LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Roland Kuhn, Präsident der „Fédération des Entreprises de Construction et de Génie Civil“, hofft auf verantwortungsvollen Umgang mit bereits ausgewiesenem Bauland

Wohnraum gilt als das große Problem von Luxemburg. Dabei könnte viel mehr gebaut werden, wenn innerhalb des Bauperimeters – also des bereits als Bauland freigegebenen Grundes - die Genehmigungen schneller erteilt würden. Dieser Meinung ist Roland Kuhn, Baunternehmer und Präsident der „Fédération des Entreprises de Construction et de Génie Civil, die zur Dachorganisation der „Fédération des Artisans“ (FDA) gehört. Darüber hinaus hat Kuhn auch zehn Jahre lang die Handwerkskammer geleitet. Uns hat er erklärt, was er damit meint.

Herr Kuhn, was läuft am Bau falsch?

Roland Kuhn Es gibt einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. In den nächsten fünf Jahren werden im Durschnitt 30 bis 35 Prozent der Belegschaft der Bauunternehmen in Rente gehen. Und es ist schwierig diese Leute zu ersetzen. Bei rund 18.000 Beschäftigten sprechen wir von rund 6.000 erfahrenden Mitarbeitern, die dem Sektor relativ kurzfristig verloren gehen werden! Das ist enorm. Es fehlt an allem: Maurer, Techniker, Ingenieure, Baggerfahrer usw. In Luxemburg und in der Grenzregion findet man kaum geeignete Profile, um diese Mitarbeiter zu ersetzen. Viele Unternehmen sehen im Fachkräftemangel das größte Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens.
Als Reaktion setzen wir auf die berufliche Weiterbildung unsere Mitarbeiter.

Mit dem IFSB „Institut de Formation Sectoriel du Bâtiment“ hat die Baubranche vor 16 Jahren ein sektorielles Weiterbildungssystem geschaffen, um unsere Mitarbeiter systematisch weiterzubilden. Die Betriebe investieren massiv in die Weiterbildung ihrer Arbeiter, pro Jahr über 3 Millionen Euro. Trotzdem bleibt die Nachfrage an Mitarbeitern enorm hoch und viele Posten bleiben unbesetzt
Gute Handwerker werden rar und in Zukunft werden Leute im Handwerk mit Sicherheit genauso gut bezahlt als Akademiker.

Das war schon vorausschauend.

Wie sieht es mit der Ausbildung aus?

Kuhn Die handwerkliche Grundausbildung bringt, wie in vielen anderen Berufen nur sehr wenige Kandidaten hervor.

Wir vernachlässigen keine Piste, um Mitarbeiter für unseren Sektor zu gewinnen
Die Zusammenarbeit mit der Adem ist hervorragend. So haben wir z.B. das Programm „Fit4GenieCivil“ aufgelegt, wo wir Arbeitssuchende während mehreren Monaten auf den Beruf vorbereiten. Die jungen Leute werden gemäß ihren Stärken ausgebildet: im Schalen, Betonieren oder Mauern. Bislang hat jeder, der wollte einen Arbeitsplatz gefunden – und wir haben bisher mehrere hundert Leute  ausgebildet.

Eine andere Piste wäre es Mitarbeiter im weiteren Ausland zu rekrutieren, so wie es in der Baubranche mit Gastarbeitern aus Italien und später aus Portugal lange erfolgreich funktioniert hat.
Doch auch da macht uns die Wohnungsnot Schwierigkeiten. Es würden sicher noch mehr Leute nach Luxemburg kommen, wenn es nicht ein Problem mit der Unterbringung unserer Mitarbeiter geben würde. Vor zehn oder zwölf Jahren war es kein Thema, dass jemand bei seinen Verwandten wohnen konnte. Aber das hat sich inzwischen geändert. Wir haben sogar schon überlegt, Leute in Portugal auszubilden.

Wenn jemand nach Luxemburg zieht, riskiert der Lohnunterschied durch die hohen Mieten neutralisiert zu werden. Das Incentive der höheren Löhne spielt so nicht mehr.

Wir sind mit der Wohnungsbauministerin im Gespräch, damit wir für die Mitarbeiter Wohnungen bauen, so wie das in der Vergangenheit schon gemacht wurde. Wir wollen landesweit Wohnungen für unsere Mitarbeiter bauen.

Hervorzustreichen ist die Tatsache, dass das Bauen an sich das Wohnen nicht teuer macht. Nein, es fehlt an bebaubaren Grundstücken, deren Knappheit sich hauptsächlich für die hohen Preise verantwortlich zeichnet.

Es sind folglich große Anstrengungen nötig, um der Nachfrage halbwegs hinterherzukommen. Die öffentliche und die private Hand müssen verstärkt zusammenarbeiten, bezüglich der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Die Wohnungsbauministerin hat anlässlich einer Unterredung mit dem Verband der Bauunternehmer Interesse an einer Zusammenarbeit des Staates mit privaten Bauträgern gezeigt. Nun gilt es zusammen auszuloten, wie eine solche Zusammenarbeit konkret gestaltet werden könnte.

Baufirmen arbeiten doch häufig auch als Bauträger und verfügen daher über Grundstücke, oder?
Kuhn Das Problem der Baugrunderschliessung ist ein generelles Problem. Wenn wir Bauland, egal zu welchem Zweck, erschließen wollen dauern die Prozeduren meistens viel zu lang, zurzeit zwischen sechs und zwölf Jahren.

In der Landesplanung sind z.B. Zonen für den Naturschutz, für den Verkehr, für Infrastrukturen und es sind Zonen definiert, wo neuer Wohnraum entstehen soll. Doch auch innerhalb der Zonen, wo Wohnraum entstehen soll, werden Genehmigungen für Wohnungen nur im Ausnahmefall erteilt, um es ein wenig provokativ auszudrücken.  Ja, auf diesen Flächen ist Wohnungsbau vorgesehen, doch wenn z.B. eine Fledermaus dort ihr Revier hat, kann es sein, dass auf diesen Flächen kein Wohnungsbau möglich sein wird.

Natürlich ist es wichtig, dass wir die Natur schützen. Aber manchmal muss auch der gesunde Menschenverstand spielen. Generell geht es darum ein Gleichgewicht zu finden zwischen einer Beschleunigung bei den Prozeduren einerseits und dem Schutz der Umwelt andererseits. In Härtefällen jedoch, sollten die Regierungsverantwortlichen die aktuelle Wohnungsbaunot nicht aus den Augen verlieren.

Begrüßenswert ist sicherlich die Einführung eines Kompensationsmechanismus in dem neuen Naturschutzgesetz. Durch das neue System ist es möglich den ökologischen Wert einer Fläche vor Beginn der Baumaßnahmen zu berechnen. Dadurch wird einer Fläche eine bestimmte Anzahl an Ökopunkten zugeteilt. In einem zweiten Schritt wird ermittelt, wie viele Ökopunkte durch die Baumaßnahmen verloren gehen. Die Differenz muss dann kompensiert werden. Allerdings ist im gleichen Atemzug zu bedauern, dass der neue Mechanismus nicht für alle geschützte Tier- und Vogelarten spielt und es somit weiterhin zu erheblichen Verzögerungen bei verschiedenen Bauprojekten kommt. Sogar die OECD hat uns gerüffelt, weil wir nicht vorankommen.

Was fordern Sie?

Kuhn Wir sollten innerhalb der ausgewiesenen Bauperimeter, ohne ständig neue Prozeduren oder Auflagen bauen dürfen. Wenn aber Baugrundstücke durch prozedurale Schwierigkeiten jahrelang brach liegen, entstehen Biotope und es siedeln sich Tiere an. Dann beginnen alle Prozeduren von vorn. So kommen wir in der Wohnungsbaupolitik nicht weiter.

Es heißt, viele Grundstücksbesitzer spekulieren einfach, indem sie Flächen zurückhalten.

Kuhn Den Vorwurf hören wir oft. Als Bauunternehmer kann ich nur sagen, dass Baugrund zu den wichtigsten „Rohstoffen“ gehört, um unsere Unternehmen am Laufen zu halten und unsere Mitarbeiter zu beschäftigen. Ein normales Bauunternehmen kann sich gar nicht den Luxus erlauben Baugrund zu horten.

Fakt ist, dass über 70 Prozent des Baulandes in der Hand von Privatleuten ist. Hier muss man Anreize schaffen, damit mehr Grundstücke auf den Markt kommen. Es genügt nicht, dass sich potenziell bebaubare Grundstücke im Perimeter befinden, besagte Grundstücke müssen auf den Markt kommen. Die zeitlich begrenzte Schaffung von steuerlichen Anreizen, der sogenannte "quart du taux global", um den Verkauf von Baugrundstücken zu fördern, hat gut gewirkt. So etwas könnte man vielleicht nochmal machen.  Zumindest hat die Maßnahme geholfen Grundstücke auf den Markt zu bringen. Und: Gesetze für leerstehende Häuser und ungenutzte Grundstücke gibt es. Die müssten nur umgesetzt werden.