteilung der OECD zeigte sich angesichts dieser Ergebnisse gleichzeitig darüber überrascht, dass das relative Armutsrisiko von Personen aus Drittstaaten fast um den Faktor drei bis vier über dem von in Luxemburg Geborenen liege. Zudem hätten Nachfahren von Einwanderern einen verhältnismäßig großen Anteil an den sogenannten NEET, sind also Jugendliche, die weder zur Schule gehen, noch arbeiten, noch in Ausbildung sind. Auch auf die vergleichsweise niedrige Annahme der Staatsbürgerschaft, selbst bei einem langen Aufenthalt im Großherzogtum, wies der Experte hin. Im öffentlichen Sektor würde man sich zudem eine höhere Repräsentation von der zweiten Einwanderergeneration erwarten. Eine Herausforderung sieht Liebig darin, die Dynamik zu durchbrechen, nach der sich eine Benachteiligung von einer auf die nächste Generation überträgt, beispielsweise in der Bildung. Für die Integrationspolitik sieht Liebig in Luxemburg eine „gute Grundlage“.

Docquier: Tendenz Richtung Assimilation

In vielen Punkten stimmte Frédéric Docquier vom „Luxembourg Institute of Socio-Economic Research“ (LISER) mit Aussagen des OECD-Experten überein. Für ihn liegt die Integration im Spannungsfeld zwischen Anomie und Assimilation, also zwischen der Abwesenheit von Normen und Regeln und der Angleichung an eine bestimmte Kultur. Seiner Einschätzung zufolge tendiert die Integrationspolitik in den vergangenen 20 Jahren eher in Richtung Assimilation. Er verweis auf ein Umfrageergebnis, demzufolge 70 Prozent der Bevölkerung in der EU finden, die muslimische Bevölkerung habe sich nicht gut integriert. Luxemburg hebe sich von diesem Trend allerdings ab. Anders als in unseren direkten Nachbarländern seien etwa die Kurse des „Contrat d’Accueil et d’Intégration“ (CAI) freiwillig und lokale Akteure und die Zivilgesellschaft spielten eine zentrale Rolle. „Die Integration ist die Angelegenheit aller“, so Docquier. Die luxemburgische Integrationspolitik sei eine „weniger assimilationistische“ Politik und dezentraler.

Herausforderung Monitoring

Als eine wichtige Baustelle bezeichnete Docquier das Monitoring und die Evaluierung der Integrationspolitik, auch wenn die Messung schwieriger sei als in der Medizin. Ein zusammen mit der ASTI Ende April organisierter Workshop soll sich näher mit dem Thema befassen. Wenn Grenzgänger (rund 200.000) und in Luxemburg lebende Ausländer (120.000) zwei Drittel der Beschäftigung ausmachen, stelle sich nicht nur die Frage, „wer wen integriert“, sondern auch ein Problem der Repräsentation, bemerkte Jean-Jacques Rommes, Präsident des Wirtschafts- und Sozialrats. Er ging auf zwei frühere Gutachten des CES zum Thema ein. Integration müsse in beide Richtungen funktionieren, erfordere also eine Annäherung von Luxemburgern wie Ausländern . Für die Luxemburger, die mitansehen müssten, wie sich ihr Land rasant verändere, sei das nicht immer einfach.

Als Schlüsselbotschaften aus dem letzten Gutachten gab Rommes mit auf den Weg, dass Integration eine ständige Anstrengung erfordere und man den Gemeinden die notwendigen Mittel geben müsse.

Corinne Cahen (DP), Ministerin für Familie, Integration und die Großregion, sagte, man dürfe in der Integrationsarbeit die Einheimischen nicht vergessen, die den Eindruck haben können, ihre Identität zu verlieren. „Die Integration macht sich mit allen“, bemerkte sie. Mit der Diversifizierung des Schulsystems sieht sie erste Schritte unternommen, um der Vielfalt der Schüler zu begegnen und die Chancengerechtigkeit zu erhöhen.

Sie betonte die Rolle der Gemeinden in der Integration, da sie erste Anlaufstelle seien. Der heute national organisierte CAI solle künftig stärker regional und lokal organisiert werden.

Darüber hinaus habe sich der Staat die finanziellen Mittel gegeben, um Studien zu machen, um die Integrationspolitik mit Zahlen und Statistiken zu untermauern.

Was die Reform des Gesetzes über die Aufnahme und die Integration von 2008 angeht, soll eine Konsultationen mit Vereinigungen und den Integrationskommissionen in den Gemeinden stattfinden.


Die nächste Konferenz im Jubiläumsprogramm der ASTI ist am 6. Mai geplant zur Frage, ob die Einbürgerung die Integration begünstigt. Mehr unter asti.lu/conferences-debats