MAMER
CHRISTINE MANDY

„The Ephemeral Life of an Octopus“ im Mamer Kinneksbond

Zwei Frauen und zwei Männer stehen regungslos im Kreis am Rande der Bühne. Dann beginnt Catarina Barbosa sich ausziehen; Rosie Terry Toogood, Joachim Maudet und Alistair Goldsmith tun es ihr gleich und unter ihren T-Shirts und Hosen erscheint: Badebekleidung!

Es ist kein Zufall, dass dieser Akt des Entkleidens auf der Bühne und nicht hinter den Kulissen stattfindet. Das zentrale Thema des Stückes nämlich ist das Bewusstwerden des Menschen, insbesondere des Kranken, darüber, einen Körper zu besitzen. Die Entblößung wiederum ist ein Prozess, der Teil jeder Erkrankung ist. Der eigene Körper ist nicht länger etwas Privates, er muss anderen, zumindest den Ärzten, zugänglich gemacht werden. Dass die Tänzer ausgerechnet Badekleidung tragen, signalisiert, dass eine Ästhetisierung, die Darstellung der schönen Seiten des nackten Körpers, unter diesen Umständen fehl am Platz wäre.

Die Tänzer beginnen dann, sich zu verrenken und Bewegungen durchzuführen, die einen solchen Verfremdungseffekt erzeugen, dass es in manchen Momenten fast so scheint, als gehörten ihre Gliedmaßen nicht zu ihnen. Das hat einen beklemmenden Nachgeschmack, der Fokus liegt in diesem ersten Block der Darstellung aber auf dem lustigen, Neugierde erweckenden Aspekt, den die Erfahrung, einen Körper zu haben, mit sich bringt. Unterstrichen wird das durch ein perfekt ausgewähltes klassisches Klavierstück von Brahms sowie die stark markierte, teils groteske und grimassenhaft verzogene Mimik. Der Zuschauer schmunzelt und staunt, dass ihm plötzlich merkwürdig vorkommt, was sonst so selbstverständlich hingenommen wird.

Schmerzen, Instinkte und Fesseln

Auf einmal wandelt sich die Atmosphäre und es beginnt ein zweiter Themenblock, der mit dem ersten stark kontrastiert; Schmerz und Leid werden in den Mittelpunkt gerückt. Durch die Einsetzung eines Stroboskops wirken die tänzerischen Bewegungen verlangsamt und abgehackt, was ihren Ausdrucksgehalt intensiviert. Optisch erinnert das an elektrische Stromschläge, die einen Körper unwillkürlich zucken lassen und seinem Besitzer die Kontrolle über ihn entziehen.

Nach dieser sehr mitnehmenden Passage entfernt sich die Choreografie ein Stück weit vom Thema der Krankheit und geht über zu der allgemeinen Frage, inwiefern am menschlichen Körper Automatismen und Instinkte deutlich werden. Die Annäherung an das Tier ist dabei naheliegend. Zwar mag die schaukelnde Bewegung der Tänzer, die flach auf dem Boden liegen, an einen Fisch im Wasser erinnern, ansonsten aber sind die animalischen Bewegungen keiner spezifischen Art zuzuordnen. Damit soll wohl unterstrichen werden, dass die Gemeinsamkeit, vom Körper, seinem Zustand und seinen Bedürfnissen abhängig zu sein, Menschen wie Tiere verbindet. Zwischendurch dröhnt ein Bass durch den Raum, den man als auch Zuschauer im eigenen Bauch spürt und der es sozusagen ermöglicht, das
Bühnengeschehen selbst leiblich zu erleben und daran zu partizipieren.

Im letzten Teil kommen die Mikros, die sich von Anfang an auf der Bühne befinden, zum Einsatz. Die Tänzer berühren damit Catarina Barbosas Körper als handle es sich um Stethoskope. Darüber hinaus werden die Kabel, mit denen sie an die Anlage angeschlossen sind, genutzt und metaphorisch umgedeutet. Sie stehen für eine krankheitsbedingte Einschränkung der Handlungs- und Bewegungsfreiheit; mit ihnen wird Barbosa gefesselt. Sie ist der gesunde Geist im kranken Körper. Sie bleibt allein auf dem Bühnenboden zurück, während die übrigen Tänzer sich wieder anziehen.

Persönlicher und theoretischer Hintergrund

Léa Tirabasso selbst ist vor einigen Jahren an Krebs erkrankt. In ihre Choreografie hat sie diese Erfahrung mit einfließen lassen. Zusätzlich hat sie lange über das Thema recherchiert, sich unter anderem mit Ärzten der gynäkologischen Onkologie und dem Philosophen Thomas Stern ausgetauscht, der, angelehnt an Marcel Proust, einen Körper-Geist-Dualismus vertritt.

All diese Informationen wurden vor der Aufführung auch in einer sehr informativen und prägnant dargestellten Einführung durch Julie Gothuey mit an die Hand gegeben.

Das Ergebnis der Recherche, Tirabassos Kreation, hat aber weder etwas von einer wissenschaftlichen Studie, noch neigt sie an irgendeiner Stelle zur Larmoyanz. Die junge Choreografin hat ein ausdrucksstarkes und facettenreiches Tanzspektakel auf die Bühne gebracht, das eine emotionale Achterbahnfahrt darstellt, wie man sie selten auf der luxemburgischen Tanzbühne gesehen hat. Es bewegt und regt gleichermaßen zum Nachdenken an, was selten zusammenfällt. In dem Fall gelingt das, weil auf einen zu hohen Komplexitätsgrad verzichtet wird und auf eine umständliche Symbolträchtigkeit, die nur schwer zu entschlüsseln ist. Vielmehr setzt es auf direkte, klare und unmissverständliche Botschaften.


„The Ephemeral Life of an Octopus“ feierte am 8. Februar im Mamer „Kinneksbond“ Premiere und ist demnächst
in Birmingham, London, Leeds und Marseille zu sehen