LUXEMBURG
DANIEL OLY

„ImageworX“: Der Fotograf Marcel Bahnen im Kampf gegen das Vergessen

Ein blutjunger SS-Soldat klammert sich an seinen Umhang, den Kopf gesenkt. Er wird von drei Bewaffneten der US-amerikanischen Luftlandetruppen vorwärts gestoßen, die ihn nach einem Feuergefecht in der Ardennenschlacht gefangen genommen haben. Marcel Bahnen hat ihn und seine Aufpasser im Visier. Er drückt ab - und heraus kommt Hervorragendes.

Bahnen schießt: Fotos. Er visualisiert den Zweiten Weltkrieg. Unter dem Namen „ImageworX“ produziert der holländische Grafik- und Fotokünstler beeindruckende Bilder der ebenso beeindruckenden „Living History“-Reenactments verschiedener Gruppierungen, die die Erinnerung an den tödlichsten Konflikt des 20. Jahrhunderts am Leben halten wollen.

Bahnen leistet seinen Teil; er nimmt Fotos von den Events und sorgt damit für Bilder, die man sonst nur aus Hollywood-Filmen kennt. Mal schwarz-weiß, meist aber in Farbe, bietet er mit seinen „Living History“-Visualisierungen Einblicke in die Geschehnisse von vor siebzig Jahren. Dabei arbeitet er eng mit den Gruppierungen zusammen, die Reenactment-Projekte organisieren. „Hobby-Gruppen sind das jedenfalls keine“, betont er. Stattdessen herrscht eine gewisse Professionalität und Liebe zum Detail. „Hier muss alles historisch korrekt sein.“ So haben sich die Fotos zu echten Hinguckern entwickelt, wie etwa das oben beschriebene Foto. Sie sind wie Rekonstruktionen historischer Dokumente.

Kritik für moderne Fotoausrüstung

Es sei nicht so leicht, sich von der Konkurrenz anderer Fotografen abzuheben. Die Fotos müssten besonders gut sein, um den hohen Ansprüchen der Reenactment-Gruppen gerecht zu werden, bei denen jedes Details zähle. „Um dafür bezahlt zu werden, muss man schon sehr, sehr gut sein“, weiß Bahnen. Er selbst habe Abkommen mit den Gruppierungen, die es ihm erlauben, seine Fotos aus nächster Nähe zu schießen und diese zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden. „Sie benutzen die Fotos natürlich auch, um für sich zu werben - so geraten sie in Umlauf“, erklärt er. „Das ist wie ein Musiker, der mit Gratis-Konzerten für mehr Aufmerksamkeit sorgt.“

Kritik gibt es deswegen natürlich auch. „Sie wären überrascht, wie oft ich dafür kritisiert werde, dass ich mit moderner Fotoausrüstung bei den Reenactments unterwegs bin“, erklärt er. Er betont aber auch: „Ich bin kein Reenactor, und das will ich auch nicht sein.“ Natürlich sei es ein empfindliches Thema. „Als ich begonnen habe, war ich bei öffentlichen Events und Projekten dabei - meist hinter der Absperrung.“ Durch seine gute Arbeit und Professionalität sei er aber stetig näher an das Geschehen gelangt. „Es ist ein Geben und Nehmen; die Organisatoren wissen, dass ich ihnen eine gewisse Qualität bieten kann, und dafür nehmen sie in Kauf, dass ich nicht aussehe, als sei ich kürzlich erst aus dem Schützengraben gekrochen.“

Was nicht heißt, dass er dort nicht auch dann und wann ein paar Stunden verbringt. „Ich bin teilweise mittendrin und liege mit den Jungs im Matsch“, meint er. Das sei auch ein Grund für die Anerkennung. „Sie sehen, dass ich hart arbeite und mich und mein Material nicht schone - das respektieren sie.“ Bei einer Aufnahme in der Normandie hat er so etwa einen Teil seiner Ausrüstung zerstört. „Manchmal gehe ich über mein Limit - besonders im Regen.“ Bei mehrtägigen Events wird er so auch den Elementen ausgesetzt, etwas womit er sich abfinden muss. „Das gehört dazu“, weiß Bahnen. „Ich schlafe zum Beispiel auch im gemeinsamen Zeltlager und esse aus der Gulaschkanone. Trotzdem mag ich lieber trockene Orte“, lacht er.

Seit 2014 ist er als Fotograf auf diesen Events aktiv. „Bislang hat mich noch niemand abgelehnt, da hatte ich also Glück. Viele Gruppen nehmen mein Bildmaterial zudem zu eigenen Werbezwecken“, weiß er. Die Zweitweltkriegs-Visualisierungen kamen zudem zum richtigen Zeitpunkt: „Ich habe damals damit begonnen, meine eigene Firma zu gründen“, weiß er. „Ich fand damit auch eine Möglichkeit, mich zu etablieren.“

Ausstellung in niederländischen Museen

Und auch sonst wird man aufmerksam auf die hervorragenden Fotos, Museen interessieren sich. „Ich habe mit dem Kriegsmuseum in Overloon kooperieren können, um einen Teil der Ausstellung beizusteuern“, erklärt er. So wird er die Visualisierungen beitragen, die entlang einer Fahrradbrücke quer durch das Museum ausgestellt werden sollen. Auch in anderen Museen könnten seine Aufnahmen künftig stehen, sagt Bahnen. „Das wird klar der nächste Schritt sein: Mehr Menschen die Fotos zeigen - in Ausstellungen ab September zum Beispiel.“ Eine 360-Grad-Tour für das Museum in Medemblik in Holland ist ebenfalls bereits geplant.

Dabei wird auch ständig Neues geplant. „Ich habe jüngst erst ein Projekt über die Befreiung meiner Heimatregion realisieren können“, erklärt er. Durch seine Kontakte habe er aber die Möglichkeit erhalten, mit den richtigen Leuten zusammen zu arbeiten und das Shooting zu verwirklichen. „Wir hatten sogar Menschen, die Zivilisten aus der damaligen Zeit nachahmen. Und mancher Reenactor kamen von sehr weit entfernt, um am Projekt teilzunehmen“, weiß er. „Das war schon wirklich besonders, dass wir das geschafft haben.“

Der Sprung hinüber zur Visualisierung war für ihn verhältnismäßig einfach, das nötige Vorwissen hatte Bahnen sowieso schon. „Ich habe Grafikdesign und Illustratives Design seit 1992 ausgeübt“, erklärt er. „Ich hatte schon immer eine Passion für Fotos, habe entsprechend früh mit den analogen Mitteln begonnen - einem Dunkelraum zum Beispiel.“ So habe er schnell begriffen, worauf es bei dem Handwerk ankommt. „Dabei habe ich auch viel darüber gelernt, wie wertvoll gute Fotos sein können“, meint er. „Ich habe es nach der alten Schule gelernt.“ Das zeigt sich in seinen Fotos.

Bahnen nimmt die Fotos fast ausschließlich in Farbe. „Ich experimentiere auch gern, meine Bilder von der Ardennenschlacht in Schwarz und Weiß wurden beispielsweise sehr gut aufgenommen“, weiß er. Aber er hat einen Grund, warum er hauptsächlich in Farbe schießt - ein krasser Unterschied zu den meisten Era-Fotografen. „Ich möchte damit auch unterstreichen, dass damals auch alles farbig war - und nicht emotionslos in schwarz-weiß“, erklärt er. „Die gesamte Brutalität des Krieges wirkt so fern und vergessen, wenn es ohne Farbe dargestellt wird.“ Einen Heidenrespekt hat er deshalb auch vor den Teilnehmern der Reenactment-Gruppen - darunter auch Mitglieder aus Luxemburg - die sich mit voller Hingabe auf die Zeitreise begeben. „Diese Jungs machen eine wahnsinnig gute Arbeit, das muss man auf jeden Fall respektieren.“

Er weiß aber auch: „Die Erinnerung zu erhalten wird immer schwieriger. Man muss Aufmerksamkeit erregen, denn Museumsbesucher zum Beispiel haben immer weniger Zeit.“ Einen Teil davon möchte er durch seine Aufnahmen beitragen - unter anderem auch mit 360-Grad-Aufnahmen. „Man muss sich nur Erfolge anschauen wie ,Band of Brothers‘ - die Serie hatte zwar historisch gesehen Schnitzer, aber sie sorgte mit einer hohen Qualität dafür, dass sich die Menschen wieder für das Thema und die Geschichten interessieren“, meint Bahnen.

Die Arbeit geht ihm jedenfalls nicht aus; allein in diesem Jahr wird es gleich mehrere Jubiläen geben, darunter 75 Jahre seit der Ardennenschlacht und der „Operation Overlord“ in der Normandie. Große Pläne hat er dafür bereits, etwa ein Shooting am ikonischen Pointe du Hoc.