PATRICK WELTER

Nun also auch der Zucker. Das in grauer Vorzeit mal liberale Großbritannien will jetzt eine Zuckersteuer einführen. Besser wird das Essen dadurch auch nicht. Mit Rücksicht auf Würstchen und Speck zum Frühstück wird wenigstens kein Cholesterin besteuert. In Zeiten der Überwachungs- und Gesundheitshysterie ist das schon als freiheitlicher Akt zu sehen. Warum lässt sich der moderne Mensch so gängeln? Warum schreit er an jeder unpassenden Stelle nach der Macht des Staates und sei es beim Zuckergehalt von Softdrinks. Früher Mal wurde das Leben von freiem Bürgersinn, Mitdenken und Rücksichtnahme bestimmt. Heute findet die Mehrheit offenbar nichts dabei, bis in den letzten Winkel des Lebens überwacht zu werden, damit der Staat es richten kann.

Die Anti-Terror-Überwachung durch Videokameras, GPS-Tracker und Staatstrojaner. die unsere Bürgerrechte massiv einschränkt - natürlich zu unserem Besten - lassen wir an dieser Stelle mal außen vor.

Es geht um Selbstbestimmung im persönlichen Bereich. Früher sind Leute mal gelaufen, geschwommen oder gewandert, um sich körperlich wohl zu fühlen. Ganz nach eigenem Ermessen. Man trieb keinen Sport, um willkürliche Vorgaben irgendwelcher Gurus zu erfüllen, man machte es für sich alleine. Andere blieben zuhause auf dem Sofa oder schafften sich einen Hund an, um in Bewegung zu bleiben. Irgendwelche Fitnessarmbänder waren noch Sciencefiction. Die Idee, jede Bewegung und jeden Pulsschlag irgendwo aufzuzeichnen, wurde nicht als Fortschritt empfunden. Der digitale Mensch findet so was normal. Wann bietet die erste Krankenversicherung einen verbilligten Tarif für vollvernetzte Fitnessarmbandträger an? Hurra, wir werden überwacht.

Das Mediengetrommel um den Zucker ist ein weiteres Symptom für eine merkwürdige Form der Gleichschaltung bis hinein ins Private. Regelmäßig werden Pseudogifte durch das mediale Dorf getrieben. Studien und Gegenstudien jagen sich fast im Tagesrhythmus. Heute gut, morgen schlecht und übermorgen anders.

Wie wär’s denn mal wieder mit einer ungewohnten Übung? Selber denken! Man sollte mit einfachen Fragen anfangen: Schmeckt es mir? Wird es mir nach dem zweiten Hühnchen in Calvados schlecht? War das Choucroute ein bisschen viel, weil sich die Galle schmerzhaft meldet und kommen nach einem halben Kilo Roastbeef medium rare fiese stechende Schmerzen aus den Zehen? Denkende Menschen setzen Ursache und Wirkung durchaus in Relation zueinander und ändern ihr Verhalten. Weniger Calvados, mehr Kraut als Bauchspeck und halb so viel Roastbeef könnten helfen. Andererseits ist es das gute Recht jedes einzelnen, sich für die Völlerei zu entscheiden. Politik und Medien haben sich herauszuhalten, solange die Folgen der Genusssucht nicht den juristischen „Dritten“ mit in Anspruch nimmt, ist Völlerei Privatsache. Der gesamtgesellschaftlich tolerierte Alkoholkonsum ist da beispielgebend: Wer Rotwein bis zum Umfallen in sich hineinschüttet, hat das Recht dazu- solange er sich nicht besoffen hinter das Steuer seines Autos setzt oder im Suff Frau und Kinder prügelt.

Wo - verdammt nochmal - liegt die Gefahr von Zucker für Dritte?