WELLENSTEIN
PATRICK WELTER

Gestern presste die „Vinsmoselle“ ihren Strohwein - Vin de Paille 2019

Früher einmal war der „Strohwein“ der kleine Bruder des „Eisweins“, doch die Veränderung des Klimas lässt die Winzer kaum noch auf Frostnächte mit einer Temperatur von -7 Grad hoffen. Selbst wenn es dann doch nochmal dazu kommt, sind die Trauben, aufgrund der mittlerweile sehr feuchten Winter, schlicht nicht mehr zu gebrauchen.

Der Strohwein löst den Eiswein ab

Seit etlichen Jahren setzt die Genossenschaftskellerei „Vinsmoselle“ deshalb auf „Strohwein“ (vin de paille), der seinen Namen aufgrund der wochenlangen Lagerung handverlesener und völlig gesunder Trauben auf Stroh hat. Heute wird der Strohwein nicht mehr auf Stroh, sondern in flachen Plastikkörben getrocknet, aber immer noch müssen die Trauben mit äußerster Sorgfalt gelesen und behandelt werden.

Gestern Morgen hatte die „Vinsmoselle“ zu ihrer traditionellen Strohweinpressung in der Kellerei Wellenstein eingeladen. Nach zehn Wochen Reifezeit haben die ursprünglich 1.375 kg Auxerrois-Trauben jetzt die Konsistenz von Rosinen erreicht. Das meiste Wasser ist verdunstet, was überbleibt sind pure Geschmacksaromen. Aufgrund der Verdunstung rechnete man bei der „Vinsmoselle“ mit einem Ergebnis von ca. 120 Liter Most - eine erste Probe ergab einen beachtlichen Wert von 173 Grad Oechsle. Am Nachmittag stand die Pressung von 2.142 kg - Erntegewicht - Gewürztraminer-Trauben an (176 Grad Oechsle). Riesling-Trauben, schon während der Lese die zeitlich letzten, verlangen auch beim Strohwein noch Geduld. Sie werden frühestens im Januar gepresst werden.

Nicht billig, aber sein Geld wert

Der hohe Aufwand beim Strohwein schlägt sich natürlich im Preis nieder, die üblicherweise verwendeten Halbliterflaschen kosten deutlich über 30 Euro. Aufgrund ihrer wunderbaren Farbe, einer ansprechenden Blume und der Geschmacks-konzentration im Mund ist jede Flasche ihren Preis wert. Bei der gestrigen Verkostung eines 2016er Gewürztraminer-Strohweins konnte man geradezu eine Geschmacksexplosion erleben. Außerdem eignet sich Strohwein aufgrund seines hohen natürlichen Zuckergehalts für eine jahrzehntelange Lagerung. Man braucht aber schon eiserne Disziplin, um dem Rat „Jetzt kaufen und 15 Jahre liegen lassen“ zu folgen.

Noch ein Wort zum gesamten Jahrgang 2019. Wie erwartet ging die Erntemenge, bedingt durch die Wetterkapriolen mit Spätfrost und extremer Hitze, auf 60 Prozent des langjährigen Mittels zurück -
allerdings können sich die Winzer etwas dadurch trösten, dass der gelesene Wein von ausgesprochen guter Qualität ist. Josy Gloden, Präsident der „Vinsmoselle“, nannte den 2019er einen „typischen Luxemburger Wein“, der sich durch seine frische Spritzigkeit vom ebenfalls guten, aber andersartigen Weinjahrgang 2018 unterscheiden wird.