JOËLLE SCHRANCK

Gewalt gegen Frauen, das hört sich weit weg an. Doch nach einer Erhebung hat in Europa jede dritte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren, jeder fünften wurde nachgestellt und jede zweite war sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Das Problem ist auch in Luxemburg präsent und betrifft hautsächlich Paarbeziehungen.

„Wir haben acht Frauenhäuser im Großherzogtum und entsprechen damit den Anforderungen des Europarates. Demnach wird ein Fauenhausplatz auf 10.000 Einwohner vorgeschrieben. Doch Luxemburgs acht Frauenhäuser sind ständig überfüllt. Allein 2014 gab es 327 Wegweisungen von gewalttätigen Partnern aus den gemeinsamen Wohnungen und 876 Interventionen der Polizei in Familien.

Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Schichten, beim Arbeiter, Arzt oder Bankdirektor. Die Opfer sind Frauen, die jung oder alt sind, mit oder ohne Arbeit. Und Gewalt in der Paarbeziehung kann jede Frau treffen. Allerdings gibt es Anzeichen. Etwa, wenn der Partner sehr eifersüchtig und besitzergreifend ist, bei sehr traditionellen Rollenbildern mit festen Stereotypen, oder wenn versucht wird, die Frau von Familie und Freunden zu isolieren: In diesen Fällen kann es zu Gewalt kommen, das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein.

Diese Gewalt bedeutet, dass die Frau um ihr Leben und um das ihrer Kinder fürchten muss, dass sie nicht mehr zuhause bleiben kann, weil sie geschlagen wurde oder Gefahr läuft, wieder geschlagen zu werden. Die Gewalt verläuft zyklisch und gliedert sich in Aufbau, Gewaltalt, Entschuldigung und Versöhnung. Wer Gewalt schon erlebt hat, will sie vermeiden und erkennt die Anzeichen, wenn die Spannung sich aufbaut. In diesen Fällen können Frauen zur Beratung zu ‚Femmes en détresse‘ kommen. Hier entscheiden sie, ob sie in ein Frauenhaus gehen wollen und können. Frauen, die in einem Frauenhaus unterkommen wollen, haben oft schon länger darüber nachgedacht, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen. Rufen sie die Polizei und fordern eine Wegweisung, wollen sie meistens nur, dass die Gewalt aufhört.

Im Frauenhaus beträgt die Aufenthaltsdauer eigentlich vier Monate. Allerdings bleiben die meisten länger, weil sie keine eigene Wohnung finden. Denn die Frauen, die bei uns Schutz suchen, haben oft kein oder nur ein geringes Einkommen und daher wenig Chancen auf eine Wohnung. Frauen, die ein gutes Einkommen haben, suchen zwar eine Beratungsstelle auf, aber oft haben sie andere Möglichkeiten, sich direkt eine Wohnung zu nehmen. Die Betroffenen können nach dem Frauenhaus drei Jahre in einer Zweitphasenwohnung, einer Art betreutes Wohnen, leben. Die meisten Frauen stehen nach den Monaten im Frauenhaus wieder auf eigenen Beinen. Es sind meistens starke Frauen, die ihren Alltag schnell wieder im Griff haben.“