CLAUDE KARGER

„Generation Columbine“ werden in den USA manchmal die Schüler genannt, die nach dem 20. April 1999 geboren wurden. An diesem Tag begingen zwei junge Männer, 17 und 18 Jahre alt in der „Columbine High School“ in Littleton bei Denver eine Bluttat, die tatsächlich eine neue Ära der Unsicherheit in der amerikanischen Gesellschaft auslöste. Kaltblütig erschossen sie zwölf Mitschüler und einen Lehrer, verletzten Dutzende, bevor sie sich selbst richteten. Hätten ihre Bomben gezündet, hätte es vielleicht hunderte Tote gegeben. Was sie zu ihrem Amoklauf trieb, darüber wird heute noch spekuliert. Fakt ist, dass die Täter das Massaker lange im Voraus planten und bis ins Detail inszenierten. Sie hinterließen der Nachwelt sogar eine umfangreiche Dokumentation. Obwohl es zuvor bereits Vorfälle mit Waffen in Schulen gegeben hatte, war das Vorgehen der Attentäter von Littleton bis dahin einzigartig.

Sie schrieben das schreckliche Drehbuch für eine Reihe weiterer Schießereien in Schulen. Offenbar gibt es bis heute Bewunderer von Eric Harris und Dylan Klebold. Diese Woche noch war die Gegend um Denver in heller Aufregung und Schulen blieben geschlossen, weil eine 18jährige mit einem Angriff auf die „Columbine High School“ gedroht hatte. Sie wurde später tot aufgefunden, erschoss sich offenbar selbst. Spezialisten zufolge hat sich eine morbide und teils gefährliche „Columbine“-Subkultur entwickelt und inspirierten sich viele der meist jungen Massenmörder, die ihre Schulkameraden und Lehrer in den vergangenen Jahren abknallten von Stil und Vorgehensweise der „Columbine“-Täter. Informationen darüber sind freilich überall zu finden in der digitalen Ära, deren Kanäle voll sind von Filmen über echte und gespielte Psychopathen, die sich in Blutrünstigkeit nur so zu übertreffen versuchen.

Die echten - wie der Massenmörder, der im neuseeländischen Christchurch am 15. März 50 Menschen erschoss, nur weil sie Muslime waren - wissen, dass sie im Zeitalter der globalen „sozialen Medien“ sofort Millionen Zuschauer erreichen können. Facebook, Twitter und Co. haben eine verdammte Verantwortung, sofort gegen so etwas vorzugehen, wie auch gegen die Hassreden und Hetz-Fake-News, die zum Schlimmsten führen können. Es ist aber auch ausgesprochen wichtig, besonders die jungen Menschen im Umgang mit „Social Media“ zu schulen und ihnen zu zeigen, wie sie Behauptungen überprüfen können. Das scheint uns bei weitem nicht genügend in den Schulplänen verankert. Verankert in der Routine vieler US-Schüler - von der Grundschule bis zur Uni - sind seit Columbine Drills, wie man sich bei Amokläufen verhält. Jede Schule muss einen Notfallplan für einen Angriff haben, einige gleichen wegen infrastruktureller Sicherheitsmaßnahmen mittlerweile mehr Gefängnissen als sicheren Orten, wo man freies Denken gelehrt wird. In Europa kann man sich sowas kaum vorstellen, in Amerika, wo man nach Massakern lieber lange betet, statt strengere Waffengesetze durchzusetzen, ist es Alltag. Ein von ständiger Bedrohung geprägter Alltag, der nicht ohne Auswirkungen auf die Psychen von Schülern, Eltern und Lehrern bleiben kann. Immerhin hat nun auch die Trump-Administration erkannt, dass viel mehr in die psychologische Begleitung an den Schulen gesteckt werden muss.