LUXEMBURG
HELMUT WYRWICH

Die Verhaltensweisen der Wirtschaft und der Anleger verändern sich noch während der Krise

Es gab in Europa in der Vergangenheit Schwerpunkte in der Gesundheitspolitik, die sich sehr unterschieden. Luxemburg, wie auch Deutschland technisierte, legte Wert auf Ärzte und Krankenhauspersonal. Mit modernster Technik dem Kranken helfen, lautet die Devise. Länder wie Frankreich hingegen legen Kostenfaktoren an, trimmen den Gesundheitsbereich auf Effizienz, schließen Krankenhäuser, zentralisieren und fahren die Bettenzahl herunter. Maguy Macdonald, Spezialistin für globale Aktienprodukte in der Vermögensverwaltung des Finanzkonzerns Edmond de Rothschild, meint, dass man die Gesundheitspolitik und die „Gesundheitswirtschaft“ in der Folge der Coronavirus-Krise in den Mittelpunkt rücken muss.

Die beiden Giganten in Europa, Deutschland und Frankreich, wenden mit etwa 340 Milliarden Euro dieselbe Summe für ihr Gesundheitssystem auf, sind aber völlig unterschiedlich strukturiert. In Frankreich gehen etwa 35 Prozent in die Verwaltung, in Deutschland 25 Prozent. Deutsche Krankenschwestern verdienen 25 Prozent mehr als ihre französischen Kolleginnen. Deutschland weist im statistischen Durchschnitt vier Ärzte pro 1.000 Einwohner auf, Frankreich drei, sagt die ehemalige französische Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot.

Zahl der chronischen Krankheiten nimmt zu

Die Coronavirus-Krise zeigt nach Ansicht von Maguy Macdonald, in welchem Maße es notwendig ist, zukünftig die Gesundheitswirtschaft aus ihrer Defensive zu holen. „Die Ausgaben für Gesundheit steigen in den entwickelten Ländern und in den Schwellenländern ständig“, schreibt sie in ihrer Studie. „Die Alterung der Bevölkerung, das Verlangen nach Spitzentherapien in den Schwellenländern, das Lebens-Verhalten der Bevölkerung favorisieren eine Steigerung bei den Gesundheitsausgaben.“ Zu beachten sei dabei, so heißt es weiter, „dass die Anzahl der chronischen Krankheiten wie Diabetes oder cardio-vaskuläre Krankheiten zunimmt“. Hinzu komme, dass die Regierungen die Gesundheitsetats in den staatlichen Haushalten aufstockten und der Anteil der Gesundheitskosten in den Ausgaben der privaten Haushalte zunehme. In den Schwellenländern seien es die regionalen Regierungen, die der Gesundheitspolitik eine wachsende Aufmerksamkeit widmeten.

Was bedeutet das für die Gesundheitsindustrie? Unternehmen dieses Bereiches geben in der Regel, so die Autorin, bis zu 20 Prozent ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Diese Investitionen gehen sowohl in die Entwicklung neuer Therapien als auch in die Entwicklung neuer Technologien oder Weiterentwicklung bestehender Technologien, als auch in neue Ausrüstungen. Die Finanzfachfrau beschreibt damit gleichzeitig die Bereiche, die für kleine und große Anleger zukünftig interessant sein werden. Die Corona-Krise hat gezeigt, wo in vielen Ländern der technologische Nachholbedarf besteht, aber auch ein einfacher Ausrüstungsnachholbedarf entstanden ist. Unternehmen aus diesen Bereichen profitieren jetzt bereits davon. „Firmen aus dem Gesundheitsbereich zeichnen sich in der Regel durch solide Bilanzen aus„ schreibt Macdonald. „Ihre Aktien sind weniger anfällig für zyklische Faktoren, profitieren von einer guten Gewinn-Aussicht.“

Positives Jahr für den Gesundheitssektor

Wenn Anleger jetzt investieren wollen, dann in das Gesundheitssystem, schreibt Macdonald: „In einem ungewissen wirtschaftlichen Umfeld dürfte das Jahr 2020 positiv sein für den Gesundheitssektor. Wir sind davon überzeugt, dass wir hier schnell einen strukturellen Wachstumsrhythmus von fünf Prozent finden werden.“ Einen Sprung bei den Resultaten hält Maguy Macdonald für möglich, ohne dass sie diese Aussage als Anlage-Empfehlung verstehen möchte.

Die Aktienspezialistin weist in ihrer Studie auch darauf hin, dass es an den Börsen eine große Volatilität (Beweglichkeit) der Kurse gibt. Sie teilt Gesundheitsbereiche in drei Klassen auf: die Repositionierung von existierenden Produkten, Impfstoffe, Tests. Dabei bleibt sie allerdings im rein pharmazeutischen Bereich, der besonders empfindlich auf Nachrichten reagiert. Die Aktie von Gilead zum Beispiel legte zu nach guten Nachrichten zu Remdisivir, sank ab, als sie sich nicht bestätigten. Das Unternehmen Moderna profitiert von Nachrichten über einen klinischen Test eines möglichen Impfstoffes. Allerdings gibt es 80 Firmen weltweit, unter anderen die deutsch-amerikanische Entwicklung von Biontech und Pfizer, die eine klinische Versuchsphase zu Behandlungsdmedikamenten oder Impfstoffen beginnen. Dieser Sektor profitiert in den USA von staatlichen Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung gegen Corona-Viren.

Es gibt auch andere Bereiche, wie etwa die Entwicklung von Beatmungsgeräten und Herz-Lungen-Maschinen. Der Kurs der Aktie des deutschen Spezialisten Dräger explodierte geradezu nach dem Ausbruch der Coronavirus-Krise. Der Sektor der Hochtechnologie mit Scanner, Röntgengeräten, Kernspintomographen gehört zu dem Sektor, in den Länder wie Deutschland oder Luxemburg besonders investieren, um in Krankenhäusern über die Leistung der Apparate Krankheiten und Verletzungen besser diagnostizieren und behandeln zu können. Mit den Erfahrungen der derzeitigen Krise ist damit zu rechnen, dass die Auftragslage von Firmen wie Siemens Healthingeneers, Fresenius Healthcare oder General Electric sich langfristig auf ein hohes Niveau begeben wird. Der Bereich der Gesundheitswirtschaft wird schon in den kommenden Monaten erhebliche Veränderungen erfahren. Die starke Konzentration der Produktion auf China, die „Just in time“ Philosophie über zehn bis zwölf Flugstunden hinweg wird die Krise nicht überleben. Der französische Pharmakonzern Sanofi hat bereits angekündigt, die Produktion von Medikamenten nach Europa zurückzuziehen. Die Staaten werden – wie bei Öl und Gas – strategische Vorräte für Masken, Handschuhe und Schutzkleidung anlegen und für nationale Produktionen sorgen. Die europäische Gesundheitsindustrie wird sich schon während der Krise grundlegend wandeln.