LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Das neue „Luxembourg Centre for Contemporary and Digital history“ denkt Geschichte anders

Seit dem ersten Oktober gibt es in Luxemburg eine neue Einrichtung an der Universität: Das „Luxembourg Centre for Contemporary and Digital history“ (C²DH). Was hinter der dritten interdisziplinären Einrichtung der Uni steht, erklärt Prof. Andreas Fickers, Direktor des Instituts. Es geht um eine ganz neue Form der Geschichtsvermittlung, bei der 3D-Drucker und Audio-Aufnahmen von Zeitzeugen eine Rolle spielen.

Herr Prof. Fickers, warum gibt es das neue Institut?

Prof. Andreas Fickers Bei den Koalitionsverhandlungen wurde schon festgelegt, dass es ein Institut für Zeitgeschichte geben soll. In dieses neue Institut werden bestehende Organisationen wie das „Centre de documentation et de recherche sur la Résistance“ (CDRR) oder das Centre Schuman integriert. Das war eine politische Entscheidung. Jetzt bestimmt die Universität die strategische Ausrichtung.

Was sind die Ziele?

Prof. Fickers Es gibt drei Bereiche: Die luxemburgische Zeitgeschichte im speziellen zunächst einmal. Wir wollen eine Plattform für Diskussion und Debatte in diesem Bereich sein. Es gibt ein Bedürfnis in der Gesellschaft dafür, das zeigt der Historikerstreit. Betroffen sind auch Bereiche wie Migration, Sozialgeschichte oder die Finanzstrukturen und verschiedene Wirtschaftsmodelle. Darüber hinaus wollen wir Zeitgeschichte digital darstellen, beziehungsweise digitale Methoden und Techniken nutzen, um neue historische Fragen zu stellen. Dazu ein Beispiel: Wir haben viele digitalisierte Quellen wie beispielsweise Zeitungsseiten. Dank neuer Software im Bereich des sogenannten „textmining“ können wir diese großen Bestände von digitalisierten Quellen gezielt nach bestimmten Schlüsselwörtern oder semantischen Kombinationen durchsuchen. Durch diese Methode des „distant reading“ können wir einen historischen Diskurs relativ schnell rekonstituieren. Ein anderes Beispiel betrifft die Möglichkeiten des 3D-Scannens. Wir haben beispielsweise in meinem Fachgebiet, der Mediengeschichte, die erste Kamera der Brüder Lumière mit einem 3D-Scanner gescannt, im Computer simuliert und die Einzelteile anschließend mit einem 3D-Drucker ausgedruckt und zusammengebaut. Unglaublich aber wahr: man kann mit diesem Nachbau tatsächlich filmen. Durch diese Arbeitsweise verstehen die Studierenden die Funktionsweise historischer Objekte natürlich viel besser und es eröffnet zudem neue Wege in der objektbasierten Mediengeschichte, die wir auch in einem europäischen Netzwerk für experimentelle Mediengeschichte einschlagen, welches ich mitgegründet habe.

Sie selbst haben auch einen europäischen Lebenslauf.

Prof. Fickers Ja, ich bin im deutschsprachigen Belgien geboren, habe in Aachen und Reims Geschichte, Philosophie und Soziologie studiert, dann am Deutschen Museum in München gearbeitet und das Deutsche Museum Bonn mit aufgebaut. Nach einer Promotion über die Geschichte des Farbfernsehens habe ich fünf Jahre Fernsehgeschichte in Utrecht unterrichtet sowie als Associate Professor für vergleichende Mediengeschichte in Maastricht gearbeitet. Seit 2013 bin ich in Luxemburg als Professor für Zeitgeschichte und digitale Geschichtswissenschaft. Zurzeit mache ich bei einem spannenden europäischen Projekt namens „EUScreen“ mit, bei dem wir eine Million audiovisuelle Quellen online zur Verfügung stellen.

Was ist die größte Herausforderung in Ihrem Job?

Prof. Fickers Langfristig sicherlich, die Daten zu erhalten. Darüber hinaus wollen wir die Studenten im Bachelor-und Master-Studiengang optimal ausbilden. Wir haben auch das Glück, ab März 13 Doktoranden im Bereich digitale Geschichte und Hermeneutik zu haben, die im Rahmen des so genannten PRIDE-Programms des „Fonds National de la Recherche“ (FNR) finanziert werden. Die Frage, wie sich die Nutzung digitaler Werkzeuge auf die Geschichte auswirkt, ist sehr relevant. Genauso wie die Frage, wie wir in Zukunft unsere Geschichten online erzählen können. Transmedia Storytelling im Internet ist ein zentrales Thema für die Geschichtswissenschaft. Unsere Studenten müssen lernen, virtuelle Ausstellungen zu machen, Videoessays zu schneiden oder Podcasts zu produzieren. Dafür müssen sie sich spezielle Kompetenzen aneignen, die wir als „multi-modal literacy“ bezeichnen. Dass wir dies bereits relativ erfolgreich vermitteln zeigt sich daran, dass ein Projekt des Kollegen Benoît Majerus letztes Jahr den angesehenen „Prix Charlemagne“ der Europäischen Kommission mit dem Projekt „#WWI goes Twitter“ gewonnen hat. Ein virtuelles Ausstellungsprojekt zur Geschichte von Radio Luxembourg wird augenblicklich im Rahmen der Ausstellung „Têtes Chercheuses“ des Nationalarchivs präsentiert. Augenblicklich mache ich ein Projekt zur „oral history“, bei dem wir über hundert Zeitzeugeninterviews zur Geschichte des Zweiten Weltkrieg in Luxemburg auswerten, die von der Filmemacherin Loretta Walz im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Universität Luxemburg realisiert wurden. Die Studenten müssen einen zehnminütigen Film als Abschlussarbeit fertig stellen, welcher dann voraussichtlich im „Musée de la Resistance“ gezeigt sowie auf dem Blog des Masterprogramms präsentiert wird. Unsere Absolventen haben keine Probleme, Jobs zu finden. Was wir hier verlangen, ist in den Museen sehr gefragt. Dort will keiner Aufsatz-Ablieferer.

Haben Sie ein Wunschprojekt?

Prof. Fickers Ja, wir wollen gern ein elektronisches Geschichtsbuch für Luxemburger Geschichte realisieren, bei dem wir ganz verschiedene Quellen verwenden, wie beispielsweise die Zeitzeugen-Interviews. Ein weiteres Projekt wäre eine online Zeitzeugendatenbank, denn seit den 70er Jahren wurden in Luxemburg Interviews aufgenommen, mit denen kaum jemand arbeitet. Darüber hinaus wollen wir auch zur Geschichte des Finanzstandortes Luxemburg arbeiten sowie zur Migrationsgeschichte. Spannend ist in beiden Fällen die Frage, wie wir in diesen Themenbereichen mit „Big Data“ arbeiten können, das heißt, wie wir große digitale Quellenbestände systematisch auswerten, visualieren und interpretieren können. Wie sind die Geldströme gelaufen, welche Personen stehen in Beziehung zu einander? Das wollen wir grafisch darstellen.

wwwfr.uni.lu/c2dh