LUXEMBURG
PATRICK WELTER

„Bentley Continental GT Speed Convertible Black Edition“

Manchmal ist man als Pressemensch außerordentlich privilegiert. So durfte der Autor in diesem Jahr zwei Cabriolets der Superklasse fahren, die zum einen außerhalb der finanziellen Reichweite eines jeden Normalverdieners sind und zum anderen Leistung ohne Ende boten. Die aber unterschiedlicher nicht sein konnten.

Technikers Traumauto

Im Frühjahr stellte das neue Mercedes S-Klasse-Cabrio, konkret das Modell S 63 AMG, mit 585 PS aus einem 5,5 Liter V8 Bi-Turbo mit 900Nm Drehmoment Maßstäbe auf. Zum Serienpreis von 185.000 Euro. Darüber sind noch der S 65 AMG mit zwölf Zylindern für 250.000 und seit neuestem eine limitierte Maybach-Version angesiedelt. Aber schon das S 63 AMG-Cabriolet zeigte sich als hervorragendes durchkonstruiertes Auto mit allem was das Ingenieursherz erfreut. Mehr Technik als ein Mensch eigentlich erfassen kann, in einer ziemlich unauffälligen Karosserie verpackt. Typisch deutsche Ingenieurskunst: Innovativ, perfekt, tadellos, aber leider auch oberlehrerhaft und ein bisschen langweilig - was mir im April aber noch nicht bewusst war.

„Hoppla, jetzt komm ich“

Der November überraschte dann mit etwas ganz anderem, mit dem „Bentley Continental GT Speed Convertible Black Edition“. Ebenfalls ein viersitziges Cabriolet mit den Ausmaßen einer Limousine, das aber einen völlig anderen Auftritt hinlegt. Wo der Schwabe den Pelz nach innen trägt, trompetet der Bentley ein fröhliches „Hoppla, jetzt komm ich“ aus den gewaltigen Auspuffrohren. Der eigentlich in Anthrazit lackierte Testwagen sorgte zusätzlich durch grelle gelbe Farbakzente für eine verwegene Optik. Die Meinungen über die Farbkleckse waren eindeutig: Hundertprozentige Begeisterung oder hundertprozentige Ablehnung. Allein durch sein Design, das einerseits der erfreulich konservativen klassischen Bentley-Linie folgt, andererseits aber deutlich macht, was dort für ein Muskelprotz über die Straßen rollt, sorgt der Bentley Continental für Aufsehen. Mehr für hinsehen. An einem Samstagnachmittag durch Trier cruisen und jeder, wirklich jeder Passant dreht sich nach dem dicken Briten um. Dabei ist das Äußerliche nicht einmal das eigentliche Sahnestück.

Fahrers Traumauto

Der letzte Testwagen mit über 600 PS, der durch die Hände eines Journal-Kollegen ging, hatte drei Achsen, eine Sattelplatte und ein großes Fernfahrerführerhaus. Eine ähnliche Leistung, nämlich 642 PS, stecken unter der Haube des Bentley. Dort arbeitet ein W-12-Zylinder mit sechs Litern Hubraum und doppelter Turboaufladung. Das W ist kein Schreibfehler, sondern steht für ein Motordesign mit drei Zylinderbänken, ein herkömmlicher V 12 Motor hat nur zwei Zylinderbänke. Die sehr spezielle Zylinderanordnung, dazu die ZF-Automatik mit acht Gängen und der permanente Allradantrieb zeigen dann doch, dass der Bentley unter seinem britischen Aussehen ein hohes Maß an teutonischen Genen versteckt. Der Powertrain kann die Verwandtschaft zu den Konzerngeschwistern VW Phaeton und Audi nicht leugnen. Was überhaupt kein Nachteil ist - im Gegenteil.

Mal ganz von den gelben Nähten und Klecksen abgesehen ist der Innenraum des Bentley eine Hymne auf das Britisch sein. Echte analoge Armaturen - im Gegensatz zu dem Bildschirmzauber bei Mercedes. Leder wo man hinschaut und zwischendrin ein bisschen Carbon um zu zeigen, dass man nicht nur gediegen, sondern auch schnell ist. Ein besonders hübsches Detail ist die analoge Uhr aus dem Hause Breitling in der Mitte des Armaturenbretts - toll!

Der Witz ist, dass der Bentley trotz des optischen Krawalls so viel Kraft und Souveränität ausstrahlt, dass man sich treu und brav an alle Geschwindigkeitsbeschränkungen hält und fast mehr bummelt als fährt. Man könnte ja, wenn man wollte. Und wie. Nie ging Überholen auf der Landstraße schneller. Beim Tritt aufs Gaspedal lösen die 642 Pferde mit einem Drehmoment von 840 nM eine Stampede aus, die unaufhaltsam scheint.

Auf der deutschen Autobahn klettert die Tachonadel zügig nach oben. Der Verkehr lässt nicht mehr als ein Tempo von 230 km/h zu - es ginge viel mehr, aber das muss auch nichts ein. Die digitalen Nannys, die es an Bord gibt, sind zum Glück anders als bei der schwäbischen Konkurrenz, man nimmt sie nicht wahr. Oberlehrerhaft ins Lenkrad greifen sie schon gar nicht, was der Kollege mit dem Stern radikal tut. Den Bentley fährt man - man wird nicht gefahren.

Ein leidenschaftliches Auto

Dem „Bentley Continental GT Speed Convertible Black Edition“ ist etwas ganz besonderes gelungen. Er hat einem alten Petrol-Head, der beruflich und privat schon eine deutlich dreistellige Zahl anderer Autos gefahren ist, endlich wieder einmal echte Leidenschaft beim Autofahren verschafft. Leider kostet das Ding unerreichbare 229.000 Euro.