NIC. DICKEN

Der neue Präsident der größten Oppositionspartei ist vergangene Woche, wie bereits mehrfach zuvor in den zurückliegenden Monaten, völlig außer sich geraten. Da erdreistet sich die neue Regierungskoalition - „Gambia“ im verächtlichen Slang der nach wie vor von der Nichtbeteiligung am Regierungsbündnis schwer enttäuschten CSV - doch tatsächlich, laut über die künftige Gestaltung der Verhältnisse zwischen dem zivilen Staat und den Religionsgemeinschaften nachzudenken, ohne vorab die Opposition konsultiert zu haben.

Es überrascht sicher nur zum Teil, dass sich die Exponenten einer Partei, die über die letzten Jahrzehnte hinweg in solchen und anderen Fragen dem jeweiligen Regierungspartner vorgegeben hatte, was er von den Vorschlägen zu halten hatte, die nicht in der Partnerschaft, sondern im stillen Kämmerlein konservativer und ideologisch strikt festgefahrener Denker das Halbdunkel der Welt erblickt hatten.

Über Generationen hinweg wurden die Denkweise, das Empfindungsvermögen, die geistige Orientierung der Bevölkerung von den Machtzentralen der Rue du Curé und des Bistums vorgegeben. Diesen moralischen Alleinvertretungsanspruch rechtfertigt auch nicht die Tatsache, dass nicht unbedingt alles falsch war, was in dieser Zeit auf den Tisch kam und entschieden wurde.

Die Abkehr von einer in ihren Ritualen erstarrten katholischen Kirche ist ja weder ein Phänomen des 21. Jahrhunderts, in dem mittlerweile auch Luxemburg angekommen ist, noch das gezielte Machwerk der neuen Regierungskoalition, die mit der politischen Hinterlassenschaft ihrer konservativen Vorgänger noch ganz andere Schwierigkeiten zu bewältigen hat.

Denken wir doch nur zurück an die beiden Themen, durch die sich die Kirche und der ihr nahe stehende Teil der Politik in den letzten Jahrzehnten besonders hervorgetan hatten. Viele Menschen in diesem Lande haben nicht vergessen, dass Ende der siebziger Jahre anlässlich der Debatte um die Legalisierung und Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs Sonntag für Sonntag von den Predigtstühlen herab all jene als Kindermörder beschimpft wurden, denen an einem ehrlichen und menschlichen Umgang mit einem Problem gelegen war, das sich keineswegs nur in atheistischen Haushalten stellte. Auch bei der von allen Gesellschaftsschichten sehr delikat und rücksichtsvoll geführten Debatte im die unter gewissen Voraussetzungen mögliche Liberalisierung der Euthanasie benahmen sich Kirche und Christlichsoziale nicht immer so, wie man es aus dem Humanismus zugewandten Reihen hätte erwarten können. Die durch fortgesetzten Missbrauch an zahllosen Jugendlichen vollzogene psychische Euthanasie innerhalb der Kirche(n) sorgte dagegen für weitaus weniger Gesprächsstoff.

Möge also Marc Spautz in aller Ruhe und Gelassenheit zunächst einmal abwarten, welche Vorschläge die aus drei politischen Strömungen zusammengesetzte Regierungskoalition auf den Tisch legen wird. Dann wird er selbst auch zu Wort kommen, wie es sich bei einer demokratischen Entscheidungsfindung gehört. Er möge sich inzwischen gut überlegen, welche Argumente er dann in die Debatte einbringen will.