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Das Gastland bei der Frankfurter Buchmesse hatte vielfältige Beziehungen zu Luxemburg, die heute wiederbelebt werden

Georgien ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Geographisch liegt Georgien an der Peripherie Europas. Dennoch hatte das Land an der Kreuzung zentraler Handelsrouten von Heer- und Seidenstraße, als Durchgangsland für Reisende nach Persien, Indien oder China, vor Entdeckung des Seeweges nach Asien im 15./16. Jahrhundert, für Europa eine große Bedeutung. Geschichtlichen Quellen zufolge, leiten die Georgier ihre Herkunft vom mythischen Stammvater Kartlos ab, der ein Urenkel Noahs war (1. Buch Mose 10.1-2). Die muttersprachliche Bezeichnung für Georgien lautet „Sakartwelo“, Land der Nachkommen des Kartlos, der Kartweler.

Der Heilige Rock von Mzcheta

Über die Ursprünge Georgiens gibt es keine historischen Fakten, sondern lediglich Legenden, die alle etwas mit dem Heiligen Rock von Mzcheta, der sogar das alte georgische Königswappen zierte, zu tun haben. Insofern gibt es eine verblüffende historische Parallele zwischen Trier, wo die Anfänge des Christentums der Legende nach auch etwas mit dem Heiligen Rock zu tun haben sollen, und dem Land im Kaukasus. Allerdings hatte das Land im Kaukasus, anders als Trier, schon in vorchristlicher Zeit über das Nachbarland Armenien/Urartu und Mesopotamien Kontakte zu den alten Hochkulturen der Menschheit. Jüdische Gemeinden in Georgien gab es seit der Zeit des babylonischen Exils im 6. Jh. v. Chr. Durch sie sollen nach einer alten Überlieferung auch die Ereignisse um Christus aus dem fernen Jerusalem bis ins Kaukasusgebiet vorgedrungen sein. Die Juden von Mzcheta standen in ständigem Kontakt zu Palästina. Über diese Heilige Tunika, die im Leben Georgiens eine identitätsstiftende Rolle spielte, und die Heilige Nina ist das Christentum nach Georgien gekommen

Einer der ersten, der die Bedeutung des Heiligen Rockes für Georgien im Westen bekannt machte, war der Luxemburger Jesuit Nicolas Nilles (1828-1907), Professor in Innsbruck, dem die Einheit mit der Ostkirche ein Herzensanliegen war. 1903 veröffentlichte er einen Beitrag „Aus Iberien oder Georgien, nova et vetera“ in der „Zeitschrift für katholische Theologie“. Es war einer der ersten Berichte über die Heilig Rock-Verehrung in Georgien. Vielleicht hatte Großherzogin Charlotte dies 1975 noch gewusst, als sie während eines Staatsbesuches in der Sowjetunion auch Georgien und die Kirche von Mzcheta besuchte?

Die Stadt Luxemburg in Georgien

In der Sowjetzeit, von 1921 bis 1944 trug die Stadt Bolnissi, das Zentrum des Weinanbaus in Georgien, zu Ehren der deutschen Kommunistin Rosa Luxemburg (1871-1919), die ja nach Forschungen von Luc Marteling auch Luxemburger Wurzeln hatte, den Namen Luxemburg. Die Stadt war als Katharinenfeld 1819 von schwäbischen religiösen Auswanderern gegründet worden, die eigentlich auf dem Weg ins Heilige Land waren, wo sie das Ende der Welt erwarteten, aber von den Osmanen am Weiterzug nach Jerusalem gehindert wurden. Das russische Zarenreich hatte wenige Jahre zuvor das alte Königreich Georgien erobert und wollte es jetzt mit zuverlässigen Neusiedlern bevölkern.

Mit der Oktoberrevolution von 1917 begannen die ersten Kollektivierungen. Am 16. Februar 1921 besetzte die Rote Armee Georgien, der Name Katharinenfeld wurde in Luxemburg geändert. Erste Kolchosen entstanden, Großgrundbesitzer wurden als Kulaken nach Sibirien deportiert. Am 28. August 1941, nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion, wurde die Umsiedlung aller Kaukasiendeutschen, die nicht mit Georgiern verheiratet waren, nach Sibirien und Kasachstan angeordnet. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Katharinenfeld 6.500 Einwohner, fast 6.000 Menschen mussten die Stadt verlassen.

Bereits 1944 erhielt Luxemburg einen neuen Namen, es war erstmals ein georgischer Name: Bolnissi. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Georgien 1991 ein unabhängiger Staat, auch die Kaukasusdeutschen wurden rehabilitiert. Seit 1997 besteht in Bolnissi eine Zweigstelle der von dem Saarbrücker Theologieprofessor Gert Hummel (1933-2004) wiederbegründeten deutschen evangelischen Gemeinde Tiflis . Die Namen Katharinenfeld und Luxemburg sind unter der lokalen Bevölkerung noch sehr bekannt und vor allem Luxemburg taucht in letzter Zeit auch immer häufiger wieder in Texten als internationaler Name der Stadt Bolnissi auf.

„Schengen“ in Georgien

Seit November 2017 brauchen Georgier kein Visum mehr für die EU. Das bis dahin notwendige und oft nur sehr schwer zu bekommende Schengen -Visum war der Hintergrund, dass sich in Tiflis zwei Kneipen den Namen „Schengen“ gegeben haben. Im sehr populären „Shengen Restaurant“ in der Sololakistraße bei der Sioni-Kirche in der Altstadt findet man eine Mischung aus georgischen und europäischen Spezialitäten. In der ebenfalls zur Szene zählenden Bier-Kneipe Schengen in der Mzchetastraße 17 führt man eine große Auswahl englischer und irischer Biere, mit denen man sich den Frust über die EU herunterspülen konnte, denn Georgien und auch in Armenien fühlten sich eine Mehrheit der Menschen Europa näher als in manch einem anderer Staat Osteuropas, der schon lange zur EU gehört. Das Christentum, das noch zur verbindenden Kultur Europas gehört, ist in diesen transkaukasischen Staaten einige Hundert Jahre länger verwurzelt als in den slawischen Staaten Osteuropas. Dank den Schengen-Verträgen ist dieses kleine Dorf an der Mosel heute in Georgien bekannter, als das Land, in dem es liegt. Dazu grenzt Schengen ja auch an das Saarland, das seit 1975 Partnerland Georgiens ist, deshalb gibt es in Tiflis auch einen Saarbrücker Platz, wie in Saarbrücken den Tifliser Platz.