LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Wie das Nationalarchiv das luxemburgische Erbe erhält

In diesen Kellern sind die gängigen Begriffe von Umfang, Wert und Zeit ziemlich relativ. Wo der normale Leser ein Buch an Seiten misst und seine Bibliothek an Bänden oder, der Einfachheit halber, anhand vollgestopfter Billy-Regale, rechnet man in den Kellern des Plateau Saint-Esprit in ganz anderen Dimensionen: Hier, im Nationalarchiv, geht es um Jahrhunderte und Kilometer. In vielen Regalen in langen Korridoren pressen sich unzählige Ordner, die wiederum weitere Mappen mit Papieren enthalten, und etikettiert und zugebunden sind. Handschrift, Druckbuchstaben, Farbe oder Zustand des Verschleißes wechseln, sodass sich die Dokumente zu einheitlichen und doch kontrastreichen Bücherwänden formen. Unter ihnen lagern historische Schätze aus dem 7. Jahrhundert, Tausch- und Heiratsurkunden aus dem Mittelalter, Soldatenbriefe aus der napoleonischen Zeit oder schlichtweg notarielle Akten der jüngsten Vergangenheit. Den gesamten Bestand pflegen 35 Mitarbeiter. Die Archivare machen die Dokumente zudem zugänglich und erweitern sie fortlaufend. Und ja, in einigen Räumen liegen sie tatsächlich. Jene weißen Baumwollhandschuhe, die in der Verstellung von Laien so eng mit Archivaren verknüpft sind. Doch das Gebot zum Überstreifen besteht hauptsächlich für die Arbeit mit Pergamenten.

„Für uns ist alles wertvoll“, sagt Josée Kirps, Direktorin des Nationalarchivs, die hier seit 14 Jahren arbeitet. Das Nationalarchiv sammelt Dokumente von nationalem Interesse und ordnet und verwahrt öffentliches Archivgut. Der Wert eines Dokumentes kann historisch, gestalterisch oder symbolisch sein. Wertvoll für die Geschichte des Landes sind der Londoner Vertrag und das Grundgesetz, wertvoll für das Auge ist ein luxemburgisch-schweizerischer Vertrag über die Auslieferung von Gefangenen aufgrund seines gut erhaltenen Siegels mit zugehöriger Siegelkiste. Wertvoll für die Geschichte des Archives selbst ist eine Tauschurkunde zwischen den reichen Grundherren Godoin und Helmerich und dem Kloster Echternach. Das Pergament aus dem Jahr 698 ist das älteste Dokument, das es im Archiv gibt.

Im Nationalarchiv selbst geht es genauso vielsprachig und multinational zu, wie andernorts in Luxemburg, nur das einige der Sprachen nicht mehr in Gebrauch sind. Die Dokumente sind auf Deutsch und Französisch verfasst, aber auch auf Latein, Altfranzösisch und Altdeutsch, aber relativ wenig auf Luxemburgisch.

Neubau in Vorbereitung aber keine richtige Archivtradition

Die Dokumente von Verwaltungen, Gemeinden und Privatpersonen werden für historische und administrative Zwecke aufbewahrt. Denn ohne Archivdokumente gäbe es kaum Wissen über die politische, soziale oder wirtschaftliche Entwicklung des Großherzogtums, Geschichtsschreibung wird durch Archivierung erst möglich. Und für die Aufbewahrung ist das Gebäude am Plateau du Saint-Esprit bestens geeignet: „Für die Dokumente sind plötzliche Temperaturwechsel schlecht“, erklärt Kirps und fügt an, „hier kann es im Sommer schon ziemlich warm werden, aber eben langsam, und das ist ideal“. Wegen den dicken Mauern des ehemaligen Kasernengebäudes braucht man auch keine Klimaanlage, allenfalls einige Luftbefeuchter. Und doch müssen die Ordner und Bücher in den kommenden Jahren in Kisten gepackt und abtransportiert werden. An einen neuen und größeren Standort in Belval.

Historie

Die Geschichte des Nationalarchives

26.10.1796: Erstes wirkliches Zentralarchiv entsteht unter der französischen Republik im Sitz der Präfektur, dem heutigen großherzoglichen Palast

23.12.1827: Königlicher Beschluss verlangt Auswertung zur Verfassung der Geschichte der Niederlande

4. August 1829: Beschluss, das Archiv öffentlich zugänglich zu machen

1840: Provinzialarchiv wird zum Regierungsarchiv erhoben

6. Januar 1958: Archiv erhält zum ersten Mal eine gesetzliche Basis

1968: Nach mehreren Umzügen zieht das Archiv ins alte Kasernengebäude am Heilig-Geist-Plateau ein

Schließlich sind die Dokumente aus Platzmangel am Plateau du Saint-Esprit auf insgesamt vier Dependancen verteilt. Allerdings steht das Umzugsdatum in den Sternen. Das neue Archivgesetz, das Aufbewahrungskriterien regelt, ist noch nicht verabschiedet. Der erste Entwurf wurde dem Parlament Ende 2015 vorgelegt. „Die Politik hat die Archivierung lange Zeit nicht als Priorität wahrgenommen“, erklärt Kirps und ergänzt, „in Luxemburg gibt es auch keine richtige und große Archivtradition wie in Frankreich oder Deutschland“. Für das Archiv mahlen die politischen Mühlen also ziemlich langsam, allerdings haben die Archivare wenig Zeit. Unterdessen wartet man sehnsüchtig auf das neue Archivgesetz. „Wir haben 2016 einen ersten Bescheid vom Staatsrat erhalten, darin waren aber 13 formelle Einsprüche“, berichtet Kirps und ergänzt, „wir haben diese Avis mit der parlamentarischen Kulturkommission überarbeitet und warten nun auf den zweiten Bescheid des Staatsrates.“ In der Zwischenzeit arbeitet das Nationalarchiv mit den Architekten Konzepte für den Neubau aus. Wie die klimatischen Bedingungen im Belvaler Neubau für Mensch und Dokument aussehen werden, ist noch nicht klar. Aber die Arbeit der Archivare wäre um vieles leichter, das Pendeln zwischen fünf Depots fiele weg. „Das ist für uns im Arbeitsablauf sehr hinderlich, wir müssen bei Anfragen immer hin- und herfahren.“

Und die kommen immer häufiger, und zwar von Forschern und Privatleuten gleichermaßen. Viele Bürger interessieren sich vor allem für das Archiv, um Genealogie zu betreiben und die Stammbäume ihrer Familien zu erstellen. Da kommen Anfragen nicht nur aus Luxemburg und der Großregion, sondern auch aus den USA. Die wissenschaftlichen Anfragen haben mit der Gründung der Uni 2003 und auch der Schaffung des Instituts für Zeitgeschichte 2016 stark zugenommen. „Wir haben seitdem deutlich mehr Anfragen“, berichtet Kirps. Die Archivare haben viel zu tun, zumal das Archiv ständig wächst, derzeit umfasst es 45 Kilometer. Rein formal ist das Nationalarchiv damit unterbesetzt, denn nach internationalen Richtlinien sollen auf einen Kilometer Archivdokumente eigentlich 1,5 Stellen kommen. 

Kampf gegen den Zahn der Zeit

Eine wichtige Grundlage für das neue Gesetz, die das Archiv in den nächsten sieben Jahren gelegt haben will, sind die „tableaux de tri“, die für jede Verwaltung und jedes Ministerium erstellt werden müssen. „Für jede Verwaltung wird genau festgelegt, was später mit ihren Dokumenten geschieht.“ In einem Pilotprojekt mit der „Administration des bâtiments publics“ haben die Archivare und Verwaltungsvertreter an einer ersten Vorlage sechs Monate gearbeitet. Herausgekommen sind 27 Seiten mit einer langen Tabelle, die für jede Art von Dokumenten, ob Personalakte, Ausschreibung oder Juryentscheidung eines Architektenwettbewerbs, festschreibt, ob die Dokumente nach Abschluss der Bearbeitung überhaupt aufbewahrt werden und wie lange sie vor der Sendung ans Nationalarchiv in der Verwaltung bleiben. „Das Archivgesetz erlaubt es dem Staat, seine Informationen gut zu ordnen und will man dem Bürger diese Informationen zugänglich machen, sollte man sie von Anfang an gut anlegen.“ Um die „tableaux de tri“ erstellen zu können, spielt man im Nationalarchiv mit der Idee, die Erstellung dieser Leitfäden über Outsourcing abzuwickeln.

Von der Aufregung um das Gesetz unberührt bleiben die betagten Schätze in den unteren Kellern mit Luftbefeuchter und Tresortür. Lückenlos bis ins 7. Jahrhundert, bis zum ältesten Dokument, der Tauschurkunde von Echternach, reichen die Papiere hier aber nicht zurück. „Ursprünglich dienten Archive der Sicherung herrschaftlicher Ansprüche. Die ersten Grafen und Fürsten haben ihre wertvollen Dokumente in Truhen auf Reisen mitgenommen“, erklärt Kirps. Das galt auch für Kriegszüge, in deren Wirren dann wertvolle Urkunden oder juristische Belege unwiederbringlich verloren gingen. Mit dem neuen Archivgesetz geht dann jedenfalls kein wichtiges neues Dokument verloren. Eine ganz andere Baustelle tut sich auf dem weiten Feld der Digitalisierung auf: Das gilt zum Beispiel für zahlreiche Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aufgrund des Mangels wurde Papier von schlechter Qualität verwendet, dass nun langsam unleserlich wird. Hier spielen die Archivare gegen den Zahn der Zeit, dem Umfang der Arbeit und Wert dieser Schätze herzlich egal sind.

DER WEG INS ARCHIV

Von der E-Mail zum wertvollen Dokument

Ob ein Dokument im Nationalarchiv konserviert wird, hängt von seinem Inhalt ab. Da die Dokumente vorher aber von den Verwaltungen benötigt werden, wird zwischen laufender Registratur, Zwischenarchiv und historischem Archiv unterschieden. Die Verwaltungen des Staates besitzen eine eigene laufende Registratur und ein eigenes Zwischenarchiv, denn Dokumente, ob Brief, E-Mail oder Bericht, müssen ab ihrer Erstellung aufbewahrt werden. In der laufenden Registratur finden sich alle Dokumente, die in den Behörden, die sie erstellt oder empfangen haben, noch in Bearbeitung sind.

Das Zwischenarchiv sammelt alle Dokumente wie Verträge und Berichte abgeschlossener Vorgänge, die von der Verwaltung nicht mehr benötigt werden. Sie können jederzeit für administrative oder juristische Zwecke wieder eingesehen werden.

Das Nationalarchiv verwaltet das historische Archiv. Es besteht aus Dokumenten, die einen historischen, wissenschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Wert für das Großherzogtum haben und daher dauerhaft aufbewahrt werden. Was in das historische Archiv übernommen und dauerhaft aufbewahrt wird, entscheiden Nationalarchiv und staatliche Verwaltung gemeinsam. Nach der Hinterlegung der Dokumente werden sie vom Archivpersonal erschlossen und zugänglich gemacht.