SIMONE MOLITOR

Folgt auf den Druck nach politischer Korrektheit nun das zwingende Prinzip, sich beim Sprachgebrauch möglichst gender-korrekt zu verhalten? Nicht Mann, nicht Frau, sondern „hen“. Geht es nach den Schweden, wird künftig nicht mehr zwischen den Geschlechtern unterschieden. In der neuesten Auflage des Standardwörterbuchs „Svenska Akademiens ordlista“ wurde das geschlechtsneutrale Personalpronomen erstmals eingetragen: Statt „hon“ (sie) und „han“ (er) soll sich nun „hen“ definitiv einbürgern. „Hä?“, werden sich die meisten erst einmal denken. Dabei ist der Grundgedanke gar nicht so abwegig, sogar lobenswert. Es geht um die gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau. Wenn nämlich das Geschlecht beim Sprachgebrauch keine derart übergeordnete Rolle mehr spielt, die Sprache somit frei von geschlechtlicher Stereotypisierung und Stigmatisierung wird, dann könnte dies zu einem allgemeinen Umdenken führen. Uninteressant ist dieser Aspekt also gewiss nicht.

Insbesondere dürfte „hen“ natürlich für intersexuelle oder transidente Personen von großer Bedeutung sein, weil sie nicht mehr in ein Geschlecht gedrängt werden, mit dem sie sich nicht identifizieren. Auch in Luxemburg würden Trans‘-Menschen eine solche Lösung befürworten. In dem skandinavischen Land ist das neutrale Pronomen indes bereits im Sprachgebrauch verbreitet, jedoch nicht nur um eine trans- oder intersexuelle Person zu beschreiben, sondern gerade auch, um beim Sprechen über Menschen neutral sein zu können, dann nämlich wenn es nicht spezifisch um „er“ oder „sie“ geht. Sprachliche Neutralität ist in manchen Kontexten durchaus angebracht, nicht immer muss schließlich in Geschlechterkategorien gedacht werden oder spielt das Geschlecht wirklich eine Rolle. In Schweden greifen Journalisten in solchen Fällen immer häufiger auf „hen“ zurück, genau wie übrigens Politiker. Das bedeutet aber nicht, dass das Neutrum ohne Debatte oder Protest Einzug in den Sprachgebrauch erhalten hätte. Nichtsdestotrotz hat es sich seinen Weg in schwedische Schulbücher gebahnt und wurde in mehreren Kindergärten eingeführt.

„Geschlechter werden neutralisiert, biologische Unterschiede gar geleugnet und Kinder verwirrt“, meinen die Kritiker. Die Frage, ob dies der richtige Weg ist, um Stereotypen aufzubrechen, ist durchaus berechtigt, der Vorwurf, dass Kinder zum Spielball von Gender-Ideologen werden, dann doch etwas übertrieben. Das Pronomen soll trotz allem letztendlich dazu beitragen, Kinder geschlechtsneutraler zu erziehen, sie eben nicht mehr in bestimmte Rollenbilder hineinwachsen zu lassen oder sie in gewisse Richtungen zu drängen. Eine tolerante und unvoreingenommene Generation schwebt uns folglich im Endeffekt vor. Bringt uns „hen“ diesem Ideal wirklich ein Stück näher? Vielleicht. Viel wahrscheinlicher gehört aber weit mehr dazu. Das beginnt bereits damit, dass Jungs mit Puppen spielen und Mädels auf Bäume klettern dürfen, ohne dass dies gleich zu einer innerfamiliären Krise führt. „Hen“ ist zweifelsohne ein guter Ansatz, führt aber nicht automatisch zum allgemeinen Umdenken. Andere Länder sollten dem Beispiel folgen, ja, letzten Endes müssen wir aber zuhause anfangen. Jeder für und bei sich.

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