LUXEMBURG
FRANCIS SPAUTZ

Seit 2000 steht der 3. November jährlich im Zeichen der Männergesundheit; der „Weltmännertag“ soll Männern mehr Bewusstsein für die eigene Gesundheit und für ihr Wohlergehen vermitteln – so stehen zum Beispiel eine rechtzeitige Vorsorge und eine bessere Einschätzung der (Gesundheits-)Risiken für alle Männer im Vordergrund. Warum der Tag auch in der heutigen Gesellschaft weiterhin eine wichtige Rolle spielt, erklärt der Psychologe Francis Spautz, Leiter des „Services Infomann.lu“

„Allgemein geringere Lebenserwartung, eine fast viermal höhere Suizidrate und eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, unter schweren (Arbeits-)Unfällen zu leiden, respektiv solche zu verursachen und anderen Menschen Schaden zuzufügen. Eine deutlich höhere Alkohol- und Drogenmissbrauchsrate kommen hinzu, Sexismus und Gewalt an Frauen und die höhere Wahrscheinlichkeit, an einem Herzkreislauf-Leiden zu sterben ebenfalls; traurige statistisch belegbare Fakten, welche auf männliches Risikoverhalten zurückzuführen sind. Diese Fakten haben Michael Gorbatschow seinerzeit dazu bewegt, den Weltmännertag einzuführen.

Woher kommen diese ungesunden Verhaltensweisen? Sicher auch daher, dass Männer sich noch immer an Rollenbildern orientieren, zu denen vermeintliche Schwächen nicht passen. Viele zögern, Hilfe zu beanspruchen, tun allzu sehr auf ‚alles an der Rei‘, verstecken sich vor sich selbst und vor anderen, bis das Leben, oftmals per Partnerin, Krankheit, Arbeitsverlust und ähnlichem, Einhalt gebietet.

Die neuen Rollen und Selbstbilder, die der Feminismus für die Frauen erwirkt hat, gibt es für Männer bislang kaum – dafür fehlt es an einer ähnlichen konkreten Bewegung der Bewusstseinsentwicklung und Selbstbestimmung. Dass wir keine solche Bewegung haben,  liegt sicher auch daran, dass Männer in unserer Gesellschaft nicht strukturell benachteiligt sind, ist diese doch weitestgehend von Männern als auf Konkurrenz basierende Leistungsgesellschaft gestaltet. Alles wird hinterfragt, zu allen Bereichen der Gesellschaft gibt es Politiken, nur nicht zu Männern. Männlichkeit stellt die unhinterfragte Messlatte gesellschaftlicher Normen und diese Einstellung ändert sich, allen gut gemeinten Gleichberechtigungsbestrebungen zum Trotz, nicht von heute auf morgen. Es fehlen zudem schon in der Frühphase der kindlichen Erziehung alternative Rollenvorbilder, die ein anderes Bild der Männlichkeit vermitteln: Frauen sind, was die Erziehung der Kinder betrifft, klar in der Überzahl und Männer, die mit (Klein-)Kindern zu tun haben, werden dann oftmals trotzdem in feste Rollen gezwängt – dabei brauchen Kinder greifbare Frauen und Männer. Das vermissen wir noch sehr.

Das Selbstverständnis der Männer, die längere Zeit arbeiten, sich kaum bis gar nicht beschweren, ihre Sorgen unterdrücken, ‚das Beste draus machen‘, wird deshalb auch kaum in Frage gestellt. Bis dann ein Krankheits- oder sonstiges Ereignis den Mann ins Aus drängt und er sich plötzlich machtlos fühlt.

Männer können lernen, besser auf sich selbst zu achten. Sie werden nicht aktiv unterdrückt – sie unterdrücken selbst ihre Achtsamkeit aufgrund der an sie gestellten Erwartungen. Wir sind noch weit davon entfernt, Kinder als für sich selbst stehende, in ihrem Eigensinn für förderungswürdige Wesen anzuerkennen. Auch gilt es, die Tatsache ernstzunehmen, dass der Gesundheitsbegriff kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten und soziales Wohlbefinden einschließen muss, vielmehr als nur die Abwesenheit schulmedizinischer Symptome. Das wäre ganz im Sinne Michael Gorbatschows nobler Idee.“