ANNETTE WELSCH

Das Phänomen häusliche Gewalt wird sehr ernst genommen in Luxemburg - es gehörte 2003 zu den ersten Ländern, die sich ein Gesetz dazu mitsamt der Regelung der Wegweisungen des Täters gegeben hat. Wenn man bedenkt, dass in unserem Kulturkreis bis Anfang der 1990er Jahre der Begriff häusliche oder private Gewalt noch für die legitime Gewaltausübung gegenüber allen Angehörigen der Familie stand - einschließlich körperlicher Züchtigung und sexueller Nötigung -, sind wir in relativ kurzer Zeit weit gekommen. Heute ist auch diese Gewalt, die sich in der Privatsphäre abspielt, in der der Staat lange Zeit nichts verloren hatte, ein Unrecht mit allen strafprozeduralen Konsequenzen.

Zufrieden kann man mit der Situation aber nicht sein. 789 Mal wurde die Polizei letztes Jahr gerufen, weil häusliche Konflikte eskalierten, teils musste hart durchgegriffen werden. Aber angesichts der stetig wachsenden Bevölkerung ist eine stabile Lage bei den Fällen häuslicher Gewalt schon ein Fortschritt. Man kann auch davon ausgehen, dass sich immer mehr Opfer trauen, offiziell nach Hilfe zu rufen- insofern die Dunkelziffer also möglicherweise sinkt-, denn im Laufe der Jahre wurde das System zu ihrer Unterstützung ausgeweitet und professionalisiert. Das Langzeit-Ziel sollte sein, dass jeder Fall angezeigt wird, denn Gewalt gehört verurteilt. Allein weil oft Kinder involviert sind und sich die Gewaltspirale dann fortsetzt. Positiv ist auch zu vermerken, dass die Zahl der Täter steigt, die sich von sich aus bei den Therapeuten von „Riicht eraus“ Hilfe suchen, um aus ihrer Situation herauszukommen. Wenn sich langsam die Einsicht breit macht, dass man Hilfe braucht und auch bekommt, wenn man sein Verhalten ändern will, ist ein großer Schritt getan.

Als gestern der Jahresbericht 2016 zur häuslichen Gewalt vorgestellt wurde, ging es um nackte Zahlen. Empfehlungen spricht das Kooperationskomitee nicht aus. Dafür habe man 2015 eine Studie beim „Luxembourg Institute of Health“ in Auftrag gegeben, die sich mit den Ursachen und der Prävention befasste, hieß es. Deren erste Empfehlung von zehn - die alle soweit umgesetzt werden - ist es, die psychologische Gewalt mit im Gesetz aufzunehmen, das sich bislang nur auf physische Gewalt beschränkt, weil diese Spuren nachweisbar sind.

Auch wenn in der Praxis die Fälle, wo lautstark die Drohung „Ich schlag’ Euch alle tot“ geäußert wird, als Wegweisungsgrund anerkannt ist, weil es die Androhung einer Straftat ist, so sind wir weit von dem entfernt, was als psychologische Gewalt anerkannt ist: Drohungen, Nötigung, Stalking, Beschimpfung, Bevormundung, Demütigung, Einschüchterung, emotionale Manipulation, ... In der LIH-Studie wurde herausgefunden, dass weit über doppelt so viele Studienteilnehmer, die körperliche Gewalt erfahren haben, über psychologische Gewalt klagten - 511 gegen 218 Fälle. Auch sie mache physisch krank, sagen die Experten, deswegen sei es fundamental wichtig, die Opfer häuslicher Gewalt auch vor dieser Art von Aggression zu schützen, denn sie habe direkte Auswirkungen auf das Wohlbefinden und auf die Entwicklung von Kindern, sofern welche präsent sind. Französische Richter bestellen sich die Paare in solchen Fällen ein und urteilen dann. Die Beweissicherung allein sollte also kein Hindernis sein.