LUXEMBURG
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Künftigen Engpässen vorbeugen: Luxemburg baut seine Medizinstudien aus

Dass die Personaldecke bei verschiedenen  Gesundheitsberufen nicht reicht und in Zukunft noch angespannter zu werden droht, wird seit Jahren von verschiedenen Berufsvereinigungen moniert, nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer wachsenden und zugleich alternden Bevölkerung.  Im Oktober 2019 bestätigte eine vom Gesundheitsministerium 2018 in Auftrag gegebene Studie, dass es einen Mangel gibt, allerdings keinen absoluten Mangel, denn Luxemburg greift stark auf die Großregion zurück, damit sein Gesundheitswesen funktionieren kann.

62 Prozent der Fachkräfte aus dem Ausland

Nicht weniger als 62 Prozent der Fachleute in den reglementierten Gesundheitsberufen in Luxemburg wohnen so im Ausland. „Damit hat das Land eine kritische Schwelle überschritten, das es extrem anfällig macht und abhängig von den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen der angrenzenden Länder“, warnte die Studie der Gesundheitsspezialistin Marie-Lise Lair, die übrigens auch darauf aufmerksam macht, dass 49 Prozent der Ärzte Nicht-Luxemburger sind und die Rekrutierung neuer Gesundheitsfachleute im Ausland in einem internationalen Wettbewerb immer schwieriger wird. Merke: von den rund 15.000 Gesundheitsberuflern werden bis 2034 etwa 6.000 in Rente gehen. Rund 60 Prozent der etwa 2.330 Ärzte im Land (davon sind lediglich 555 Allgemeinmediziner) erreichen zu diesem Zeitpunkt das Rentenalter von 65 Jahren. Wobei dieser Prozentsatz je nach Spezialitäten zwischen 55 und 87 Prozent schwankt.

Die Covid-19-Pandemie hat zwischenzeitlich gezeigt, wie akut die Warnung der Abhängigkeit von außerhalb  doch ist: als die Nachbarländer die Grenzen schlossen und sich mit dem Gedanken trugen, im Land ansässige Gesundheitsprofis für die Corona-Front zuhause zwangszuverpflichten, musste das Großherzogtum hart hinter den Kulissen verhandeln, damit das hiesige Gesundheitswesen weiterhin wie gewohnt funktionieren konnte.

Die sanitäre Krise hat insgesamt die Gesundheitsberufe ins Scheinwerferlicht gerückt und auch unterstrichen, dass die Bemühungen, die Aus- und Weiterbildungen hierzulande zu verbessern, verstärkt werden müssen.

Das ist in den letzten Jahren bereits teilweise geschehen. Aufgrund einer Reihe von Studien über die Entwicklung der Krankenhäuser und der Universität – auch im Vergleich mit den Nachbarländern - beschloss der Regierungsrat im März 2017 einen ersten Bachelor-Studiengang in der Medizin zu schaffen und mit ausländischen Hochschulen zu verhandeln, um den Absolventen einen reibungslosen Übergang in ein Master-Studium zu garantieren.  Bis dato konnte nur das erste Jahr der Arztausbildung in Luxemburg absolviert werden.

Forschung im Programm

Die Schaffung dieses „Bachelor“, der in diesem Herbst in die erste Runde geht, wurde nicht im Rahmen eines spezifischen Gesetzes  durchgeführt, sondern war Teil der Uni-Reform vom Juni 2018 (siehe Rahmen). Schon länger – seit 2004 – gibt es eine heute mit einem abgeschlossenen Medizin-Studium zugängliche  „Formation spécifique en médecine générale“  über drei Jahre an der Uni, die auch in Teilzeit  absolviert  werden kann. Rund 15 Absolventen schaffen sie jedes Jahr. Aus dieser Ausbildung wird nun ein Master-Diplom. Parallel dazu  wird ein „Diplôme d’Etudes Spécialisées un diplôme d’études spécialisées en médecine générale“ geschaffen. Der Kurs dauert vier Jahre und beinhaltet zwei Semester Forschungstätigkeit. Das DESM richtet sich demnach an Kandidaten, die eine akadamische Karriere einschlagen möchten.

3.000 neue Krebsfälle, 9.000 Diagnosen degenerativer Krankheiten

Ferner entschied der Regierungsrat im März 2017 auch spezialisierte Ausbildungen in  der Allgemeinmedizin, in der Neurologie und in der Onkologie aufzubauen.  In diesen Fachbereichen gibt es einen hohen Bedarf an Spezialisten: es gibt rund 3.000 neue Krebsfälle im Jahr, werden 9.000 Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen hinzukommen. Dem gegenüber stehen 25 Internisten oder Onkologen sowie 39 Neurologen. Laut Gesundheitsministerium müssten in den beiden Spezialitäten zumindest drei Absolventen jährlich ihr Fachdiplom in der Tasche haben. Demnach  dürften jeweils rund 15 Studenten, die ihre Grundausbildung zum Arzt abgeschlossen haben, zu den fünf Jahre währenden Studien zugelassen werden. Zwei Semester müssen der biomedizinischen  oder klinischen Forschung gewidmet sein.

Auch in anderen Gesundheitsbereichen wird an der Aus- und Weiterbildung gearbeitet. Ende Januar hatte so der Regierungsrat grünes Licht für eine interministerielle Arbeitsgruppe erteilt, die Vorschläge machen soll, um die Aus- und Weiterbildungen in Gesundheitsberufen auf den neusten wissenschaftlichen und technischen Stand zu bringen. In diesem Kontext wird auch ein Modell entwickelt, das für Krankenpfleger den Übergang vom „Brevet de Technicien Supérieur“ zum Bachelor regeln soll. Die Berufsvereinigung ANIL fordert das seit Jahren.

„Wir benötigen in Zukunft unbedingt mehr luxemburgisches Personal“

Abgeordnetenkammer heißt neue medizinische Studiengänge gut

Luxemburg Bei zwei Enthaltungen der beiden „déi Lénk“-Abgeordneten wurde gestern Nachmittag in der Abgeordnetenkammer ein Gesetzesprojekt angenommen, mit dem an der Universität Luxemburg zukünftig unter anderem auch spezielle Studiengänge in Onkologie und Neurologie möglich sind.

Wie Co-Berichterstatter André Bauler (DP) einleitend unterstrich, sei aus der vor zwei Jahren vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegehenen Studie der Gesundheitsspezialistin Marie-Lise Lair hervorgegangen, dass unser Land immer mehr auf ausländische Ärzte und anderes medizinisches Fachpersonal angewiesen sei, weil wir nicht genug junge Luxemburger haben würden, die in diesen Berufen ausgebildet seien. Diese Tatsache mache unser Gesundheitssystem dann auch extrem verletzlich, so Bauler, der darauf hinwies, dass innerhalb der nächsten 15 Jahre wohl 68 Prozent der Allgemeinmediziner und fast zwei drittel der Neurologen in Rente gehen würden.

Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten

Die Ursache, dass Luxemburg im Gesundheitswesen mit Rekrutierungsproblemen zu kämpfen habe, gehe indes größtenteils auf den Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten zurück, der in diesem Bereich hierzulande herrsche. Das Angebot an der Universität Luxemburg sei im Verhältnis zu unseren Nachbarländern extrem beschränkt, so dass die Luxemburger Studenten ihre diesbezügliche Ausbildung im Ausland absolvieren müssten, danach aber oftmals auch dort bleiben und nicht mehr nach Luxemburg zurückkommen würden, was ein weiteres Problem darstellen würde. Um Engpässe bei der Ärzteschaft in Zukunft zu vermeiden, bräuchten wir in Zukunft unbedingt mehr luxemburgisches Personal, so André Bauler.

Fortan werden an der Uni Luxemburg deshalb neue Studiengänge in der Onkologie und in der Neurologie von jeweils fünf Jahren angeboten, wobei hier jeweils zwei Semester für Forschungsarbeiten vorgesehen sind. Im Bereich der allgemeinen Medizin kann man indes wählen, ob man entweder vier oder nur drei Jahre studieren will. Beim vierjährigen Studium sind zwei Semester der Forschung vorbehalten, so dass man mit einem „Diplôme d’études spécialisées en médecine“ abschließt; beim dreijährigen Studium verzichtet man auf die Forschung und schließt dann auch nur mit einem „Master en médecine générale“ ab. Beide Diplome berechtigen aber zur Ausübung des Berufs des Allgemeinmediziners.

Nicht allein auf das Ausland verlassen

Co-Berichterstatterin Francine Closener (LSAP) erinnerte daran, dass es gerade erst einmal zwei Wochen her sei, dass sich die Abgeordnetenkammer in einer Interpellation mit der Situation des Personals im Gesundheitsbereich befasst habe. Das Großherzogtum müsse alles dran setzen, selber mehr auszubilden, und nicht nur auf das Ausland zu setzen. „Mir däerfen net bequem sinn, an einfach all Servicer, déi mer brauchen, am Ausland akafen“, so Closener. Das Land werde somit auch unabhängiger vom Ausland. Da es hierzulande aber auch an Arbeitsmedizinern fehle, sollte man sich überlegen, ob man eine diesbezügliche Ausbildung nicht auch in Luxemburg anbieten sollte.

Octavie Modert (CSV) wies darauf hin, dass gerade in der sanitären Krise deutlich geworden sei, wie wichtig die medizinischen Berufe seien, auch und besonders für Luxemburg. Die CSV stehe dann auch weiterhin zum Ausbau der Medizinerausbildung; Luxemburg müsse aber attraktiver für Medizinstudenten werden. Die Oppositionsrednerin wunderte sich jedoch über die plötzliche Eile in Bezug auf dieses Gesetz, das man auch erst im Herbst hätte verabschieden können, nachdem man weitere Experten angehört hätte.

„Ein wichtiger und richtiger Schritt“

Carole Hartmann (DP) stellte fest, dass viele Medizinstudenten auf diese Änderungen gewartet hätten. Ein Bachelor-Diplom in Medizin trage zur Attraktivität unseres Landes und zur Verbesserung unseres Gesundheitssystems bei.

Mars Di Bartolomeo (LSAP) zeigte sich überzeugt, dass mit vorliegendem Gesetzentwurf ein wichtiger und richtiger Schritt gemacht werde, um sich auch in Zukunft genug Mediziner in Luxemburg zu sichern.
Marc Hansen (déi gréng) sprach von einem weiteren wichtigen Schritt in Richtung Eigenausbildung von Medizinern in Luxemburg. Man sollte aber darüber nachdenken, ob man nicht die vollständige medizinische Ausbildung in Luxemburg anbieten könnte.

Jeff Engelen (adr) warnte davor, sich bei der medizinischen Ausbildung ausschließlich auf das Ausland zu verlassen, derweil David Wagner (déi Lénk) sich eine allgemeinere Debatte über das Gesundheitssystem in Luxemburg wünschen würde, und Sven Clement (Piraten) von einer Abhängigkeit von ausländischem, medizinischem Fachpersonal in Luxemburg sprach, die beängstigend sei. Das vorliegende Gesetzesprojekt sei leider nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Mittel- und langfristig müsse die gesamte Medizinausbildung in Luxemburg angeboten werden.

Hochschul- und Forschungsminister Claude Meisch (DP)  gab an, dass er sich Überlegungen nicht verschließen wolle, mittelfristig auch ein Master-Studiengang in der Medizinausbildung in Luxemburg anzubieten. Jedes einzelne Puzzle-Stück müsse hier jedoch der spezifischen Situation im Großherzogtum Rechnung tragen. Bei einer vollständigen Medizinerausbildung in Luxemburg bestehe auch das Risiko, dass Studenten aus Luxemburg von ausländischen Medizinstudien ausgeschlossen würden und unser Land dann neue Verhandlungen mit ausländischen Universitäten aufnehmen müsste. (PASCAL STEINWACHS)